Interview

Schulstreit Wigoltingen: Begründer nimmt Stellung zur Kritik an seinem Schulmodell

Peter Fratton ist Begründer des pädagogischen Konzeptes des autonomen Lernens in gestalteter Umgebung. Es ist jenes Konzept, welches die beiden Wigoltinger Schulleiter Mirko Spada und Philipp Zimmer in der Volksschule umsetzen wollen. Dies kritisierte Willi Ruoss, ehemaliger Schulpsychologe, stark. Fratton erklärt, was sein Konzept ausmacht.

Sabrina Bächi
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Peter Fratton, Begründer des autonomen Lernens in gestalteter Umgebung. (Bild: PD)

Peter Fratton, Begründer des autonomen Lernens in gestalteter Umgebung. (Bild: PD)

Was kennzeichnet Ihre Pädagogik?

Peter Fratton: Hauptmerkmal ist, dass Kinder und Jugendliche möglichst individuell in einer gestalteten Lernumgebung und mit einem klaren Leistungsanspruch ihre Kompetenzen erweitern können. Ein wichtiger Pfeiler des Konzeptes ist das persönliche Coaching. Jeder Schüler hat seinen persönlichen Coach, mit dem er fachliche oder lernpsychologische Fragen bespricht. Damit die Lernenden ihre Lernzeit individuell gestalten können (der eine braucht mehr Lernzeit für Mathe, der andere für Englisch) gibt es in einem Haus des Lernens das Lernatelier. Hier steht ein Lehrer für Beratung und Begleitung zur Verfügung.

Stellen sie eine klare Führung für Kinder in Frage?

Überhaupt nicht. Im Gegenteil. Klare Regeln und Ordnungsprinzipien ermöglichen erst Individualität. Zudem wollen und brauchen gerade Jugendliche in der Pubertät Grenzen. Diese akzeptieren sie durchaus, wenn sie erleben, dass es ohne Grenzen schwierig oder unmöglich wird, konzentriert zu arbeiten.

Was sind die Vorteile ihrer Lernmethoden?

Ein wesentlicher Vorteil liegt darin, dass die Schüler auf ihrem eigenen Weg zu ihren Zielen begleitet werden. Es gibt keinen Unterricht, in dem alle gleichaltrigen Kinder die gleichen Ziele beim gleichen Lehrer zur gleichen Zeit mit dem gleichen Lehrmittel im gleichen Raum gleich gut erreichen müssen.

Was sind die Nachteile?

Damit das Konzept wirklich funktioniert, müssen die Lehrer bereit sein, in Präsenzzeiten zu arbeiten. Sie müssen Lehrer und Begleiter sein. Ihre Aufgabe besteht im Unterrichten, im Begleiten im Lernatelier und im persönlichen Coaching. Dazu braucht es eine entsprechende Bereitschaft und Empathie, die nicht jedermanns Sache ist.

Haben die Schülerinnen und Schüler später Probleme beim Übertritt in die Berufswelt?

Nein, im Gegenteil, denn Betriebe wollen Lehrlinge, die möglich selbstständig sind und nicht nur zuwarten, bis einer sagt, was zu tun ist. In vielen Schulen liegt das Schwergewicht des Lernens in der Fachkompetenz. Selbstkompetenz, Sozialkompetenz und Methodenkompetenz sind der Fachkompetenz nachgeordnet.

Können Sie die Kritik an Ihrem Schulsystem nachvollziehen?

Wenn es heissen würde, dass jeder machen kann, was er will, die Kinder einfach alleine lernen – dann kann ich das sehr gut nachvollziehen. Wenn eine Schule so arbeiten würde, würde ich sofort eingreifen. Meine Erfahrung ist, dass Kinder leisten wollen. Aber wer Leistung verlangt, muss Sinn bieten.

Gibt es Jugendliche, für die Ihre Art der Unterrichtsform nicht geeignet ist?

Ich glaube, diese Unterrichtsform ist für so viele geeignet wie die staatliche. Eine Schule in Deutschland, welches das Prinzip des autonomen Lernens stark berücksichtigt, hat vergangene Woche einen Schulpreis erhalten, der das unterstreicht.

Sind Lehrer, die Ihre Pädagogik nicht unterstützen, rückwärtsgewandt?

Nein, das wäre sehr überheblich. Es gibt verschiedene Formen der Individualisierung und der persönlichen Begleitung. Allerdings halte ich Unterrichtsformen wie «klassischer» Unterricht für nicht mehr zeitgemäss und eine Zumutung für die Schüler und Lehrer. (sba)