Rentner, motiviert, sucht....

Mit der Pensionierung kommen die unbegrenzten Möglichkeiten. Der dritte Lebensabschnitt ist frei von gesellschaftlichen Rollen. Doch für manch einen ist das Nichtstun eher bitter als süss.

Janine Bollhalder
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Diverse Netzwerke bringen motivierte Pensionäre zu hilfesuchenden Personen. (Bild: Fotolia)

Diverse Netzwerke bringen motivierte Pensionäre zu hilfesuchenden Personen. (Bild: Fotolia)


«Ich will mein Wissen und Können weitergeben. Auch noch im Alter», sagt Ruedi Senn aus Märstetten. Der ehemalige Primar- und Sekundarlehrer hat nach dem Tod seiner Frau wieder eine Verbindung zur Aussenwelt gesucht.

Ruedi Senn freut sich über seine Erlebnisse bei Rent a Rentner. (Bild: PD)

Ruedi Senn freut sich über seine Erlebnisse bei Rent a Rentner. (Bild: PD)

Er wünscht sich aber nicht nur sozialen Umgang. Er will sich auch für die Gesellschaft nützlich machen. «Dies kann man sich auf verschiedene Arten. Ich habe mich für Rent a Rentner entschieden», sagt der bald 70-Jährige.

Rent a Rentner ist ein Netzwerk im Internet, mit einem Konzept, ähnlich wie Dating-Plattformen: Zwei Individuen mit gegensätzlichen Bedürfnissen werden zueinander geführt. Personen wie Senn können auf dieser Plattform ihre Hilfeleistung anbieten. Hilfesuchende können diese annehmen.

Ruedi Senn engagiert sich im Bereich der schulischen Weiterbildung. «Ich habe beispielsweise einem Fremdsprachler geholfen, an der Kantonsschule aufgenommen zu werden», sagt er. Ein Erlebnis wie dieses freut ihn unheimlich. «Ich kenne viele ältere Leute, die noch helfen möchten», erzählt er.

«Ich finde es schade, dass die Erfahrung von pensionierten Berufsleuten so wenig genutzt wird.»

Einen grossen Verdienst durch sein Engagement bei Rent a Rentner hat er nicht. «Ich habe aber auch nicht alle Anfragen wahrgenommen», sagt er, «der Schwerpunkt liegt für mich darin, eine sinnstiftende Tätigkeit zu haben.»

Rent a Rentner ist kein Unikat

Der Weinfelder Pensionär Erich Rubitschon begleitet seit mehr als acht Jahren über die Plattform Adlatus KMUs, Unternehmer, öffentliche Stellen und Start-ups. «Für mich ist das ein Hobby», sagt er. Der ehemalige Betriebswirtschafer empfindet es genauso befriedigend wie der Märstetter Ruedi Senn, jemandem helfen zu können.

 «Im Alter eine Aufgabe zu haben, ist notwendig, ansonsten wird man alt. Ich kenne Altersgenossen, die keine Aufgabe haben. Sie wissen nicht, was sie mit ihrer Zeit anfangen sollen und fühlen sich unnütz. Ich finde das tragisch.»

Auch der Hüttwiler Urs Meyer engagiert sich über ein Netzwerk ähnlich Rent a Rentner und Adlatus: Er berät seit zwei Jahren hilfesuchende Unternehmen via SenExpert. «Viele Unternehmer sind handwerklich unheimlich begabt, aber vom Finanziellen haben sie weniger Kenntnis», sagt Meyer.

Im Thurgau unterstützt die kantonale Pro Senectute Rentner dabei, eine erfüllende Aufgabe zu finden. Ohne die Hilfe des Internets. «Die Auswahl an Möglichkeiten ist gross. Aber es kommt natürlich stets darauf an, was sich die betroffene Person wünscht», sagt Bernadette Götsch. Sie ist die Leiterin der Anlaufstelle für Altersfrage in Weinfelden und Teamleiterin der Freiwilligenarbeit bei Pro Senectute Thurgau. 

«Wir möchten den Menschen ein soziales Umfeld bieten. Das klappt manchmal so gut, dass die Teilnehmer eines Sprachkurses gemeinsam ins Land der erlernten Sprache fahren.»

Neben der Möglichkeit zu freiwilligen Engagements bietet die Stiftung auch entschädigte Tätigkeiten an. Geschäftsführer Raphael Herzog freut sich über den Erfolg der Angebote.

Drei Plattformen, eine Idee

Während die Pro Senectute Thurgau seit über 100 Jahren besteht, ist Adlatus mit 36 Jahren noch vergleichsmässig jung. Dennoch ist es das Älteste der drei Online-Netzwerke. Adlatus wurde 1983 gegründet. «Die Mitgliedschaft kostet 150 Franken pro Jahr», sagt Guno Fischer, Regionalleiter von Adlatus Ostschweiz, «die Kosten für die Mandate regeln die Berater mit ihren Kunden selbstständig.»

Fünf Jahre später entstand der Verein SenExpert, damals noch mit Hilfe der Pro Senectute Zürich. «Pensionäre haben neben enormem Fachwissen und Berufserfahrung auch grosse Sozialkompetenzen», sagt Alfred Hürlimann, Präsident des Vereins. «Mit Aufträgen überschwemmt, werden wir allerdings nicht», sagt er nachdenklich, «junge Manager suchen junge Berater.» Für die Mitgliedschaft bezahlen die Senioren 100 Franken. Für ihre Mandate erhalten sie eine Entschädigung.

Dass Fachwissen von berufserfahrenen Pensionären aber durchaus gefragt zu sein scheint, zeigt die Plattform Rent a Rentner. 2009 gegründet, zählte die Seite im April des Folgejahres schon über 100 Anmeldungen. Registrieren kann sich jeder kostenlos. Erst wer von zusätzlichen Dienstleistungen profitieren will, muss bezahlen.

Diese Plattform greift auch den anfangs erwähnten sozialen Aspekt auf. Berauscht vom Erfolg von Rent a Rentner haben die Gründer ein neues Netzwerk ins Leben gerufen: Es heisst «Date a Rentner».

Eine Aufgabe fürs Gehirn

«Ältere Menschen mit Lebenszielen und Aufgaben sind glücklicher und gesünder als solche ohne», sagt Pasqualina Perrig-Chiello, Präsidentin der Schweizerischen Vereinigung der Senioren-Universitäten.

Wer über eine gute Bildung verfüge und sich laufend weitergebildet habe, profitiere im Alter von diesem angesammelten Wissen.

Diese Reserve kann erwiesenermassen den Beginn einer Demenz verzögern, denn sie kompensiert für eine gewisse Zeit den Gedächtnisverlust und verkürzt somit den Verlauf.

Pasqualina Perrig-Chiello ist die Präsidentin der Schweizerischen Vereinigung der Senioren-Universitäten.(Bild: PD)

Pasqualina Perrig-Chiello ist die Präsidentin der Schweizerischen Vereinigung der Senioren-Universitäten.(Bild: PD)

Schweizweit gehören neun Universitäten der Schweizerischen Vereinigung an. Dass das Angebot beliebt ist, bestätigen die Zahlen: Die Mitgliederzahl der Senioren-Universität Bern hat zwischen 2017 und 2018 um mehr als 200 Personen zugenommen. Tendenz weiter steigend. Einen Abschluss kann man als Student der Senioren-Universitäten nicht machen.

Dennoch sagt Perrig-Chiello: «Die Studierenden sind äusserst motiviert, lernbegierig und offen für neue Themen.» Besonders treffe dies auf Frauen zu, die in ihren jüngeren Jahren bildungsbenachteiligt waren und dies heute aufholen möchten. Sie erlebt daher auch viel Dankbarkeit.

Im Thurgau gibt es noch keine Senioren-Uni. «Die Leute orientieren sich dorthin, wo die universitären Angebote für Senioren bereits etabliert sind», vermutet Perrig-Chiello. Das bestätigt Raphael Herzog von Pro Senectute Thurgau: «Unsere Angebote zur geistlichen Weiterbildung sind nicht mit jenen einer Universität zu vergleichen.»