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«Sauerei», «Katastrophe», «Riesenproblem»: Frust und Enttäuschung unter den Mittelthurgauer Wirten in der Coronakrise

Wann Restaurants und Bars wieder öffnen dürfen, ist unklar. Einige setzen vorläufig auf Take-Away-Lösungen, andere Lokale sind ganz zu. Alle Wirte leiden unter der Schliessung ihrer Lokale zwischen Kreuzlingen und Weinfelden.

Mario Testa / Sabrina Bächi
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Carl Näther und Tabea Breiter bereiten in der Küche des «Giusi's» in Weinfelden die Take-Away-Gerichte vor. Als Liebespaar haben sie in der kleinen Küche auch keine Berührungsängste.

Carl Näther und Tabea Breiter bereiten in der Küche des «Giusi's» in Weinfelden die Take-Away-Gerichte vor. Als Liebespaar haben sie in der kleinen Küche auch keine Berührungsängste.

Bild: Mario Testa (Weinfelden, 23.04.2020)

Die letzte Pressekonferenz der Bundesräte in Bern am Mittwoch war für die Gastronomie eine grosse Enttäuschung. Nicht nur, dass der Bundesrat noch kein Datum für eine Wiedereröffnung durchgab, die Branche wurde gar nicht erst erwähnt. Nun müssen die Wirte aus dem Mittelthurgau weiterhin selber Lösungen suchen und die Schliessung ihrer Lokale weiterhin akzeptieren.

Peter Günter, Wirt Restaurant Seegarten Kreuzlingen.

Peter Günter, Wirt Restaurant Seegarten Kreuzlingen.

(Bild: PD)

Peter Günter vom Restaurant Seegarten in Kreuzlingen ist darüber sehr enttäuscht. «Das ist eine Katastrophe. Ich nerve mich auch noch immer über Daniel Koch, der bereits vor dem Lockdown sagte, wir Restaurants könnten Distanzregeln ohnehin nicht einhalten und trotz bestehendem Konzept von Gastro Suisse zwei Tage später alles dicht machte.» Dank Take-Away konnte Günter in den vergangenen Wochen immerhin etwa einen Viertel des sonstigen Umsatzes erwirtschaften. «Und jetzt können wir immerhin wieder die Klinik Seeschau beliefern», sagt er.

Er habe auch ein Konzept für die Wiedereröffnung parat. «Aber leider wissen wir überhaupt nicht, welche Vorgaben uns der Bund machen will. Was sicher nicht geht, ist eine Maskenpflicht für das Servicepersonal und die Gäste. Ich wünschte mir in der ganzen Sache einfach etwas mehr XMV – Xunde Mänscheverstand.»

Grosse Leere und Enttäuschung

Reto Lüchinger, Wirt Restaurant Eisenbahn Weinfelden.

Reto Lüchinger, Wirt Restaurant Eisenbahn Weinfelden.

(Bild: Andrea Stalder)

Reto Lüchinger vom Gasthof Eisenbahn in Weinfelden hat die Pressekonferenz geschaut und war ernüchtert. «Im ersten Moment herrschte eine grosse Leere und Enttäuschung bei mir. Da wurden Museen und Zoos erwähnt, aber wir Gastronomen haben rein gar nichts erfahren zu allfälligen Öffnungsplänen», sagt er. Sein Restaurant und das Hotel hat Lüchinger komplett geschlossen, für seine 33 Mitarbeitenden Kurzarbeit angemeldet.

«Wir sind überhaupt nicht für Lieferservices eingerichtet, das überlasse ich denen, die es können. Wir haben bei Kollegen auch schon was bestellt.»

Bis Mitte Juni könne er so noch weitermachen, danach werde es kritisch. «Ich sehne mich nach der Wiedereröffnung. Aber Masken gehen gar nicht. Mir ist dann doch lieber, wie müssen eine Woche länger zu lassen, können danach aber wieder richtig loslegen.»

Marina Wettstein, Wirtin Pizzeria Lago Mio Mannenbach.

Marina Wettstein, Wirtin Pizzeria Lago Mio Mannenbach.

(Bild: PD)

Marina Wettstein von der Pizzeria Lago Mio in Mannenbach hat Verständnis für die Massnahmen des Bundes. «Aber am Anfang war ich schon gefrustet, als wir gar nichts Neues erfahren haben zu unserer Situation», sagt sie. Am nächsten Tag jedoch hätten sie probiert die Situation mit Humor zu nehmen und ein lustiges Video über Distancing im Restaurant gedreht und veröffentlicht. «Wir versuchen positiv zu bleiben. Immerhin unser Take-Away läuft gut. So habe ich und meine Mitarbeiter weiterhin einen Lebensinhalt und etwas zu tun.»

Lösungsansätze für eine Öffnung hat Wettstein. «Draussen auf den Terrassen sollte es gehen, aber es wäre vom Stil her eher ein Selbstbedienungs- als ein Speiserestaurant.»

Heidi Grewe, Wirtin Gasthaus zum Bahnhof Berg.

Heidi Grewe, Wirtin Gasthaus zum Bahnhof Berg.

(Bild: PD)

Keine Lust mehr auf die Pressekonferenzen

Heidi Grewe vom Gasthaus zum Bahnhof in Berg schaut die Pressekonferenzen des Bundesrats schon gar nicht mehr. «Der Bundesrat verspricht und Herr Koch ist übervorsichtig, das ist so schwierig. Die Situation nervt. Und nun gibt es gar Prognosen die erste für nächsten Sommer die Rückkehr zur Normalität voraussagen», sagt sie. Ihr Restaurant ist zu, nur noch die Gastzimmer kann Grewe weiterhin vermieten, wenn auch ohne Service und Frühstück.

«Es ist ein Tropfen auf den heissen Stein. Gleichzeitig müssen wir natürlich immer nach dem Rechten sehen, die Blumen tränken und so weiter.»

Szenarien für eine Wiedereröffnung habe sie mit ihrem Mann schon durchstudiert. «Aber das ist so schwer. Geht’s nur per Buffet, brauchen wir Masken? Wir müssen wohl oder übel abwarten. Take-Away lohnt sich bei uns einfach nicht, vielleicht mal eine exklusive Fleischplatte am Wochenende. Ansonsten ist da Berg einfach die falsche Adresse bei all den Hausfrauen, die selber kochen für ihre Familien.» Sie höre von Gästen, die sich freuen, wieder zu kommen. «Und auch wir freuen uns sehr, sie wieder begrüssen zu dürfen.»

Giuseppe Storniolo, Wirt Giusi's Bistro Weinfelden.

Giuseppe Storniolo, Wirt Giusi's Bistro Weinfelden.

(Bild: Mario Testa)

Giuseppe Storniolo von Giusi’s Bistro in Weinfelden macht sich Sorgen über eine Wiedereröffnung. «Wenn wir wieder öffnen, dann hoffe ich sehr, dass auch die Gäste wieder kommen. Sonst ist alles noch schlimmer», sagt er. Lieber würde er abwarten, bis alles wieder seinen normalen Gang geht und die Gäste ein Essen auswärts im Restaurant ungehindert wieder geniessen können. Eine Öffnung mit Distanz- und Schutzregeln kann er sich nicht vorstellen.

«Gerade im Restaurant geht es darum, Kontakt zu haben.»

In der Zwischenzeit hält er sich mit Take-Away-Angeboten und gratis Lieferservice über Wasser. «Es ist für mich und meine Mitarbeiter auch mehr eine Beschäftigungstherapie und gibt ein bisschen Normalität», sagt Storniolo. Die Kurzarbeit, die er dennoch anmeldete, greife gut. Zusammen mit dem Take-Away und einer Mietreduktion könne er die Fixkosten decken.

Es fehlen die Grossanlässe

Christoph Frei, Wirt Landgasthof Wartegg Wigoltingen.

Christoph Frei, Wirt Landgasthof Wartegg Wigoltingen.

(Bild: PD)

Christoph Frei vom Landgasthof Wartegg im Wigoltinger Hasli setzt während der Coronazeit ebenfalls aufs Take-Away. «Das läuft sehr gut», sagt Frei. Sie hätten extra ein günstiges Mittagsmenü im Angebot, das von vielen geschätzt werde. «Wir haben dadurch viele neue Kunden, die aus der ganzen Region kommen», sagt er. Doch es schleckt keine Geiss weg: «Uns fehlen die Grossanlässe. Versammlungen, Hochzeiten, Bankette.» Über die Weisungen des Bundesrates ist er frustriert.

«Es ist eine Sauerei und ein Riesenproblem.»

Niemand könne sagen wie es weiter geht. Das sei enorm schwierig. Er stehe glücklicherweise nicht vor der Pleite, aber je länger es gehe, desto schwieriger werde es. Er hofft, dass eine Lockerung kommt und der Vorschlag von Gastro Suisse mit den Abstandsregeln umgesetzt werden könne. «Es wäre ein Lichtblick», sagt Frei. Doch auch wenn er mit grossem Abstand zwischen den Tischen wieder Gäste bewirten könnte – was ihm fehlt sind die grossen Veranstaltungen.

Sabrina Bornhauser, Wirtin Wirtschaft zum Eigenhof Weinfelden.

Sabrina Bornhauser, Wirtin Wirtschaft zum Eigenhof Weinfelden.

(Bild: Andrea Stalder)

Sabrina Bornhauser von der Wirtschaft zum Eigenhof in Weinfelden ringt um Worte wenn es um die derzeitige Situation geht. «Schwierig», sagt sie. «Es ist einfach sehr schwierig.» Solange man nicht genau wisse, wann und unter welchen Bedingungen die Gasthäuser wieder öffnen dürfen, sei es fast unmöglich einen Plan zu machen.

«Natürlich überlegen wir uns, was wir machen könnten, wenn es wieder losgeht.»

Allenfalls die Gartenwirtschaft vergrössern. Oder die grosse Gaststube nutzen und den Mindestabstand einhalten. Bis dahin hat sie Kurzarbeit angemeldet. Take-Away bietet sie nicht an. «Unsere Küche eignet sich nicht dafür», sagt Bornhauser. Aber im Sommer würde sie sich schon überlegen, allenfalls Salatteller «überd Gass» zu verkaufen. Doch auch hier: die Unsicherheit sitzt im Nacken. Aus finanzieller Sicht habe sie das Glück, einen Familienbetrieb zu führen. «Da hilft man sich in schwierigen Situationen gegenseitig.»

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