Scherzingen
Winzer organisieren sich: Auf dem Areal der alten Weinkellerei Rutishauser keltert nun die neu gegründete Weinhandwerk AG

Nach der Schliessung der Scherzinger Weinkellerei Rutishauser standen die lokalen Winzer vor der Frage, wo sie ihren Wein künftig keltern lassen sollen. Drei von ihnen haben sich nun mit dem alten Kellermeister zusammengetan, eine AG gegründet und nehmen die Sache nun selber in die Hand.

Inka Grabowsky
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Winzerin Liselotte Füllemann in ihren Reben.

Winzerin Liselotte Füllemann in ihren Reben.

Bild: Inka Grabowsky
«Ich hatte ein paar schlaflose Nächte, als im März klar wurde, dass ich im Herbst eine neue Lohnkellerei brauchen würde.»

Das sagt die Berlinger Winzerin Liselotte Füllemann. Die traditionsreiche Weinkellerei Rutishauser, bei der Füllemann ebenso wie viele andere kleinere Weinbauern ihre Weine produzieren liess, hatte den Besitzer gewechselt und bekanntgegeben, dass sie den Standort in Scherzingen aufgibt und stattdessen in grossem Stil in Winterthur Wein macht.

Kleinmengen mit lokalen Spezialitäten, von denen nur wenige hundert Liter abgefüllt werden, waren in dem Konzept nicht mehr vorgesehen. «Ich war nebst meinem Beruf als Winzermeisterin 20 Jahre bei Rutishauser angestellt und bin es zu einem gewissen Pensum noch. Das Unternehmen hat mir angeboten, in Winterthur weiter mitzuarbeiten», erzählt Füllemann. Von Scherzingen aus habe sie unter anderem die Winzer betreut, die wie sie selbst bei Rutishauser produzieren liessen. Darunter war auch Urs Haag aus Hüttwilen, mit dem sie sich nun zusammengeschlossen hat. Hinzu kommt Marco Grüninger von Grüningers Rebbau.

Alter Kellermeister neu engagiert

Die kleinen Produzenten mussten sich also nach einem anderen Kelterer umsehen. «Doch die sind nicht gerade leicht zu finden, wenn man auf eine bestimmte Qualität Wert legt», sagt Füllemann. «Ausserdem wollten Marco, Urs und ich jeweils den Stil unserer Weine beibehalten, denn unsere Kunden mögen ihn.» Deshalb hätten sie auch gedacht, dass es schade wäre, einen Kellermeister mit dem passenden Know-how weggehen zu lassen.

«Der Gedanke, ein eigenes Unternehmen zu gründen, das dort weitermacht, wo Rutishauser aufgehört hat, geisterte jedem von uns im Kopf herum.»
Die Winzer Liselotte Füllemann, Urs Haag und Marco Grüninger haben gemeinsam mit dem Kellermeister Patrick Gantenbein (im hellen Poloshirt) die Weinhandwerk AG gegründet.

Die Winzer Liselotte Füllemann, Urs Haag und Marco Grüninger haben gemeinsam mit dem Kellermeister Patrick Gantenbein (im hellen Poloshirt) die Weinhandwerk AG gegründet.

Bild: PD

Die drei vertiefen die Kontakte, die sie bisher schon gepflegt hatten, und wurden Teilhaber der selbst gegründeten Weinhandwerk AG. Kellermeister Patrick Gantenbein ist nun Mitaktionär der AG und gleichzeitig ihr Angestellter. Liselotte Füllemann ist Geschäftsführerin und Kundin.

Sie haben viele 320-Liter-Tanks übernommen

Da das alte Gebäude der Weinkellerei Rutishauser zum Teil leer stand und auch die Infrastruktur für die Produktion von Kleinmengen noch intakt war, blieben die Gründer am Ort. Sie mieteten sich ein und kauften dem neuen Besitzer insbesondere viele von den 320-Liter-Tanks ab, für die er keine Verwendung mehr hatte. «Sie haben sie uns zu einem fairen Preis überlassen», meint Liselotte Füllemann. Im Ganzen sei alles sehr partnerschaftlich abgelaufen. «Wir sind ja auch keine Konkurrenz, weil wir in einer ganz kleinen Nische arbeiten.»

Um die Investitionen zu finanzieren und die Lohnkosten für den Kellermeister und seine Helfer aufzubringen, suchten die Gründer weitere Winzer, die die Kelterung durch Patrick Gantenbein als Dienstleistung in Anspruch nehmen wollten. Sechs zusätzliche Kunden haben sie bereits gewonnen.

«Wir fangen erst einmal klein an. Unser Ziel ist ja nicht, möglichst viel Wein zu keltern, sondern unsere eigenen Weine wie gewohnt zu vinifizieren.»

Ende September, Anfang Oktober werden die ersten Trauben vom Müller-Thurgau nach Scherzingen gebracht. Die Weinproduktion beginnt wieder. Der Standort dort soll aber nur eine Zwischenstation sein. Fernziel der Weinhandwerk AG ist es, irgendwo an zentraler Lage eine eigene Kellerei zu bauen. «Aber das ist wirklich Zukunftsmusik», sagt Liselotte Füllemann. «Die nächsten Saisons sehen wir erst einmal, wie es in Scherzingen läuft.»

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