Rückkehr einer Schweizer Eishockey-Ikone: Warum Anja Stiefel bei den Thurgau Indien Ladies wieder das Eis unter den Füssen spüren will

Olympiabronze-Gewinnerin Anja Stiefel bringt als Assistenzcoach der Thurgau Indien Ladies internationale Erfahrung in das NLA-Frauenteam aus Kreuzlingen. Es brauchte seitens des Klubs jedoch zwei Anläufe, um sie von diesem Job zu überzeugen.

Daniel Monnin
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Ernährung und Regeneration sind wichtige Themen für Assistenzcoach Anja Stiefel im Umgang mit den Spielerinnen.

Ernährung und Regeneration sind wichtige Themen für Assistenzcoach Anja Stiefel im Umgang mit den Spielerinnen.

Donato Caspari (Kreuzlingen, 2. August 2020)

Nach dem Gewinn des schwedischen Meistertitels und dem Rücktritt auf dem Höhepunkt ihrer Karriere deutete im Frühling 2018 wenig auf eine baldige Rückkehr aufs Eis. Anja Stiefel wollte ihre Ausbildung zur Naturheilpraktikerin wiederaufnehmen, die sie während ihres zweijährigen Aufenthalts im hohen Norden unterbrochen hatte.

Sie habe alles erreicht, was man erreichen könne, sagte Stiefel damals nach 13 Jahren in den Topligen in Schweden (mit Lulea), Kanada (Calgary) und der Schweiz (DSC Oberthurgau, Reinach, Lugano). Ihr Palmarès spricht für sich: Drei Meistertitel, zwei davon mit Lugano und einer mit Lulea, fast 300 Ligapartien, 180 Länderspiele für die Schweiz, mit der sie zweimal Bronze an Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen holte.

Wieder mit dem Hockeyvirus infiziert

Heute, anderthalb Jahre später, änderte ein einziger Telefonanruf Stiefels nahe Zukunft: «Alles lief so, wie ich es mir vorgestellt hatte: Ich machte meinen Abschluss, baute meine eigene Beratungsfirma auf. An einen Rücktritt vom Rücktritt und eine Rückkehr aufs Eis habe ich eigentlich gar nie richtig gedacht. Ich war zu sehr mit Studium und Beruf beschäftigt.» Bis Thomas Naef, der Leiter des neugegründeten NLA-Frauenteams Thurgau Indien Ladies, Stiefel anfragte, ob sie in seinem Trainerstab mitmachen wolle. Naef bot Stiefel an, mit dem Team in Sachen Ernährung und Regeneration zu arbeiten. «Das sind Themen, die ich auch in meiner Praxis anbiete. Zudem hat es mich gereizt, meine Kenntnisse und Erfahrungen einzubringen», sagt Stiefel. Deshalb habe sie mit ihrer Zusage auch nicht lange gezögert.

«Gleichzeitig habe ich mich wieder mit dem Hockeyvirus infiziert», sagt sie und gibt zu, «dass ich ab und zu auch daran gedacht habe, wieder aufs Eis zurückzukehren.» Doch sie ist überzeugt, dass sie nicht voll hätte dahinterstehen können: «Ich hätte nicht alles dafür geben können, vor allem auch aus beruflichen Gründen.»

Mentaltraining, Ernährung und Regeneration

Stiefel folgte der Einladung zum Kick-off der Thurgau Indien Ladies, dem Nachfolgeteam von Weinfelden, wo die 30-Jährige der Equipe und dem Trainerstab ihre Ideen in Sachen Mentaltraining, Ernährung und Regeneration präsentierte. «Es fühlte sich gut an, ich spürte das Interesse der Spielerinnen – das hat mich zusätzlich motiviert.»

Das Angebot, auch als Co-Headcoach des neuen Südtiroler Trainers Matthias Rehmann tätig zu werden, lehnte sie jedoch ab. Stiefel sagt:

«Ich bin von meinem Naturell her kein Headcoach, zumindest noch nicht. Ich arbeite lieber individuell mit den Spielerinnen.»

Vor ein paar Wochen passten die in Kreuzlingen beheimateten Thurgauerinnen das Anforderungsprofil für ihre zweite Trainerstelle an: «Thomas Naef bot mir an, als Assistenztrainerin und Health Coach zum Team zu stossen», sagt Stiefel. «Dieser Vorschlag hat mich überzeugt.»

Der Entscheid fühle sich richtig an, sagt Stiefel nach den ersten Eistrainings: «Ich bin begeistert von der neuen Aufgabe und fühle, dass ich mich einbringen kann.» Sie spüre das gegenseitige Vertrauen und den Respekt ihr gegenüber, das sei wichtig für die kommenden Wochen und Monate. Mit einem Lächeln ergänzt sie, dass es «sich durchaus gut anfühlt, wieder auf dem Eis zu stehen und zu sehen, dass ich noch nicht alles verlernt habe». Also doch ein Rücktritt vom Rücktritt? Stiefel lacht, sagt aber bestimmt: «Nein, dazu gefällt mir meine neue Aufgabe zu sehr, als dass ich sie leichtfertig aufs Spiel setzen würde. Schliesslich kann auch ich von dieser Aufgabe profitieren.»

Thurgau Indien Ladies erst im Final gestoppt

Vergangenes Wochenende nahmen die Thurgau Indien Ladies am Women’s Cup in Huttwil teil, gecoacht von Anja Stiefel. Am Saisonvorbereitungsturnier besiegten die Thurgauerinnen die NLB-Teams Langenthal und Zunzgen-Sissach mühelos, gegen die GCK Lions resultierte ein 0:0. Im Halbfinal besiegten die Indien Ladies den Ligakonkurrenten Bomo Thun 2:0. Der Final gegen die ZSC Lions war lange ausgeglichen. Am Ende resultierte für Thurgau eine knappe 0:2-Niederlage.

Für die NLA-Saison 2020/21, die am 26./27. September beginnt, rüsten die Thurgau Indien Ladies ihr Kader weiter auf. Von Ligakonkurrent Neuchâtel wechselt Simona Studentova zu den Ostschweizerinnen. Die 34-jährige, tschechische Internationale spielt seit 2012 in der Schweiz, nebst Neuchâtel für Reinach, Lugano und das NLB-Team Bassersdorf. (red)