Schnipp schnapp kurz vor knapp: Der letzte Termin bei einem Amriswiler Coiffeur

Bis Montag um Mitternacht durften Coiffeure noch Haare schneiden. Auch der Amriswiler René Schär griff nochmals zur Schere.

Manuel Nagel
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René Schär schneidet schon seit mehr als 40 Jahren an der Bahnhofstrasse die Haare der Amriswiler.

René Schär schneidet schon seit mehr als 40 Jahren an der Bahnhofstrasse die Haare der Amriswiler.

(Bild: Manuel Nagel)

Eigentlich wäre der Montag ja sein freier Tag – wie er es in all den 40 Jahren ist, seit René Schär seinen Coiffeursalon an der Bahnhofstrasse in Amriswil führt. Alt-Gemeindeammann Ernst Bühler liess sich ebenso von ihm die Haare schneiden wie alt-Stadtpräsident Martin Salvisberg. Und nun auch dessen Nachfolger Gabriel Macedo.

Als ich im Sommer 1986 als zehnjähriger Knirps nach Amriswil zog, wurde Herr Schär ebenfalls mein Coiffeur – und er ist es noch heute, obwohl er mittlerweile seit letztem Sommer pensioniert ist. Doch bis seine ehemalige Lehrtochter den Betrieb übernimmt, schneidet er weiterhin meine Haare und auch die vieler anderer Amriswiler.

Am letzten Montag könnte es für längere Zeit das letzte Mal gewesen sein. Gerade die Coiffeurbranche treffen die Richtlinien des Bundes besonders hart. Sie machen sie faktisch arbeitslos. Es dürfte auch in der Stadt Amriswil viele Härtefälle geben.

Keine Einnahmen, aber die Ladenmiete bleibt

René Schär gehört nicht zu diesen, dessen ist er sich bewusst. René Schär sagt:

«Mich trifft es nicht so hart wie einige meiner Kolleginnen und Kollegen.»

Zwar sei er dank der AHV nicht mehr auf den Lohn angewiesen, aber auch als Rentner muss Schär seine Ladenmiete weiter bezahlen und hat für mindestens diesen Monat keine Einnahmen.

Auch ich war kein Härtefall, der an diesem Montagabend unbedingt noch ein Haarschnitt brauchte, obwohl meine Matte schon wieder ziemlich lang war. Ich war dennoch froh, dass René Schär an seinem freien Montag spontan zusagte für diesen Termin. «Ich habe danach ja einige freie Tage», meinte er lapidar.

So sprachen wir während der halben Stunde, in der ich in seinem Drehstuhl vor dem Spiegel sass, natürlich über das Corona-Virus und dessen Auswirkungen im Allgemeinen und auf die Coiffeure im Speziellen. Ob er denn als Rentner vom Bund auch mit finanzieller Unterstützung rechnen könne? Schär wusste es auch nicht, und es ist auch keine existenzielle Frage für ihn, aber er sagte:

«Eigentlich sollte ich Unterstützung bekommen, denn ich versteuere ja meine AHV und meine Einnahmen aus dem Salon ebenfalls.»

Viele fragen nach Hausbesuchen

Arbeit hätte René Schär genug, das sollte der folgende Tag zeigen. Schär bekommt am Dienstag viele Anrufe und Whatsapp auf sein Handy. Ob er denn nicht auch Hausbesuche machen könne, wenn man nicht mehr in den Salon dürfe. Natürlich würde er seinen langjährigen Stammkunden diesen Gefallen gerne tun, doch er ist sich auch seiner Verantwortung bewusst. Als Ü-65er gehört nicht nur Schär zur Risikogruppe. Er sagt:

«Die meisten meiner Kunden sind natürlich mit mir älter geworden und nun selber im Pensionsalter.»

Da will er nichts riskieren, zumal auch die Arbeit als Störcoiffeur ab sofort nicht mehr erlaubt ist.

So war ich am Montagabend kurz vor knapp René Schärs letzter Kunde für mindestens einen Monat. Für alle Coiffeure hoffe ich jedoch, dass sie nach dem 19.April wieder arbeiten dürfen.

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