Prozess
Rätselhafter Horror-Crash bei Scherzingen mit einer Toten: Weshalb der Unfallverursacher freigesprochen wurde

Eine Tote und mehrere Schwerverletzte: Der Horror-Crash vom Pfingstsonntag 2018 bei Scherzingen wurde am Dienstag vor dem Bezirksgericht Kreuzlingen verhandelt. Der Unfallfahrer wurde freigesprochen – er erinnert sich nicht mehr, wie es zum Unglück kam. Der vorsitzende Richter sagt: «Aus diesem Gerichtssaal geht heute keiner als Gewinner heraus.»

Ida Sandl
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Im 2. Stock an der Konstanzerstrasse 13 tagt das Bezirksgericht Kreuzlingen.

Im 2. Stock an der Konstanzerstrasse 13 tagt das Bezirksgericht Kreuzlingen.

Bild: Donato Caspari

Das Letzte, an das sich der Beschuldigte erinnert, ist die Ortstafel von Scherzingen. Als er einen Tag später aufwacht, liegt er im Spital, schwer verletzt. Sie sagen ihm, dass seine Frau beim Unfall gestorben ist. Am Dienstag stand der 69-Jährige aus dem Kanton St.Gallen vor dem Bezirksgericht Kreuzlingen. Angeklagt der fahrlässigen Tötung.

Der unerklärliche Unfall am Pfingstsonntag

Es war einer der schrecklichsten Unfälle der letzten Jahre: Pfingstsonntag, 20. Mai 2018, kurz vor 13 Uhr. Augenzeugen schildern, wie der BMW des Beschuldigten erst einen Schlenker nach links gemacht habe, dann rechts aufs Trottoir gefahren sei. Etwa 60 Meter lang schien es, als habe der Lenker das Auto wieder einigermassen unter Kontrolle. Dann streifte es einen Pfosten und beschleunigte «wie von einer Tarantel gestochen». Der BMW überholte einen anderen Wagen und prallte mit 139 Stundenkilometern ungebremst in eine Verkehrsinsel. Durch die Wucht des Aufpralls hob das Auto ab und knallte frontal in einen entgegenkommenden Wagen.

Blick auf die Unfall-Szenerie.

Blick auf die Unfall-Szenerie.

Bild: Kapo Thurgau

Seit dem Unfall fährt der Beschuldigte nicht mehr selber, obwohl er dürfte. Mehrmals habe er sich zu der Stelle bringen lassen, doch es blitzte keine Erinnerung auf. Er ist kein Mann der grossen Worte, manchmal atmet er schwer unter der Hygienemaske. Er sagt:

«Es ist nicht gut, wenn man nach 44 Ehejahren die Frau verliert.»

Was genau passiert ist in diesen fatalen Sekunden, hat auch der Staatsanwalt nicht restlos klären können. Ausgeschlossen ist ein technischer Defekt, es war weder Alkohol, noch waren sonstige Drogen im Spiel. Es gibt keine Hinweise auf einen Streit zwischen dem Ehepaar oder einen Suizidversuch.

Der Bericht des TVO zum Unfall in Scherzingen.

Video: TVO

Keine Vorerkrankungen, nur hohen Blutdruck

Vieles deutet dagegen auf eine plötzliche Bewusstlosigkeit hin. So hat der Beschuldigte zu keiner Zeit gebremst. Wichtig ist dabei, ob sich der körperliche Zusammenbruch angekündigt hat. Hat der Beschuldigte gespürt, dass es ihm nicht gut geht, und ist trotzdem weiter gefahren? Hätte er die Möglichkeit gehabt, das Auto anzuhalten und so den fatalen Zusammenstoss zu verhindern? Der Beschuldigte sagt Nein, er habe sich fit gefühlt. Er habe keine Vorerkrankungen, nur gegen Bluthochdruck nehme er Tabletten.

Der forensische Gutachter hält eine akute Herzrhythmusstörung für wahrscheinlich. Eine solche käme plötzlich, ohne Anzeichen. Für den Staatsanwalt gibt es zumindest Hinweise darauf, dass der Beschuldigte nicht die ganze Dauer des Unfalls bewusstlos war. So sei er eine kurze Strecke, etwa 4 Sekunden lang, unauffällig gefahren.

«Zu diesem Zeitpunkt hätte er wahrscheinlich noch anhalten können.»

Es sei auch schwer, zu erklären, dass ein Bewusstloser noch Vollgas gibt und ein anderes Auto überholt. Der Staatsanwalt beantragt eine bedingte Freiheitsstrafe von 10 Monaten und eine Busse von 500 Franken. Der Verteidiger dagegen pocht auf Freispruch. Die Bewusstlosigkeit sei unvermittelt gekommen, ohne vorheriges Unwohlsein. Sein Mandant habe die Sorgfaltspflicht nicht verletzt, er habe keine Möglichkeit gehabt, das Auto an den Strassenrand zu lenken und anzuhalten.

Seit dem Unfall ist für ein Ehepaar aus Konstanz jeder Tag ein Kampf

Im Gerichtssaal anwesend ist auch das Ehepaar aus Konstanz, das im entgegenkommenden Auto sass. Beide werden ein Leben lang unter den Folgen des Unfalls leiden. Die Frau ist Klavierlehrerin und Organistin. Ihre rechte Hand kann sie jetzt nur noch eingeschränkt bewegen. Die meisten ihrer Schüler hat sie verloren, an Auftritte ist nicht mehr zu denken. Der Ehemann hat 23 Operationen hinter sich, trotzdem musste sein linkes Bein oberhalb des Knies amputiert werden. Er ist 61 Jahre alt und weiss nicht, wie es beruflich weitergehen soll. Früher wanderten sie gerne in den Bergen, das werden sie nie mehr können. Das Paar möchte den Unfallverursacher schuldig sehen.

Er verstehe das, sagt sichtlich bewegt Jürg Roth, der Vorsitzender Richter bei der Urteilsbegründung. Doch:

«Alles spricht für einen akuten medizinischen Notfall.»

Das Gericht hält es für überaus wahrscheinlich, dass der Beschuldigte plötzlich bewusstlos wurde und es ihm nicht mehr möglich war, das Auto zu stoppen. Eine Verletzung der Sorgfaltspflicht könne ihm jedenfalls nicht nachgewiesen werden. So etwas sei der Albtraum eines jeden Autofahrers, sagt Roth.

«Aus diesem Gerichtssaal geht heute keiner als Gewinner heraus.»