Plötzlich lösen sich ein Flügel und der Motor: Vor 100 Jahren stürzt Emile Taddéoli bei einer Akrobatikshow mit seinem Wasserflugzeug in Romanshorn ab

Der Faszination für die Aviatik tut dieser tödliche Unfall keinen Abbruch. Kurze Zeit später steigen bereits wieder Flugzeuge am Bodensee in den Himmel, bejubelt von bis zu 10'000 Zuschauern.

Max Brunner
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Foto von der Flugshow in Romanshorn.

Foto von der Flugshow in Romanshorn.

(Bild: Archiv Museum am Hafen)

In der Mitte des Seeparks zwischen Hotel Inseli und Hafendienstgebäude steht eine Trauerweide. Auf dem Stein hinter der Sitzbank ist eine Gedenktafel angebracht, die von den meisten Passanten kaum mehr beachtet wird. Darauf ist zu lesen: «Erinnerung an Wasserflugzeugabsturz des Flugpioniers Emile Taddéoli und seinen Mechaniker Giovanelli am Romanshorner Schaufliegen vom 24. Mai 1920.»

Tafel auf einem Stein im Seepark zur Erinnerung an den Flugzeugabsturz.

Tafel auf einem Stein im Seepark zur Erinnerung an den Flugzeugabsturz.

(Bild: Max Brunner)

Das Unglück geschieht am Pfingstmontag. Es ist die zweite Akrobatikshow in Romanshorn. Organisiert wird sie von der «Ad-Astra»-Gesellschaft. Tausende von begeisterten Zuschauern und Zuschauerinnen verfolgen das Spektakel am Himmel. Einige von ihnen gehen sogar mit Taddéoli für einen Rundflug in die Luft. Nach 14.00 Uhr steigt dieser schliesslich mit seinem Wasserflugzeug auf, um dem Publikum seine Künste zu zeigen. An Bord ist auch sein Mechaniker.

Romanshorner pflanzen eine Trauerweide

20 Minuten geht alles gut, dann lösen sich plötzlich in 700 Metern Höhe die rechte Tragfläche und der Motor vom Flugzeugrumpf, der um die eigene Achse drehend rund 200 Meter von der Badi in den See stürzt. Die beiden Männer sind an ihre Sitze festgeschnallt und haben keine Chance.

Zu Ehren der Verunglückten pflanzen die Romanshorner eine Trauerweide. Begraben wird Taddéoli in Genf, wo er 1879 zur Welt kommt und wo ihm die Stadt 1932 ein Denkmal setzt. Noch zu Lebzeiten ehrt ihn der italienische König für seine Verdienste.

Mit dem Wasserflugzeug über den Mont Blanc

Emile Taddéoli.

Emile Taddéoli.

(Bild: Archiv Museum am Hafen)

Doch wer ist dieser Taddéoli? Er absolviert eine Mechanikerlehre und baut 1900 sein eigenes Motorrad. Er betreibt bis 1904 eine Garage und nimmt an Motorrad- und Autorennen teil. Seine Leidenschaft für Motoren und Technik bringt ihn zur Fliegerei. Von Louis Blériot lässt sich Taddéoli 1910 zum Piloten ausbilden. In der Folge verdient er seinen Lebensunterhalt mit Passagier- und Demonstrationsflügen, Meetings und Teilnahmen an Flugtagen. Militärflieger kann er nicht werden, weil er verheiratet ist.

Zwischen 1914 und 1919 verdient der Westschweizer sein Geld als Testflieger für die Firma Savoia in Sesto Calende am Lago Maggiore. Für diesen Wasserflugzeughersteller führt Taddéoli mehr als 2700 Flugtests durch. Während dieser Zeit gelingt ihm mit einer Savoia S.13 auch der Überflug über den Apennin und den Mont Blanc. Im Juli 1919 wird er Direktor und Chefpilot der Avion Tourisme SA. Im April 1920 überquert Taddéoli die Alpen von Lugano nach Genf in 85 Minuten.

Die Faszination für die Aviatik ist ungebrochen

Bild vom Wasserflugzeug, mit dem Emile Taddéoli in Romanshorn verunfallt.

Bild vom Wasserflugzeug, mit dem Emile Taddéoli in Romanshorn verunfallt.

(Bild: Archiv Museum am Hafen)

Der Flugzeugabsturz vor 100 Jahren sorgt in Romanshorn und weit darüber hinaus für Entsetzen. Doch die Faszination für die Aviatik ist in der Bevölkerung ungebrochen. Drei Monate nach dem tödlichen Unfall findet in Rorschach bereits wieder ein Flugtag statt. Die Romanshorner haben auch noch nicht genug. Insgesamt werden in der Hafenstadt zwischen 1920 und 1931 acht internationale Flugtage mit 5000 bis 10000 Zuschauern durchgeführt. Viele Pioniere der Luftfahrt zeigen am Bodensee ihre Akrobatikflüge. T

Die Trauerweide im Seepark muss 1998 gefällt werden. Eine Neue erinnert jetzt für die nächsten 100 Jahre an Emile Taddéoli.