Interview
«Da ich durch die Wüste gefahren bin, ist vieles kaputt»: Nach über 500 Tagen blickt der Thurgauer Radfahrer Jörg Heierli auf die erste Hälfte seiner Afrikatour zurück

Rund die Hälfte der 45'000 Kilometer langen Strecke hat Jörg Heierli aus Schweizersholz bereits zurückgelegt. Derzeit nimmt der 29-Jährige Kurs auf Kapstadt in Südafrika.

Georg Stelzner
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Nur in der Einsamkeit Afrikas möglich: Fotoshooting auf dem Trans-Kalahari-Highway in Botswana.

Nur in der Einsamkeit Afrikas möglich: Fotoshooting auf dem Trans-Kalahari-Highway in Botswana.

Bild: PD

Am 2. September 2018 sind Sie in Schweizersholz, Ihrem Wohnort, losgefahren. Wie fühlen Sie sich?

Jörg Heierli: Körperlich und psychisch geht es mir sehr gut. Im Moment habe ich einfach den Kopf total voll, da mich in Kapstadt viel Arbeit erwartet. Nicht nur das Redesignen der Website und das Erstellen des ersten Diavortrags, sondern auch die Ersetzung der Ausrüstung und die Planung des weiteren Reiseverlaufs.

Ist die Reise bisher planmässig verlaufen oder waren grössere Änderungen nötig?

Es gab eine Zeit, in der ich etwa drei Wochen hinter dem Zeitplan war – wegen der Visas in Zentralafrika. Da ich aber in Botswana und Namibia viel gefahren bin, konnte ich das wieder einholen. Ab jetzt wird es erstmal keine Visaprobleme mehr geben. Generell bin ich wieder einigermassen im Zeitplan.

Welches waren die schwierigsten Situationen, die Sie im bisherigen Verlauf der Reise zu meistern hatten?

Neben dem Strassenverkehr, der mich ein paar Mal fast das Leben gekostet hätte, muss ich darauf achten, das Budget von zehn Franken einzuhalten sowie Social Media und Website aktuell zu halten. Ein Hauptproblem besteht darin, Ersatzteile zu beschaffen. Allein um das Tretlager zu ersetzen, musste ich in vier Ländern suchen. Die Bürokratie der Postämter in Afrika ist ein Horror. Auch die Visa für West- und Zentralafrika kosteten richtig Zeit, Geld und Nerven. Zum Fahren war vor allem Namibia mit seinen Wüsten nochmals eine Stufe härter als alle vorherigen Länder.

Wo befinden Sie sich im Moment und wie viel der gesamten Strecke haben Sie bereits zurückgelegt?

Am 18. Januar war ich in Springbok, etwa 570 Kilometer von Kapstadt entfernt. Ich rechne mit einer Gesamtdistanz von rund 45'000 Kilometern und 1000 Tage für die ganze Reise. Jetzt bin ich bei 24'300 Kilometer und Tag 505. Also ist etwas mehr als die Hälfte geschafft.

Wie sind Sie damit umgegangen, Weihnachten schon zum zweiten Mal in Folge nicht im Kreise Ihrer Familie verbringen zu können? War das Heimweh da besonders gross?

Ich hatte Glück. Ich habe Anfang Dezember in Maun, Botswana, eine junge Französin kennengelernt, die ebenfalls mit dem Velo unterwegs war. Wir fahren seitdem gemeinsam nach Kapstadt. Da wir keinen Bock auf den Weihnachtstrubel hatten, haben Weihnachten und Neujahr in der Namibwüste verbracht. Neben Spaghetti und Tomatensauce gönnten wir uns einen namibischen Landjäger und Schokolade. Meine Familie hat mir viele Weihnachtsgrüsse und Videos von zu Hause geschickt. So liess es sich ganz gut aushalten.

Wo und wie verbrachten Sie den Jahreswechsel?

Ebenfalls in der Wüste. Nur Wein oder kaltes Bier gab es nicht zum Anstossen. Auf dem Fahrrad ist das leider nicht so gut zu transportieren, schon gar nicht bei 40 Grad. Meine Begleiterin und ich haben uns dann ein paar Tage später ein ordentliches Bier in einer Roadhouse-Bar gegönnt.

Haben Sie sich für das Jahr 2020 etwas Spezielles vorgenommen?

Nein, nicht wirklich. Ich möchte weitermachen wie bisher. Aber ich will mich in den Bereichen Fotografie, Social Media und Website noch wesentlich verbessern. Highlights werden der Kilimandscharo, die Serengeti und ein Nationalpark an der Grenze zwischen der Demokratischen Republik Kongo und Uganda sein. Dort hoffe ich, Berggorillas sehen zu können.

Befolgen Sie auf Ihrer Tour einen fixen Fahrplan oder entscheiden Sie von Woche zu Woche ganz spontan?

In Afrika ist es so: Man muss einen Plan haben, kann sich aber niemals daran halten. Ich plane von Land zu Land neu und habe auch einen gewissen Zeitplan im Kopf. Das muss man in Afrika so machen, sonst läuft man in Probleme rein. Gleichzeitig kommt auch immer alles wieder mal anders raus, weshalb ich einfach opportunistisch sein muss.

Jörg Heierli: «Ich schätze,
dass ich im Januar oder
Februar 2021 wieder zu Hause in Schweizersholz sein werde.»

In welchen Ländern sind Sie bis Ostern unterwegs?

Bis Mitte Februar möchte ich in Kapstadt sein. Von dort geht es weiter nach Lesotho, Swaziland, Moçambique, Simbabwe, Sambia, Malawi und Tansania. Ich schätze, dass ich Mitte April irgendwo zwischen Malawi und Tansania sein werde.

Nach über 16 Monaten auf der Strasse: Wie sieht es mit Ihrer Ausrüstung aus?

Ich habe im Norden Namibias viele teure Sachen ersetzen müssen. Da ich aber durch die Wüste gefahren bin, ist vieles schon wieder kaputt, was unter normalen Umständen viel länger gehalten hätte. Die Kettengarnitur zum Beispiel hat nicht wie üblich mindestens 8000, sondern nur 3000 Kilometer durchgehalten. Das Zelt hat auch seine besten Tage hinter sich, ebenso die Kamera und der Kocher. In Kapstadt werde ich das alles bekommen, ohne es aus Europa bestellen zu müssen. Ich werde von Krapf Velosport in Bischofszell und von einigen Privatpersonen unterstützt. Um die ganze Ausrüstung für den zweiten Teil der Reise wieder in Ordnung zu bringen, bin ich aber trotzdem auf weiteres Sponsoring angewiesen, sonst droht mir ein finanzieller Engpass.

Wann dürfen wir Sie im Thurgau zurück erwarten?

Das ist schwierig zu sagen. Ich habe für den Übertritt nach Europa noch keine genaue Planung. Auch deshalb, weil ich noch nach Saudi Arabien will. Ich schätze, dass ich etwa im Januar, Februar 2021 zurück sein werde.

Sponsoring

Wer Jörg Heierli finanziell unterstützen möchte, findet auf der Website www.irgendwoinafrika.ch unter dem Stichwort «Sponsoring» die entsprechende Bankverbindung.