Romanshorn: Mit Anita Seiler-Meier endet die Fatzer-Dynastie

Anita Seiler-Meier ist letzten Monat verstorben. Sie hatte nach dem Tod ihres ersten Ehemannes Ernst Seiler eine der erfolgreichsten Schweizer Unternehmen geführt.

Lara Jörgl
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Anita Seiler-Meier (1943-2018)

Anita Seiler-Meier (1943-2018)

Anita Seiler-Meier, die letzte «Patronne» der Firma Fatzer AG, ist am 19. Juli nach langer, schwerer Krankheit verstorben. Ihr Ehemann hatte sie bis zuletzt zu Hause gepflegt.

Die Firma Fatzer, die auf leistungsstarke Seile spezialisiert ist, wurde vor allem durch ihre Qualität und den Service bekannt. Sie geniesst bis heute noch einen sehr guten internationalen Ruf.

«Sie ist eine Macherin gewesen. Sie hat die Ärmel hochgekrempelt und einfach angefangen. Allerdings war sie auch intellektuell auf einer sehr hohen Ebene», sagt ihr Mann, Hans-Dieter Meier-Seiler. «Trotz ihrer unbestrittenen Fähigkeiten hat sie es vorgezogen, nicht in der Öffentlichkeit zu stehen. Sie mochte die Diskretion und trennte ihr Privatleben vom Beruf.»

Sie gab ihren Mitarbeitern Geschenke zu Weihnachten

Besonders die Angestellten haben ihr sehr am Herzen gelegen: Zu Weihnachten haben sie und ein weiterer Kollege sich häufig als «Samichlaus» und «Schmutzli» verkleidet. Daraufhin bekamen alle Geschenke. Das Wohl ihrer Angestellten sei ihr sehr wichtig gewesen.

Als sie wegen gesundheitlicher Probleme vor rund 25 Jahren zurücktreten und die Firma verkaufen musste, hätte sie diese dem Höchstbietenden übergeben können, aber ihr moralischer Kompass habe sie davon abgehalten. Sie beschloss, die Firma bloss unter drei Bedingungen zu verkaufen: Das Unternehmen musste weiter Fatzer AG heissen, den Sitz musste es weiterhin in Romanshorn haben und die Mitarbeiter mussten übernommen werden. Prämissen, von der sowohl die Gemeinde Romanshorn als auch die Angestellten der ­Fatzer AG profitierten.

Sie initiierte den Bau der «Windspiele»

Nicht nur durch die Fatzer AG hat Anita Seiler-Meier die Hafenstadt bereichert, sondern auch durch das in Auftrag geben des Kunstwerks «Windspiele», das von Kurt-Laurenz Metzler realisiert wurde. Den ehemaligen Schüler von Giacometti hatte sie noch aus Studienzeiten gekannt. Die eins zu zehn Kopie wurde der Gemeinde Romanshorn geschenkt und steht seit dem als ein Wahrzeichen der Gemeinde im Hafen der Stadt.

Viele Leute nehmen Anteil am Leben und Schicksal der Unternehmerin: Es seien viele Kondolenzkarten im Hause Meier-Seiler eingegangen, viele davon von ehemaligen Geschäftspartnern, die sie wohl sehr geschätzt haben.

«Das goldene Zeitalter der ‹Patrons› und ‹Patronnes› ist vorbei. Heute haben wir eigentlich nur noch Managements. So eine Leidenschaft für Firma und Mitarbeiter ist selten geworden», sagt Meier.

Die wohl letzte «Grand Dame» der Ostschweiz hat einiges für die Nachwelt hinterlassen und wird mit Sicherheit nicht so schnell in Vergessenheit geraten.