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In Weinfelden singen sie gegen das Nervenflattern

Beim Public Viewing im Festzelt der Arthur Bar gingen die Emotionen hoch gestern Abend. Mit viel Bier, Klatschen und lauten Zwischenrufen haben die Fans das an Spannung kaum zu überbietende WM-Spiel der Schweizer gegen Brasilien mitgelebt.
Mario Testa

Zum Schluss des Spiels nimmt die Kadenz der Qualmer beängstigende Ausmasse an. Zigi um Zigi wird angezündet. Andere klammern sich an ihre Bierflasche, wieder andere verschränken die Hände wie zum Gebet, beissen sich in die Faust. Die letzten Minuten des Spiels der Schweizer Fussballnationalmannschaft gegen die Auswahl der Samba-Kicker aus Brasilien ist an Spannung nicht zu überbieten.

Die Chancen für Gelb-Grün häufen sich, und dann erst noch ein Freistoss – und auch noch ein Eckball. «Pfiiif endli ab, du!», schreit einer gegen die Leinwand, als könnte ihn der Schiedsrichter im fernen Rostow hören. Aber dann tut es dieser sogar und grosser Jubel bricht aus. Alles springt von den Bänken im Festzelt hinter der Arthur Bar in Weinfelden. Das Unentschieden ihrer Helden in Russland fühlt sich an wie ein Sieg.

Über 100 Menschen haben zuvor eng aneinander gepfercht auf den Festbänken auf die Leinwand gestarrt. Anfänglich gespannt, dann erfreut nach dem schwungvollen Start der Nati, aber bald schon ernüchtert, als Coutinho schon früh den vermeintlichen Torreigen für die Seleção eröffnete. Es sollte besser kommen und die Stimmung kippen.

Kreuze auf der Backe

Wer hat, trägt rot. Die einen sind in Fahnen und Trikots gewandet, die anderen begnügen sich mit einem Schal, vereinzelt prangen geschminkte rot-weisse Kreuze auf den Backen der Frauen. Vielen sieht man nur anhand der Reaktionen an, für wen ihr Herz schlägt. Gelb-Grün sucht man vergebens. Einzig die drei grossen Mähdrescher, die sich zu später Stunde noch an den langen Reihen geparkter Autos vorbeischieben, tragen diese Farben.

Gedroschen wird drinnen im Festzelt aber nur auf die Festbänke – wenn der Schiri mal wieder pfeift, wo er doch nicht sollte, auch wenn er vielleicht sogar recht hat. Oder wenn ein Ball haarscharf am Tor vorbeistreift. «90 Minuten dagegen halten», gibt Moderator Sascha Ruefer zu Begin aus den Lautsprechern die Devise vor. Zum Schluss werden es 96 Minuten sein – und zu sehen bekommen die TV-Zuschauer viel mehr als nur ein Dagegenhalten ihrer Schweizer Nati.

Grinsen und Johlen, wenn der Gegner fällt

An der Bar schuften sie, das Bier fliesst, die Würste brutzeln. Im Zelt wird applaudiert bei jedem gelungenen Tackling Behramis, später bei jeder Auswechslung eines Schweizers. Hämisches Grinsen, wenn in Zeitlupe Neymar gezeigt wird, der unsanft mittels Griff in die Textilien zu Boden gerissen wird. Kurz vor der Pause springen die ersten erstmals auf, «Lauf, lauf!», – doch der Mann aus Sursee verstolpert den Ball. Nix wird's aus dem Ausgleich.

Die Pause naht und es kommt Bewegung in die Besucher. Um vor der Masse am Bierstand oder auf der Toilette zu sein, kämpfen sich die ersten durch die engen Reihen raus. Der Regen hat aufgehört. Pausenpfiff. Toilette, Bier, Bratwurst. «Me mached’s no», sagt ein Zuschauer nach Wiederanstoss. Ein Bub schnappt sich seinen Ball und geht lieber selber Kicken, als auf die Leinwand zu gucken.

Kaum ist er doch wieder zurück im Zelt, unbändiger Jubel. Steven Zuber köpft die Schweiz ins Glück. «Oleee, Oleee ... Schwiizer Nati, Schwizer Nati ...» Fangesänge erklingen im Thurvorland. Und sie erschallen eine halbe Stunde später wieder. Im Moment der grössten Spannung – die grosse Überraschung zum Greifen nah, die 90 Minuten sind um – wird das grosse Nervenflattern in der Nachspielzeit einfach weggesungen, weggetrunken, weggeraucht. Und diese Taktik geht auf. Wie ein Sieg wird nach dem Abpfiff das Unentschieden gefeiert.

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