René Ammann aus Amriswil erfüllte sich seinen Bubentraum

Er ist der letzte SBB-Lokführer aus Amriswil. Heute geht René Ammann nach 41 Jahren bei den Bundesbahnen in Pension. Das Arbeitsbild änderte sich in dieser Zeit enorm. Dennoch blieb es – seit seiner Kindheit – Ammanns Traumberuf.

Manuel Nagel
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Lokführer René Ammann geht an diesem Samstag nach 41 Jahren bei den SBB in Pension. Heute um 14.12 Uhr wird er zum Abschluss seiner Berufslaufbahn im Bahnhof Romanshorn einfahren. (Bild: Reto Martin)

Lokführer René Ammann geht an diesem Samstag nach 41 Jahren bei den SBB in Pension. Heute um 14.12 Uhr wird er zum Abschluss seiner Berufslaufbahn im Bahnhof Romanshorn einfahren. (Bild: Reto Martin)

Zweimal hat René Ammann verschlafen. In 40 Jahren. «Ich finde, das ist ein guter Wert», sagt René Ammann. Er hatte auch immer zwei Wecker gestellt, wenn er seinen Frühdienst als Lokführer bei den SBB antreten musste. Beide Male blieb es jedoch für die Passagiere ohne Konsequenzen. Die Züge fuhren rechtzeitig ab. «Es gibt fast immer Möglichkeiten, das auszubügeln», sagt er.

Von nun an haben Ammanns Wecker ausgedient. Dieser Samstag ist sein letzter Arbeitstag, und ihm wird heute wortwörtlich ein grosser Bahnhof bereitet, wenn er kurz nach zwei Uhr in Romanshorn einfährt.

René Ammann hört zwei Jahre früher auf – nicht zuletzt auch wegen der vielen Veränderungen in seinem Beruf. Er sagt:

«Es kam immer mehr Administratives und anderes hinzu, was meine Arbeit im Führerstand gar nicht betrifft»

Das bereite auch vielen Kollegen in seinem Alter Mühe. Dazu kamen all die ganzen Reorganisationen und Umstrukturierungen, die ihn in seinem Entschluss bekräftigt hätten.

Damals ein total technischer Beruf

Die Weichen für Ammanns Berufslaufbahn wurden bereits in seiner Kindheit in den frühen 60er-Jahren gestellt. Sein Vater war dabei nicht unschuldig. Der hatte eine grosse Modelleisenbahn und stellte diese im Zimmer seiner zwei Buben auf. «Da blieb nur noch Platz für ein Etagenbett. Ich schlief oben, mein Bruder unten», erinnert sich Ammann.

Lokführer René Ammann hat sich seinen Bubentraum erfüllt. (Bild: Reto Martin)

Lokführer René Ammann hat sich seinen Bubentraum erfüllt. (Bild: Reto Martin)

Er habe deshalb – so klischeehaft das auch klingen mag – seinen Bubentraum verwirklicht, sagt Ammann. «Ich wusste schon als kleiner Bub, dass ich Lokführer werden will.»

Dazu brauchte es damals noch eine vierjährige Lehre in der Elektro- und Metallbranche. Ammann lernte Maschinenschlosser in der Schweizerischen Lokomotiv- und Maschinenfabrik (SLM) in Winterthur. «Seinerzeit war das ein total technischer Beruf.»

Nach der Lehre stand die RS an. Das war eine weitere Voraussetzung, um Lokführer werden zu können: wehrpflichttauglich sein und die RS absolviert haben. 1978 kam er zuerst als Handwerker zu den Bundesbahnen, und am 1. November 1979 begann René Ammann seine Ausbildung zum Lokführer.

«Ich wollte immer zurück an den Bodensee»

Zuerst arbeitete der 63-Jährige in Zürich und kam so in der ganzen Schweiz herum, da das grösste Depot auch den grössten Rayon hat. Oftmals musste er auswärts übernachten, wenn er mit dem letzten Zug nach Hinwil oder Niederweningen fuhr. «Da lag ich dann vier, fünf Stunden auf einer Pritsche im Bahnhof, bevor ich den ersten Zug nach Hause nahm und in mein eigenes Bett konnte», sagt Ammann.

Nicht zuletzt deshalb bewarb er sich 1987 für die Stelle in Romanshorn. «Ich wollte immer zurück an den Bodensee», sagt der gebürtige Kreuzlinger. Am 1. Mai fing er in der Hafenstadt an und zwei Monate später zog er mit seiner Frau Margrit nach Amriswil.

René Ammann im Führerstand. Früher sass der Lokführer nicht, sonder er fuhr stehend, wie es der Name erahnen lässt. (Bild: Reto Martin)

René Ammann im Führerstand. Früher sass der Lokführer nicht, sonder er fuhr stehend, wie es der Name erahnen lässt. (Bild: Reto Martin)

Für das Familienleben war der Wechsel ins Depot Romanshorn positiv, weil Ammanns Arbeit geregelter war und er auch seine Freizeit besser nutzen konnte. Die speziellen Arbeitszeiten bereiteten ihm nie Mühe. «Wenn ich frühmorgens um zwei raus musste und um elf Uhr wieder zu Hause war, dann hatte ich ja noch den ganzen Nachmittag zu meiner Verfügung», sagt er

René Ammann erzählt mit Begeisterung, dass er das ganze Spektrum des Lokführerberufs erlebt habe: Auch Güterzüge, Postzüge und Manöver, also rangieren. «Das war abwechslungsreich und interessant. Ich fuhr auf vielen Loktypen. Leider wurde es dann mit der Divisionalisierung eintönig», sagt er mit Bedauern.

Wer auf Güterzügen fahren wollte, musste umziehen

Kurz vor der Jahrtausendwende teilten die SBB ihr Geschäft in Personen- und Güterverkehr sowie Infrastruktur auf. In Romanshorn gab es fortan nur noch den Personenverkehr. Wer lieber Güterzüge fuhr, der musste wegziehen. Und davon habe es einige gegeben, erinnert sich Ammann. «Ich blieb, weil ich mich hier niedergelassen hatte. Die Verwurzelung mit Amriswil stellte mich gar nicht vor die Wahl.»

Auch die Tagesleistung eines Lokführers änderte sich im Laufe der Zeit. «Früher fuhr ich mit dem Güterzug in den Rangierbahnhof Limmattal (RBL), dann eine Dienstfahrt nach Zürich, mit dem Schnellzug zurück nach Romanshorn und dort habe ich den Zug versorgt», sagt Ammann. Heutzutage fährt er in derselben Zeit von Romanshorn nach Bern, mit dem Intercity nach Zürich, mit der S-Bahn nach Brugg und zurück, und schliesslich noch mit dem Interregio nach Konstanz.

Nach 41 Jahren bei den Schweizerischen Bundesbahnen geht René Ammann in Pension. (Bild: Reto Martin)

Nach 41 Jahren bei den Schweizerischen Bundesbahnen geht René Ammann in Pension. (Bild: Reto Martin)

«Ich habe beides gern gemacht», sagt Ammann auf die Frage Personen- oder Güterzüge. Bei letzteren sei man langsamer unterwegs und könne die Umgebung besser wahrnehmen, «aber sie sind auch nachtlastiger. Das wollte ich nicht».

Austauschjahr im Tessin

Eine Schattenseite des Berufs sind die Personenunfälle. In all den Jahren hatte Ammann einen Suizid. Passiert ist es an einem Vormittag im Bahnhof Wil. Ammann sagt:

«Diesen Suizidfall habe ich gut verkraftet»

Andere Kollegen hätten in ihrer Laufbahn bis zu fünf oder sechs solcher Fälle. Früher habe man das in der Ausbildung verschwiegen, es war tabu. Heute wird es thematisiert und es gibt sogar eine Checkliste.

Lieber erzählt René Ammann von seinem Aufenthalt im Tessin im Fahrplanjahr 2006. Mit Stolz sagt er, dass auch er zu denen gehört, die über den Gotthard fahren durften. Aus der ganzen Schweiz bewarben sich Lokführer für ein Jahr in Chiasso oder Bellinzona, um Personal für Tilo (Regionalzüge Tessin Lombardei) auszubilden. Ammann bekam eine Wohnung in Bellinzona und erkundete in dieser Zeit den ganzen Kanton.

«Ich war damals in jedem hintersten Krachen»

sagt er – selbstverständlich alles mit dem ÖV und zu Fuss. Für ihn eine Lebensphilosophie. Auch in die Ferien ans Meer nach Italien reisten die Ammanns immer mit dem Zug.

In jenem Austauschjahr im Tessin habe die ganze Familie ihren Lebensmittelpunkt in den Süden verlagert, erzählt Ammann. Auch seine Frau besuchte ihn oft in Bellinzona und an den freien Wochenenden blieb das Haus in Amriswil meistens leer. Das Haus, das unmittelbar an der Bahnlinie liegt. «Wir haben nicht darauf geschaut. Das ist barer Zufall», sagt René Ammann und lacht. «Aber ein schöner Zufall.»