«So geht man nicht mit langjährigen Mitarbeitern um»: Die Eftec in Romanshorn hat mindestens sieben Personen entlassen

Die Eftec äussert sich nicht zur Entlassung von sieben Mitarbeitenden. Für einen Betroffenen ist klar, dass er und die anderen wegen der Coronakrise gehen mussten. Die Tochterfirma der Ems-Gruppe bestreitet diese Vermutung.

Markus Schoch
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Die Eftec hat wegen der Coronakrise ihre beiden Werke in Romanshorn für zehn Tage geschlossen.

Die Eftec hat wegen der Coronakrise ihre beiden Werke in Romanshorn für zehn Tage geschlossen.

Bild: Reto Martin

Peter. M.* sah das Unglück nicht kommen. Er war aber auch nicht überrascht, als es ihn ereilte. Was nicht heisst, dass Peter M. deswegen weniger wütend gewesen wäre – und es immer noch ist. «So geht man nicht mit langjährigem Personal um.»

Der 55-Jährige Peter M. arbeitet seit 1998 bei der Eftec in Romanshorn, die dort in zwei Werken mit etwas über 100 Angestellten Prozessmaterialien und Applikationssysteme zum Kleben, Schützen, Dichten und Dämpfen für die Automobilindustrie herstellt und Teil der Ems-Gruppe mit SVP-Nationalrätin Magdalena Martullo-Blocher an der Spitze ist.

Am 26. März informierte einer seiner Vorgesetzten Peter M. am Telefon, dass er per sofort freigestellt sei. Die Entlassung kam für ihn aus heiterem Himmel. Noch am Vortag hatte ihn ein anderer Vorgesetzter angerufen und ihm mitgeteilt, er müsse für zwei Wochen in Quarantäne. Peter M. war mit seiner Frau zwei Wochen in Thailand in den Ferien.

Widersprüchliche Erklärungen für Entlassung

Warum ihn die Eftec 24 Stunden später ohne Vorwarnung oder Verweis auf die Strasse gestellt hat, weiss Peter M. nicht, der seine Geschichte bereits der Wochenzeitung (WoZ) erzählt hat. Der Laborant hat nur mündliche Erklärungen, und die sind widersprüchlich. Zuerst hiess es, die Firma trenne sich aus wirtschaftlichen Gründen von ihm. Beim Austrittsgespräch eröffnete ihm der Chef der Personalabteilung, es liege an seiner Leistung und an seinem aufmüpfigen Verhalten.

Peter M. kann sich über die Vorwürfe nur wundern. In einem Zwischenzeugnis von 2016 lobt ihn die Eftec in den höchsten Tönen. Er sei ein überaus verantwortungsbewusster und sehr selbstständiger Mitarbeiter, der seine Aufgaben speditiv und effizient erledige. «Herr (...) erbringt sowohl qualitativ als quantitativ sehr gute Leistungen», heisst es dort. Um etwas Verbindliches in der Hand zu haben, hat Peter M. von seinem Arbeitgeber eine schriftliche Begründung für die Entlassung verlangt. Erhalten hat er sie bis heute nicht.

Opfer der Coronakrise

Peter M. geht davon aus, dass er wegen der Coronakrise gehen musste, so wie mindestens sechs weitere Mitarbeiter der Eftec in Romanshorn. Dass es ihn traf, habe wahrscheinlich mit seinem Alter zu tun.

«Ich war in der Abteilung wohl einfach der teuerste.»

Die Ems-Gruppe bestreitet diese Vermutung. Ohne allerdings zu sagen, was es mit den Entlassungen auf sich hat. «Zu einzelnen Kündigungen nehmen wir generell keine Stellung», heisst es auf Anfrage.

Klar ist: Peter M. ist kein Einzelfall. Das bestätigen weitere Betroffene. Es geht um Mitarbeiter im Verkauf, im Controlling, der Buchhaltung und im Sekretariat. Klar ist auch, dass Ems die Talfahrt der Weltwirtschaft zu spüren bekommt. Auf ihrer Webseite schreibt die Firma:

«Aufgrund des 2018 eingeleiteten Effizienzprogramms und der frühzeitig ergriffenen Massnahmen auf der Kostenseite konnten die negativen Auswirkungen auf die Profitabilität begrenzt werden.»

Und weiter: «Entsprechend der tieferen Nachfrage mussten die Produktionstätigkeiten reduziert werden.» Auch in den Romanshorner Werken, die während zehn Tagen geschlossen waren. Seit Osterdienstag läuft die Produktion wieder.

Jahresarbeitszeitmodell statt Kurzarbeit

Kurzarbeit ist für Ems in der Schweiz kein Thema.«Auftragsschwankungen fängt Ems über ein Jahresarbeitszeitmodell auf. Im Vergleich zu Kurzarbeit hat es den Vorteil, dass die Mitarbeiter jederzeit den vollen Lohn behalten», schreibt die Firma auf Anfrage. Peter M. hat eine andere Erklärung: Das Unternehmen kann so den Aktionären weiter eine Dividende auszahlen, ohne sich dem Vorwurf auszusetzen, es missbrauche dafür Staatsgelder.

«Die Zeche zahlen Mitarbeiter wie ich.»

Die Ems-Gruppe wies im letzten Jahr einen Rekord-Nettogewinn von 523 Millionen Franken aus. In der Firma zähle nur noch der Profit, sagt Peter M. Dass es mit der Wertschätzung nicht weit her ist, hat auch Gewerkschaftssekretär Lukas Auer von der Unia aus der Eftec-Belegschaft gehört.

Im Moment hätten alle Schiss, als nächste vor die Tür gestellt zu werden, sagt Peter M. Auer hat noch zwar keine konkreten Anzeichen dafür, er befürchtet aber, dass die Eftec weiter schrittweise jeweils ein paar wenige Angestellten frei stellt, um so die Verfahren bei einer Massenentlassung zu umgehen.

Peter M. will für seine Rechte kämpfen

Er selber sei mit der Führung bei der Eftec nicht mehr glücklich gewesen, sagt Peter M.

«Es hat wohl einfach sein sollen, dass ich gehen musste.»

Er will sich jetzt beruflich neu orientieren und das Bademeister-Brevet machen. Bei einem börsenkotierten Unternehmen wird er nie mehr arbeiten. Das Kapitel bei der Eftec hat Peter M. noch nicht ganz abgeschlossen. Er will mit einem Anwalt für seine Rechte kämpfen. «Das bin ich den anderen Angestellten schuldig.»

* Name der Redaktion bekannt

Dividendenverbot

Kommission will Bundesrat Beine machen

Unternehmen, die für ihre Angestellten Kurzar­beits­ent­schä­digung beziehen, sollen keine Dividenden ausschütten dürfen. Das will die Kommission für soziale Sicherheit und Gesundheit des National­rats mit einer Motion durchsetzen, nachdem der Bundesrat kein Musikgehör für entsprechende Forderungen gezeigt hat. Das Verbot soll Unternehmen ab einer bestimmten Grösse betreffen und für das laufende und das nächste Jahr gelten. (red.)