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Selbstjustiz gegen den Glockenschlag: Mann stoppt Kirchengeläut im Thurgau mit einer Zeitschaltuhr

Weil es seiner Familie den Schlaf raubte, unterband ein Anwohner das Morgengeläut der Wäldemer Kirche mit einer heimlich angebrachten Zeitschaltuhr. Doch vor dem Bezirksgericht Kreuzlingen leugnet der Mann die Tat.
Urs Brüschweiler
Der Tatort: Der Kirchturm in Wäldi. (Bild Donato Caspari)

Der Tatort: Der Kirchturm in Wäldi. (Bild Donato Caspari)

«Waren Sie im Kirchturm und haben die Glocken zum Schweigen gebracht?» Einer der Kreuzlinger Bezirksrichter fragte den Angeklagten ganz direkt. «Nein, ich war das nicht», kam die überzeugte Antwort des Beschuldigten. Wie seine DNA auf die im Wäldemer Kirchturm sichergestellte Zeitschaltuhr kam, daraus konnte sich der 45-jährige deutsche Familienvater aber auch keinen Reim machen. «Zu der betreffenden Zeit stand meine Garage immer offen und entsprechendes Material war dort vorhanden», versuchte er einen Erklärungsansatz zu liefern.

«Ja, das Läuten hat uns sehr gestört und uns in unserer Lebensqualität beeinträchtigt. Aber nein, ich war das nicht.» - Angeklagter

Die Lösung dieses skurril anmutenden Falles von vermeintlicher Selbstjustiz am Bezirksgericht Kreuzlingen steht noch aus. Die Gerichtspräsidentin gab nämlich noch kein Urteil bekannt, sondern ermunterte die Parteien – einerseits den Mann, der in der Nähe der Kirche lebt, andererseits die reformierte Kirchgemeinde Lipperswil/Wäldi – doch noch einen Vergleich zu schliessen und sich aussergerichtlich zu einigen. «Damit die Kirche im Dorf bleibt», wie die Richterin treffend anmerkte.

Ein halbes bis ganzes Jahr ohne Morgengeläut

Die Tat müsse passiert sein zwischen September 2014 und Dezember 2015. Genauer konnte es die Staatsanwaltschaft nicht eingrenzen. Weil das Morgengeläut unerklärlicherweise ausgefallen war, schickte die Kirchgemeinde mehrmals einen Turmtechniker, der allerdings lange vergebens nach der Ursache suchte. Erst im Juli 2016 entdeckte man den Übeltäter: Eine im Dachgebälk versteckt angebrachte Zeitschaltuhr unterbrach jeweils morgens um 6 Uhr die Stromzufuhr zum Schlagwerk der Turmglocke. Verdächtigt, das Gerät installiert zu haben, wurde in der Folge ein Nachbar, der sich schon mehrfach über den Lärm der Glocken beklagt hatte, den Zugang zum Kirchturm bereits kannte und dessen DNA die Polizei auf dem Gerät fand. «Er hatte das Motiv, das Know-how und es gibt den Beweis am Tatort», stellte die Staatsanwaltschaft fest und klagte ihn wegen Sachbeschädigung und Hausfriedensbruch an.

«Er hatte ein Motiv, er hatte das Know-how und seine DNA war am Tatort. Das schreit nach einer Erklärung.» - Staatsanwaltschaft

Gar nichts sei bewiesen, fand der Verteidiger des Beschuldigten und zerpflückte die Anklage nach allen Regeln der Kunst. «In dubio pro reo. Im Zweifel für den Angeklagten.» Einen Freispruch verlangte er.

Obwohl die Vertreterin der Staatsanwaltschaft noch darauf hinwies, dass es in der Verhandlung nicht um die politische Diskussion über die Lärmemissionen von Kirchenglocken ging, war das Thema dennoch allgegenwärtig. 85 Dezibel müsste seine Familie im Haus ertragen, wenn «sie läuten mit allem was sie haben», sagte der Mann zur Richterin. Und sie seien auch nicht die Einzigen in Wäldi, die sich an dieser Beschallung störten. Entsprechende Anmerkungen an die Adresse der Kirchgemeinde seien jeweils beantwortet worden mit: «Dann hätten sie halt nicht neben die Kirche zügeln sollen.»

Wer bezahlt die teure und unnötige Fehlersuche?

Sollte sich die Kirchgemeinde mit dem Mann noch einigen können, würde der Strafantrag der Staatsanwaltschaft – eine bedingte Geldstrafe und 2640 Franken Busse – hinfällig. Im Fokus der Verhandlungen steht wohl eher der Schadenersatz und die Genugtuung, den die Kirchgemeinde als Zivilklägerin geltend macht. Es geht dabei um rund 13'600 Franken für die Fehlersuche und einen unnötigen Ersatz der Läutetechnik.

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