Schafft Töne über beliebige Skulpturen: Klangkünstler Stefan Philippi eröffnet am Samstag in Arbon sein Ohrenkino

Der gelernte Schreiner plant im Gebäudekomplex ZIK eine besondere Ausstellung: Eine fürs Ohr und nicht fürs Auge. Im Zentrum steht der Klang, den er herstellt über die verschiedensten Materialien.

Max Eichenberger
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Eröffnet am Samstag sein Ohrenkino: Klangkünstler Stefan Philippi.

Eröffnet am Samstag sein Ohrenkino: Klangkünstler Stefan Philippi.

Max Eichenberger

Der Raum ist mehrere Meter hoch, verwinkelt und bestückt mit verschiedenartigen Installationen. Ihnen eigen ist, dass sie nicht allein visuell auf den Betrachter wirken. Durch Anschlagen und Berührung, Streichen und mechanisch ausgelöste Bewegung erzeugen sie Klänge. Im Zusammenspiel entstehen ganze Klangbilder: mal archaisch-mystisch, mal verträumt-poetisch. «Klänge können wunderbare Assoziationen wecken. Man hört Geräusche und setzt sie um in Bilder», beschreibt Stefan Philippi deren Faszination. In vielen Menschen löse das etwas aus:

«Klänge berühren die Sinne und regen die Fantasie an.»

Meditativer Kontrapunkt zur Dauerbeschallung

Jetzt hat der Klangkünstler seine Vision eines Ohrenkinos realisiert, in dem solche Erfahrungen erlebbar werden: in den umgebauten Räumen der ememaligen Saurer-Waschanlage im ZIK an der Weitestrasse, direkt hinter der «Wunderbar». Auf das Ohrenkino-Projekt hat der Saarländer zwei Jahre hingearbeitet. In einer hektischen Welt, die pausenlos beschallt wird, setzt es einen meditativen Kontrapunkt.

Die kulturaffinen Eigentümer des ZIK-Komplexes sind Stefan Philippi entgegengekommen, diesen Traum zu verwirklichen. Die Vermieter übernahmen die baulichen und technischen Massnahmen, stellten die Hülle, Wasser und Strom bereit. Eigenleistungen erbrachte Philippi mit Peter Gmünder zusammen beim Innenausbau und bei konstruktiven Details, um die Objekte wirkungsvoll in Szene zu setzen. Die Räume wirken teils kubisch und sind zweieinhalb bis fünf Meter hoch.

Kino total: Das Licht unterstützt den Klang

Da gibt es in einer Ecke geschliffene Messingröhren, die an langen Metallseilen an der hohen Decke baumeln und dort verbunden sind mit grossen Trommeln. Werden die Röhren bewegt, überträgt sich die Schwingung und damit der Klang über die Saiten auf die Resonanzkörper. Das Resultat: ein wundersam sphärisches Klangspiel. Gegenüber lässt ein lautloses Gebläse hinter einer transparenten Leinwand eine Feder tanzen, die eine Klangmechanik in Gang setzt und zudem Bilder eines Schattenspiels hervorzaubert – Kino total. Das Licht im Raum variiert: von hell, gedimmt bis düster-dunkel. «Ich setze es variabel ein, um den Klang zu unterstützen», erklärt der 62-jährige Tüftler.

Vor fünfzehn Jahren war Stefan Philippi in die frühere Saurer-Dreherei eingezogen. Zunächst betrieb er dort seine Klang-Experimentierschmiede: die «Werkstatt am See». Darin entstanden alle die Objekte, die er an Klangskulpturen-Festivals wie der Arbonale im öffentlichen Raum und an anderen Orten bespielt und Besuchern auch interaktiv zugänglich macht. Die Werkstatt ist jetzt zum Ohrenkino hin verlegt worden. Ebenerdig ist sie hinter der «Wunderbar» zugänglich für Passanten. Wenn Stefan Philippi am Arbeiten ist, manchmal auch auf dem Vorplatz, ist sie offen. Man kann ihm über die Schulter schauen.

«Skulpturale Klangkunst» ist seine Berufung

Akustische Phänomene interessieren den 62-Jährigen seit jeher. «Skulpturale Klangkunst» nennt er seine Berufung, mit gestalterischer Kreativität und spielerisr Neugier das Klanguniversum zu erforschen.

«Es gibt kein Material, das nicht klingt. Wir haben eine Fülle an Materialien zur Verfügung, Steine, Blech, Metalle, Holz, Plastik, um Klänge damit zu erzeugen.»

Im Entstehungsprozess der Objekte habe man vielleicht eine Vorstellung, wie sie tönen, wisse aber nie genau, was herauskommt. «Ich arbeite am Klang und experimentiereWas dabei entsteht, bezeichnet der musikakademisch ungeschulte Klangkünstler als urchige Volksmusik - und sich selber als «fähigen Dilettanten».

Nahe der Seepromenade soll sich das Ohrenkino als niederschwellige Kulturinstitution in Arbon etablieren. Ab dem Einweihungstag am 12. September läuft parallel während vier Wochen die Ausstellung «Ohrensachen für den Augenblick» als Zwischennutzung einer früheren mechanischen Werkstatt. Neben Philippi sind in dieser Halle mit Baustellen-Groove Fredi Gmünder, Patrick Benz und Marc Moser mit Objekten vertreten.

Hinweis

Eröffnung Samstag, 12. September, 16 Uhr (Weitegasse, hinter der «Wunderbar»). Stündliche Performances. In der Werkstatt nebenan ist zudem die Ausstellung «Ohrensachen für den Augenblick» während vier Wochen geöffnet. Öffnungszeiten: samstags und sonntags von 11 bis 20 Uhr.

Vom Schreiner zum Klangkünstler

Schon als Jugendlicher hat Stefan Philippi Trommeln gebastelt. Nach dem Abitur wollte er etwas Handwerkliches machen. Er lernte Schreiner, machte Ausbildungen im Instrumentenbau und in Musikpädaogik. Angetrieben davon, die Möglichkeiten der Klangerzeugung weiter auszuloten, sei für ihn die Entwicklung vom Instrumentenbauer zum Klangkünstler «logisch» gewesen. (me)

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