Rekordwert
Bauboom in Kreuzlingen: Bauverwaltung bittet um Verständnis für die Wartezeiten bei der Bearbeitung von Baugesuchen

Die Bauinspektoren haben schon viel Arbeit und der Trend scheint sich noch zu verstärken. In der Stadt wird man zum ersten Mal seit vielen Jahren die Marke von 300 Baugesuchen knacken. Für Bauherren und Investoren bedeutet das, sie müssen durchschnittlich bis zu einem halben Jahr auf eine Baubewilligung warten.

Urs Brüschweiler
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Stadtrat Ernst Zülle und Bausekretär Jean-Marc Vannier informieren über die Flut von Baugesuchen.

Stadtrat Ernst Zülle und Bausekretär Jean-Marc Vannier informieren über die Flut von Baugesuchen.

Bild: Urs Brüschweiler

Sie wollen nicht jammern und auch nicht Alarm schlagen. Denn eigentlich sei es eine positive und begrüssenswerte Entwicklung für das Kreuzlinger Bauwesen, dass die Zahl der Baugesuche markant ansteigt. Aber Stadtrat Ernst Zülle und Bausekretär Jean-Marc Vannier möchten die Bauwilligen und Investoren um Verständnis bitten für mögliche Wartezeiten.

Es gibt eine Angebotsverknappung

«Der Bauboom dauert an.»

Der Kreuzlinger Bauminister Ernst Zülle stellt dies als Tatsache fest. Dafür gebe es mehrere Gründe, wie etwa die hohe Lebensqualität am See oder auch die günstige Lage nahe Konstanz. «Diese Qualität kennen auch die Investoren. Ab und zu staune ich, wie bei Bauprojekten trotz teils hoher Preise, sofort ‹radibutz› alle Wohnungen verkauft werden können.» Hinzu kämen die tiefen Hypothekarzinsen und auch Corona tut das seinige bezüglich einer regen Bautätigkeit. «Viele nutzten die Zeit in den eigenen vier Wänden, um ihr Eigenheim auf Vordermann zu bringen.»

Baugesuch-Anzahl steigt Richtung Rekordhöhe

Im Jahr 2020 wurden in Kreuzlingen 236 Baugesuche eingereicht. Das waren bereits 30 mehr als im Vorjahr. Im ersten Halbjahr von 2021 zählte die Bauverwaltung schon über 150 Gesuche. «Wenn es so weitergeht, werden wir die Marke von 300 also knacken», sagt Bausekretär Jean-Marc Vannier. Dies passierte erst ein einziges Mal, nämlich 2012. Anschliessend folgte ein Einbruch, der wohl in einer Gesetzesänderung begründet liegt. Für kleinere Vorhaben wie Gerätehäuschen, Spielgeräte, Anstriche, Solaranlagen oder Eigenreklamen brauchen Bauwillige unter gewissen Voraussetzungen keine Bewilligung mehr. Seit 2019 steige die Zahl der jährlichen Gesuche von durchschnittlich um die 200 wieder markant an. (ubr)

Eine neue Stelle geschaffen

Die Bewältigung der Flut an Baugesuchen stellt die Mitarbeiter der Bauverwaltung vor grosse Aufgaben. Zwei Bauinspektoren kümmern sich darum, ihnen oblägen aber nicht nur die administrative Prüfung, sondern auch baupolizeiliche Kontrollen. Um die Ressourcen zu erhöhen, habe man eine weitere 50-Prozent-Stelle geschaffen. Allerdings dauere es eben seine Zeit, bis die neue Mitarbeiterin in die komplexe Materie eingearbeitet sei, erzählt Vannier.

Viel Aufwand generierten auch die Rechtsfälle, welche sich in Kreuzlingen auf stetig hohem Niveau bewegten, betont Zülle. Derzeit seien in der Bauverwaltung 30 Stück pendent. Und zum kantonalen Departement für Bau und Umwelt bestehe bei vielen Baugesuchen ebenfalls eine gewisse Abhängigkeit. «Und in Frauenfeld sind sie ebenfalls überlastet», wie Zülle sagt.

Ein Tipp an die Bauherren

Für den Stadtrat sei es deshalb wichtig, die Bauwilligen und Investoren zu informieren und um Verständnis zu bitten. Die aktuelle Situation habe die durchschnittliche Verfahrensdauer von Baugesuchen auf bis zu sechs Monate ansteigen lassen. Zwei bis drei Monate hätte das früher gedauert. Vannier und Zülle haben deshalb einen Tipp für Bauherren, um Wartezeiten zu umgehen:

«Reichen Sie ihre Baugesuche frühzeitig ein und versuchen Sie alle Abklärungen sauber zu erledigen, damit sich Nachfragen erübrigen.»

Hohe Bautätigkeit ist erwünscht

Klagen will man bei der Bauverwaltung aber nicht. Man sei im Gegenteil froh, wenn sich die Stadt rege entwickle. Gerade energetische Sanierungen fördere man ja. Und man hält auch fest, dass die innere Verdichtung der Stadt zwar einerseits politisch sehr erwünscht sei, aber eben auch zu komplexeren Verfahren führe.

Stockwerkeigentümer werden künftig direkt angeschrieben

Die Bauverwaltung hat ein weiteres Problem: Betroffene Stockwerkeigentümer seien bei Bauvorhaben bisher nur über die zuständige Verwaltung informiert worden und nicht direkt. Jedoch habe sich daraus eine rechtliche Unsicherheit ergeben, weshalb man sie künftig direkt anschreiben werde. Dazu müssten allerdings die Daten von rund 7000 Stockwerkeigentümern in Kreuzlingen zuerst erfasst werden. (ubr)