Romanshorn
Die Schweizerische Bodensee Schifffahrt fährt mit leichter Schlagseite in die neue Saison: Für die dringend nötige Restaurierung der Motorschiffe Thurgau und Zürich fehlt das Geld

Der Umsatz im letzten Jahr lag fast ein Drittel unter Budget. Der Verlust 2020 beträgt 1,7 Millionen Franken. Die Renovation der MS St.Gallen konnte das Unternehmen nur dank eines Bankkredites über 2 Millionen Franken abschliessen. Jetzt denkt Verwaltungsratspräsident Hermann Hess laut über staatliche Investitionshilfen nach.

Markus Schoch
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Eine Passagierin mit Schutzmaske und die Schweizer Fahne auf der MS Zürich.

Eine Passagierin mit Schutzmaske und die Schweizer Fahne auf der MS Zürich.

Bild: Gian Ehrenzeller/Keystone (24. August 2020)

Die Schweizerische Bodensee Schifffahrt (SBS) ist weit davon entfernt, unterzugehen. «Wir haben genügend Liquidität, um allen Verpflichtungen nachzukommen und den Betrieb im April/Mai aufzunehmen,» stellt Verwaltungsratspräsident Hermann Hess klar. Aber die privaten Besitzer sind nach dem Kauf des Unternehmens vor bald 15 Jahren in einer noch nie dagewesenen Situation. Ihnen fehlt erstmals Geld aus der laufenden Geschäftstätigkeit, um in die Infrastruktur des Betriebes zu investieren, den die SBB jahrzehntelang vernachlässigt hatte, sodass nach wie vor Nachholbedarf besteht. Und damit meint Hess nicht neue Geschäftsfelder wie den Erlebnisspielplatz auf der Bunkerwiese oder das Hafenhotel, die mit über 25 Millionen Franken zu Buche schlagen dürften. Hess sagt:

«Es verbleiben immer noch unsere beiden Oldtimer MS Thurgau und Zürich mit Jahrgang 1932, die denkmalgerecht restauriert und technisch erneuert werden müssen.»

Die Kosten dafür belaufen sich auf je 4 Millionen Franken. Dafür müsste die SBS ungefähr vier Jahre so arbeiten können, wie sie es lange getan hat. Nach drei Übergangsjahren von 2007 bis 2009 erzielte die Firma jährlich einen Cashflow von 2,2 bis 2,5 Millionen Franken, bis 2019 summierten sich die selbst erarbeiteten Mittel auf 25 Millionen Franken. Den gesamten Betrag und zusätzlich rund 10 Millionen Franken an Hypotheken steckten die Aktionäre in die Erneuerung der Werft, den Umbau des Bürogebäudes, den Bau der Hafenplattform, eine Frischzellenkur für die MS Säntis und MS St.Gallen sowie diverse Neumotorisierungen.

SBS musste einen Kredit von 2 Millionen Franken aufnehmen

Doch jetzt ist die Kasse leer. Das letzte Jahr war ein schlechtes für die SBS. Hess sagt:

Hermann Hess.

Hermann Hess.

Bild: Beat Belser
«Statt des budgetierten Umsatzes von rund 14 Millionen Franken haben wir nur knapp 10 Millionen Franken erreicht.»

Der Cashflow war zwar mit 300'000 Franken immerhin noch leicht positiv, budgetiert waren aber 2,5 Millionen Franken, die nötig gewesen wären, um die 2019 begonnene Generalüberholung der MS St.Gallen im Umfang von 5 Millionen Franken mit eigenen Mitteln finanzieren zu können.

So musste die SBS bei einer Bank einen Kredit von 2 Millionen Franken aufnehmen, was doppelt schwer wiegt, weil der Gegenwert verschwindend klein war. «Wegen Corona konnten wir das Schiff im letzten Jahr nicht einmal als Umsatzbringer einsetzen», sagt Hess. Die SBS ist deshalb in die Verlustzone gerutscht. «Aufgrund der nötigen Abschreibungen von jährlich 1,9 Millionen Franken entstand im letzten Jahr ein Verlust von 1,7 Millionen Franken.» Und das trotz Kurzarbeit und einigen Entlassungen beziehungsweise Kündigungen. Die Bilanz weist per Ende 2020 immer noch eine Eigenkapitalquote von rund 42 Prozent aus.

2021 dürfte nochmals ein schlechtes Jahr werden

Und es sieht nicht danach aus, als ob dieses Jahr besser werden könnte. Hess sagt:

«Wir betrachten die Impfstrategie des Bundesrates als gescheitert.»

Bis jetzt hätten gerade einmal 7 Prozent der Bevölkerung zweimal eine Spritze mit einem Vakzin erhalten, das sie vor Corona schützen soll. Die am Donnerstag vom Bundesrat in Aussicht gestellten 8,1 Millionen neuen Impfdosen seien zwar eine gute Nachricht. Hess ist aber skeptisch, ob bis im Sommer tatsächlich alle eine doppelte Injektion erhalten haben, die darum bitten. Und die sich dann wieder an Bord der SBS trauen.

Zudem sei bis dahin schon die Hälfte der Saison vorbei. «Wir rechnen deshalb 2021 mit einem erneut deutlich beeinträchtigten Geschäftsverlauf,» sagt Hess. Selbst wenn sich die Lage 2022 wieder normalisieren sollte, würden Investitionen in weite Ferne rücken, da sie zuerst einmal den Banken die Schulden zurückzahlen und neue Reserven aufbauen müssten, was Jahre dauern werde.

Die Zeit drängt

Die MS Zürich muss generalüberholt werden.

Die MS Zürich muss generalüberholt werden.

Bild: PD

Sie hätten aber in Bezug auf die beiden in die Jahre gekommenen Schiffe raschen Handlungsbedarf, sagt Hess. «Sie sind am Ende ihrer Lebenszeit angelangt.» Er und die anderen Aktionäre der SBS müssten deshalb möglicherweise zusätzliche Mittel einbringen, um die letzten Pendenzen zu erledigen, nachdem sie bis jetzt noch keinen Rappen Profit aus ihrem finanziellen Engagement gezogen hätten. Hess sagt:

«Wir haben uns seit 2007 weder die eingesetzten Darlehen im Umfang von 8 Millionen Franken zurückzahlen lassen noch Zinsen darauf bezogen oder Verwaltungsratshonorare in Rechnung gestellt.»

Weil es ihnen immer darum gegangen sei, der SBS eine möglichst hohe Investitionskraft zu ermöglichen.

Für den ehemaligen freisinnigen Nationalrat ist die unternehmerische Eigenverantwortung zwar ein sehr hohes Gut. «Wir haben dem in den letzten 15 Jahren konsequent nachgelebt». In der aktuell äusserst schwierigen und allein von äusseren Faktoren beeinflussten Situation könnte es seiner Meinung nach aber sinnvoll und nötig sein, den Staat um Hilfe zu bitten. Konkret denkt Hess an einen substanziellen Beitrag von Bund und Kanton an die Erneuerung der MS Thurgau und MS Zürich.

Andere Kantone helfen der angeschlagenen Schifffahrt

An anderen Seen in der Schweiz greift die öffentliche Hand der Schifffahrt bereits unter die Arme. So hat der Schwyzer Kantonsrat unlängst beschlossen, der Schifffahrtsgesellschaft des Vierwaldstättersees (SGV) die Hälfte eines Darlehens über 1 Million Franken zu erlassen, nachdem sie im letzten Jahr die Rechnung mit einem Verlust von 12 Millionen Franken abgeschlossen hatte.

Am Vierwaldstättersee greifen die Kantone der Schifffahrtsgesellschaft finanziell unter die Arme nach einem hohen Defizit im letzten Jahr.

Am Vierwaldstättersee greifen die Kantone der Schifffahrtsgesellschaft finanziell unter die Arme nach einem hohen Defizit im letzten Jahr.

Bild: Pius Amrein (18. Mai 2013)

Im Kanton Uri hat die SVP im Landrat eine Interpellation mit gleicher Stossrichtung eingereicht. Dort geht es um 270'000 Franken. Insgesamt beabsichtigen die Anrainerkantone einen Schulderlass von sechs Millionen Franken. Andere Schifffahrtsgesellschaften wie diejenige am Zürichsee würden ganz am Tropf des Staates hängen, der Defizite einfach übernehme, sagt Hess. «Wir wollen uns nicht aus der Verantwortung stehlen, aber die Pandemie hat uns besonders hart getroffen.» Mit einem rückzahlbaren Coronakredit sei ihnen nicht geholfen.