REPORTAGE
Ein Leuchten aus der Tiefe: Die Kreuzlinger Sporttaucher zieht es auch bei Kälte in den Bodensee

Sie brauchen nicht den Frühling abwarten: Die Mitglieder des Tauchclub Kreuzlingen wissen sich zu helfen bei tiefen Temperaturen und wenig Licht.

Inka Grabowsky
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Karl Schmid auf dem Weg in die Tiefe.

Karl Schmid auf dem Weg in die Tiefe.

(Bild: Inka Grabowsky)

Luft: 4,5 Grad, Wasser: 6,5 Grad: Schon Anfang März herrschen perfekte Bedingungen für einen entspannten Tauchgang für die Mitglieder des Tauchclubs Kreuzlingen. Gut ein halbes Dutzend hat sich gegen 19 Uhr auf dem Parkplatz hinter dem Seeschulhaus in Steckborn zusammengefunden und setzt die blau-weisse Alphaflagge:

«Taucher im Wasser.»
Oskar Zack, Präsident des Tauchclubs Kreuzlingen, und Erich Neuhauser, technischer Leiter des Clubs.

Oskar Zack, Präsident des Tauchclubs Kreuzlingen, und Erich Neuhauser, technischer Leiter des Clubs.

(Bild: Inka Grabowsky)

«Wir haben rund 70 Mitglieder», sagt der Präsident des Clubs, Oskar Zack. «Die Hälfte davon ist aktiv, und zehn von uns sind quasi süchtig und jede Woche im Wasser, egal wo wir uns treffen.» Tauchen sollte man sicherheitshalber nie allein. Deshalb bietet der Club jeden Mittwoch einen gemeinsamen Tauchgang an, immer an unterschiedlichen Orten, damit es nicht langweilig wird.

Der Tauchplatz vor Steckborn ist ideal gelegen vor einem grossen Parkplatz, sodass man mit der Ausrüstung nicht weit laufen muss. Der Einstieg ist relativ flach. Fischreiser im Wasser – künstliche Riffe aus Ästen – locken Tiere an: Chretzer, Egli oder Hechte etwa.

Unterwasserschnappschuss eines Chretzers.

Unterwasserschnappschuss eines Chretzers.

(Bild: Rafael Schwarz)

Und falls die sich nicht sehen lassen, kann man sich extra versenkte Gegenstände zum Ziel nehmen. Ein Hydrant etwa erinnert an den Stadtbrand von Steckborn, eine Madonnenstatue dekoriert den Seeboden. Tauchlehrer Erich Neuhauser meint:

«Ab sechs Metern Tiefe sieht es aus wie eine Mondlandschaft. Seegras braucht Licht zum Wachsen.»

Vor Steckborn tauchen die Sportler bis in eine Tiefe von 20 Metern. Spektakuläre und etwas risikobehaftete Steilwände wie auf der anderen Seeseite gibt es nicht.

Die Fischwelt ist faszinierend.

Die Fischwelt ist faszinierend.

(Bild: Rafael Schwarz)

Tauchen ist weniger gefährlich als Velofahren

«Tauchen ist weniger gefährlich als Velofahren», meint Neuhauser. «Da weiss man ja nie, wie die anderen reagieren.» Bevor die Taucher sich paarweise auf den Weg ins Wasser machen, haben sie aber selbstverständlich ihre Ausrüstung genau überprüft.

Die Fische lassen sich von den Tauchern nicht stören.

Die Fische lassen sich von den Tauchern nicht stören.

(Bild: Rafael Schwarz)

Besondere Bedeutung beim Feierabendtauchgang im Vorfrühling hat die Lampe. Mit ihr kann man seinem Tauch-Buddy Signale geben. Vor allem aber ist sie die einzige Möglichkeit, in der Tiefe etwas zu sehen. Die absolute Dunkelheit stört hier niemanden. Sie fördere sogar die Konzentration, so Oskar Zack: «Nichts lenkt einen ab. Man sieht nur, was im Lichtkegel ist – und deshalb nimmt man mitunter mehr wahr als bei Tageslicht.»

Die Fische liessen sich von den Tauchern nicht stören. «Einige kommen sogar an und schwimmen ein paar Meter mit.» Viele Tiere seien nachtaktiv, deshalb sei bei Dunkelheit unter Wasser einfach mehr los. Die Wassertemperaturen machen den Sportlern keine Sorgen. Sie tragen Thermo-Overalls unter den Trockenanzügen. Beheizte Unterwäsche, die Spezialgeschäfte durchaus im Angebot haben, ist bei den Männern verpönt. «Das ist was für Warmduscher», heisst es übereinstimmend. Nur wenige Quadratzentimeter Haut im Gesicht kommen in Kontakt zum kalten Wasser. Eine Dreiviertelstunde halten es die Taucher deshalb gut aus. «Im Winter ist das Schlimmste, aus dem Wasser zu kommen und sich umzuziehen», sagt Werner Bächtiger.

René Oettli beim Einstieg in die Unterwasserwelt.

René Oettli beim Einstieg in die Unterwasserwelt.

(Bild: Inka Grabowsky)

Mehr oder weniger sportlich

Uneinig sind sich die Sporttaucher, wie sportlich ihr Hobby in Wirklichkeit ist. «Wir sind von der gemütlichen Truppe», meint etwa Renè Oettli. «Aber man braucht mehr Atemluft als an der Oberfläche und schläft ganz wunderbar nach einem abendlichen Tauchgang», wendet Erich Neuhauser ein. Karl Schmid sagt:

«Tauchen ist wie Yoga.»

«Man kommt auch im übertragenen Sinn runter.» Die Schwerelosigkeit beim Schweben im tiefen Wasser fasziniert die meisten Aktiven. «Gleichzeitig reizen die Naturbeobachtungen unseren Entdeckergeist», so Zack, der als früherer Berufstaucher für die Archäologen schon den halben See abgesucht hat. «Tauchen ist wie eine Droge – man will immer mehr davon.»

Die Einschränkungen wegen der Coronaregeln stören derzeit zwar das Vereinsleben. Es gibt weder das regelmässige Training im Egelsee-Bad noch das Dekompressionsbier nach dem Tauchgang. Vom Abtauchen in den See aber können sie die Enthusiasten nicht abhalten.

Es gibt viel zu entdecken am Seegrund.

Es gibt viel zu entdecken am Seegrund.

(Bild: Rafael Schwarz)