Rezension
Ein breiter Stein Kultur

Das Ermatinger Schlösschen Breitenstein feiert vierzig Jahre Psychiatrie und Kultur mit einem Buch

Dieter Langhart
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Im Park des Schlosses Breitenstein wurden immer wieder auch Vorträge gehalten.

Im Park des Schlosses Breitenstein wurden immer wieder auch Vorträge gehalten.

Bild: PD/ Roswitha Bosch

Psychiatrie und Kultur – geht das zusammen? Weniger als Therapieansatz denn als Lebenshaltung: der Lebenshaltung des Ehepaars Adolf Jens und Margit Koemeda-Lutz. Der Psychiater und Schriftsteller – ein Prager Emigrant mit sudetendeutschen Wurzeln – und die Psychotherapeutin und Publizistin suchten Ende der 1970er Jahre nach einem Anwesen für Psychotherapieseminare. Dem Kauf von Schloss Guggenbühl bei Andwil kam ein anderer Interessent mit der Abrissbirne zuvor, doch der aus Prag emigrierte Sohn eines Denkmalpflegers suchte weiter und wurde in Ermatingen fündig.

Auch der «Breitenstein» war 1981 vernachlässigt, dem Untergang geweiht, doch dann ist aus dem Schlösschen ein Bijou geworden, ein Ort der Begegnung und des Austausches über vierzig Jahre.

Wie alles begann und zu «Tagungen, Theater, Lesungen, Konzerte» wurde (so der Untertitel), erzählen mehrere Journalistinnen und Journalisten in einem Buch nach, das dieser Tage erschienen ist.

Vorwort von Martin Andreas Walser

Das Buch «Breitenstein 1981–2020» ist eine Art Tagebuch und verbindet die beiden Themenkreise des Hauses mit den Menschen, die es belebt haben und noch beleben. In seinem Vorwort spricht Martin Andreas Walser treffend «von sich öffnenden und schliessenden Kreisen».

Ein Bild aus den Gründerzeiten des «Breitenstein».

Ein Bild aus den Gründerzeiten des «Breitenstein».

Bild: PD/Privatsammlung Familie Koemeda

Begonnen hat alles mit einer Vision der Koemedas: Ihr Haus sollte ein Forum sein für den beruflichen Austausch. Die ersten zwanzig Jahre des «Breitensteins» prägte eine Reihe von Fachtagungen. Jeden Sommer tauschten sich Fachleute in den Psychotherapiewochen aus, lauschten Vorträgen, belegten Kurse und Übungen, diskutierten, bildeten sich weiter. Die Auszüge aus den Programmheften werden im ersten der vier Buchteile gar detailliert rapportiert, der lesende Laie wird sie überfliegen.

Doch zu jeder Woche gehörten literarische und musikalische Aperçus im Kellertheater, von einem deutsch-tschechischen Literaturabend über Konzerte und Lesungen bis hin zu einem Fest.

Oft waren gewichtige Stimmen zu hören: Martin Walser, Hermann Burger, Peter Stamm.

Ein feiner Kulturort

Nach zwanzig Jahren, ebenso vielen Psychotherapiewochen und eigenen Buchprojekten war das Ehepaar Koemeda «veranstaltungsmüde» und wagte etwas Neues. Ihre Vorliebe für Literatur, Musik und Theater wollten sie nach aussen tragen, Menschen zu sich einladen und mit ihnen diskutieren.

Das Buchcover «Breitenstein 1981-2020».

Das Buchcover «Breitenstein 1981-2020».

Bild:
Das Kellertheater auf Breitenstein wurde für weitere zwanzig Jahre zu einem kleinen, aber feinen Kulturort, wie es im Thurgau kaum vergleichbare gibt.

Walser und Burger kamen wieder, aber auch der Tscheche Pavel Kohout oder der Filmemacher Fredi M. Murer. Und im September 2008 interpretierten die Koemedas zusätzlich die Idee der Lesungen in Privathäusern zu Konstanz und Kreuzlingen neu mit ihren «Literaturwochenenden am Untersee». Jens Koemeda: «Wir wollten die Idee des literarischen Salons wiederbeleben.» Eine Tabelle samt Fotos fasst die Kulturveranstaltungen aus vierzig Jahren zusammen.

Moritz Leuenberger kommt zu Wort

Im dritten Teil des Buches kommen Nachbarn, Theatergäste und befreundete Künstler zu Wort: Leopold Huber und Astrid Keller vom See-Burgtheater oder alt Bundesrat Moritz Leuenberger, der zu einer Lesung von Jaap Achterberg wollte.

Den Band runden zwei (aus der Reihe tanzende) Beiträge über die Gegenwart und die Zukunft ab: Jens Koemeda mit einer Kurzgeschichte, Max von Tilzer über die menschliche Zivilisation.

Breitenstein 1981–2020, Edition 381, 228 S.

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