Interview

Stadtpräsident Thomas Niederberger: «Wir hatten trotz allem noch zu viele Kontakte»

Der Kreuzlinger Stadtrat hat per Donnerstag die Verwaltung für den Publikumsverkehr geschlossen – wenn auch contre cœur.

Martina Eggenberger Lenz
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Stadtpräsident Thomas Niederberger.

Stadtpräsident Thomas Niederberger.

(Bild: PD)

Der Stadtrat hat am Mittwoch kurzfristig entschieden, die Schalter der Verwaltung dicht zu machen. Wieso haben Sie sich nun zu diesem Schritt entschieden?

Thomas Niederberger: Wir hatten am Montag ja zu, um das weitere Vorgehen zu planen. Es wurden Plexiglasscheiben an den Schaltern montiert und eine Eingangskontrolle mit Sicherheitsdienst installiert. Leider mussten wir feststellen, dass trotz allem noch zu viele Leute ins Stadthaus kommen, teils auch unreflektiert.

Wie muss man sich das vorstellen?

Es gab Kunden, die eine halbe Stunde in der Schlange standen, nur um dann ihre Steuererklärung persönlich abzugeben. Dabei hätten sie diese ja einfach draussen in den Briefkasten legen können. Auch auf dem Einwohneramt hatten wir immer noch rund hundert Kontakte täglich, gerade auch wegen Corona und dem Interesse an Familiennachzügen. Wir haben versucht, unser Angebot so lange es geht aufrechtzuerhalten, aber wir mussten nun reagieren und den radikalen Weg gehen.

Ist es im alten Stadthaus mit den engen Gängen und kleinen Räumen besonders schwierig, die Menschen auf Distanz zu halten?

Sicher wäre es einfacher mit einer zentralen Lösung. So mussten wir für jeden einzelnen Standort einen Plan ausarbeiten.

Welchen Service kann die Stadt den Einwohnern noch bieten, wenn die Türen geschlossen sind?

Es ist heute sehr vieles telefonisch oder auf digitalem Weg möglich. Wenn etwas dringend ist, kann man nach wie vor einen Termin vereinbaren - nach telefonischer Voranmeldung. Wir sind vollumfänglich für unsere Bürger da.

Wie arbeitet die Stadtverwaltung hinter den Kulissen weiter?

Wir sind grundsätzlich in Vollbetrieb. Mitarbeiter, die zur Risikogruppe gehören, arbeiten im Homeoffice. Auch andere Mitarbeiter, die nicht zwingend vor Ort präsent sein müssen, haben diese Möglichkeit. Im Moment arbeitet etwa zehn Prozent des Büropersonals von zu Hause aus. Wir waren zum Glück schon vorher gut ausgerüstet für Homeoffice.

Und wie schützen Sie die Mitarbeiter, die weiterhin in den Verwaltungsgebäuden tätig sind?

Wie gesagt haben wir neu die Plexiglasscheiben an den Schaltern und die Eingangskontrolle, die sicherstellt, dass nicht zu viele Personen gleichzeitig das Stadthaus betreten. Nebst der Abendreinigung gibt es neu auch eine Desinfektionsrunde zur Mittagszeit. Wir versuchen, Abstand zu halten. Sitzungen finden in grösseren Räumen statt, zum Beispiel im Rathaus. Und natürlich haben wir mehr Telefonkonferenzen als vorher. Am Montag haben wir so zum Beispiel die Vorstandssitzung von Kreuzlingen Tourismus abgehalten.

Haben überhaupt alle noch etwas zu tun, wenn so viele Termine abgesagt sind?

Ja, durch die Absagen konnten wir die nötige Zeit für unser Krisenmanagement gewinnen. Der Stadtrat und die Taskforce tagen seit einer Woche täglich, auch am Wochenende. Andere Mitarbeiter nutzen die Zeit, um Liegengebliebenes abzuarbeiten. Und innerhalb der Abteilungen und Teams unterstützt man sich, wo man nur kann.

Besonders schwierig ist die aktuelle Situation auch für die Wirtschaft, die jetzt mit schlimmen Einbussen umgehen muss. Sind Sie über die Lage der lokalen Unternehmen informiert?

Ich bin in Kontakt mit dem Arbeitgeberverband und dem Gewerbe. Ich habe den Präsidenten meine Unterstützung angeboten. Gerade von kleineren Firmen erreichen mich Rückmeldungen. Für sie ist das, was passiert, brutal. Für uns alle ist die Situation eine riesige Herausforderung.

Hatten Sie eigentlich Kontakt zum Corona-Fall 1 im Thurgau, der Kreuzlinger Ärztin?

Persönlich nicht, nein. Während Sie und Personen aus ihrem Umfeld in Quarantäne waren, hat sie der Zivilschutz des regionalen Führungsstabs aber eng betreut, das hat gut funktioniert, wie ich gehört habe. Es hat sich gezeigt: Wir sind parat und gut aufgestellt.

Was bereitet Ihnen im Moment am meisten Sorgen?

Ich würde mir wünschen, dass die Menschen den Ernst der Lage noch mehr sehen und sich noch mehr zurückziehen würden und die Empfehlungen des Bundesrates beachten würden. Ja, das Wetter ist schön. Und ja, viele sitzen jetzt zu Hause und wollen ihre Zeit produktiv nutzen. Aber - nur als Beispiel - es ist jetzt einfach nicht der richtige Zeitpunkt, Sachen zum Werkhof zu bringen. Wenn ich sehe, dass Italien an einem Tag wieder 475 Tote zu beklagen hatte, dann beunruhigt mich das schon.

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