Pisébau
Riss in der Hauswand: Das Amriswiler Schulmuseum muss saniert werden

Das Schulmuseum im Ortsteil Mühlebach bedarf einer Sanierung. Die Bauweise aus dem 19. Jahrhundert hat aber ihre Tücken.

Manuel Nagel
Drucken
Teilen
Anhand einer rissigen Stelle an der Westwand des Schulmuseums Mühlebach zeigt Dominik Joos wie das Mauerwerk aufgebaut ist. Der gestampfte Lehm der Pisébauweise muss mit einem rund vier bis fünf Zentimeter dicken Verputz geschützt werden.

Anhand einer rissigen Stelle an der Westwand des Schulmuseums Mühlebach zeigt Dominik Joos wie das Mauerwerk aufgebaut ist. Der gestampfte Lehm der Pisébauweise muss mit einem rund vier bis fünf Zentimeter dicken Verputz geschützt werden.

Dominik Joos grübelt mit den Fingern in einem Loch in der Wand. Ein paar kleine Brocken Gestein rieseln heraus. «Wir müssen nun nicht in Panik verfallen», sagt der Stiftungsrat und Gründungspräsident des Schulmuseums. «Das Haus fällt nicht gleich zusammen.» Aber noch zehn Jahre warten, so Experten, das liege nicht drin.

Von aussen sieht man dem Gebäude nicht an, dass es ein spezielles ist – nämlich ein Pisébau.

Pisé – die Bauweise der armen Leute

Die französische Bezeichnung pisé tönt vornehmer als die deutsche Übersetzung: Stampflehm. Doch genau so wurden und werden Piséhäuser hergestellt und deren Mauerwerk quasi gegossen wird. Dazu füllt man tonhaltiges Erdmaterial in die Schalung und stampft es fest. Dann lässt man die bis zu 30 Zentimeter hohe Schicht trocknen, bevor auf dieser die nächste Lage gegossen und gestampft wird.
Das 1846 errichtete Schulhaus Mühlebach ist ein solcher Pisébau. Es ist jedoch nicht das einzige Schulhaus im Thurgau. Auch in Hauptwil (1841), Thundorf (1845), Räuchlisberg (1847) und Gottshaus (1848) hatte man auf diese Weise gebaut. Weil es billig gewesen sei und für die Schulen damals nur wenig Geld zur Verfügung stand, sagt Dominik Joos vom Schulmuseum Mühlebach. Es sei eine «Bauweise für arme Leute» gewesen, die Mitte des 19. Jahrhunderts keinen guten Ruf hatte. Doch über 150 Jahre nach dem Bau präsentieren sich viele Piséhäuser noch immer in einem sehr guten Zustand. (man)

Die Fassade wirkt eher dreckig. Der Verputz bestehe aus einem Kalk-Mörtel-Gemisch, erklärt Joos. Dieser werde mit der Zeit aufgrund von Verwitterung und Mikroorganismen dunkel und bräunlich. «In unseren Breitengraden braucht ein ungebranntes Lehmhaus, wie es das alte Mühlebacher Schulhaus ist, einen hydrophilen Verputz, der schützt und atmen kann», sagt Joos. Im Süden hingegen nicht. Von dort – wohl aus Südfrankreich – hätten Oberthurgauer Stofffärber und Stoffhändler im 19.Jahrhunderts die Bautechnik hierhergebracht.

Lehmboden leitet Erschütterungen weiter

Seit dem Bau sind 175 Jahre vergangen und das Haus ist immer noch in gutem Zustand. Damit das so bleibt, braucht es aber immer wieder eine Sanierung. Die Letzte liegt 20 Jahre zurück. Damals kam – in Absprache mit der Denkmalpflege – ein Stuckateur eigens aus Italien, um die Risse im Mauerwerk zu flicken. Eine aktuelle Expertise kommt jedoch zum Schluss, dass das damals verwendete Material etwas zu hart gewesen sei.

«Teilweise hat es zwischen der Piséwand und dem Verputz Hohlräume. Das an sich ist noch kein Problem. Aber werden die Risse zu gross, dann entsteht besonders bei Regen zu viel Feuchtigkeit», erklärt Joos. Die Wand müsse die Möglichkeit haben zu trocknen, dass sie nicht permanent feucht sei. Zudem stehe das Haus im Lehm, was Wasser stauen lasse.

Doch der Lehmboden unter dem Haus bringt noch einen weiteren Nachteil mit sich. «Die viel befahrene Hauptstrasse verursacht enorme Erschütterungen, weil der Lehm diese Vibrationen leitet», erklärt Dominik Joos. Deshalb werde man auch in Zukunft Risse nicht vermeiden können. Diese aber fachmännisch zu schliessen, das sei die Hauptsache, um das Haus nachhaltig zu pflegen. Und das müsse man nun wieder tun.

Kosten von mindestens 150'000 Franken

Auch beim Holzwerk, bei den Fenstern, hat es Löcher, wo Feuchtigkeit eindringt und sich staut. «Da ist es dramatisch, die Fenster müssen rundherum restauriert werden», meint Joos. Und wäre das nicht genug, so hat sich auch im Keller an einigen Stellen Schimmelpilz gebildet. Deshalb braucht es eine Lösung für die Entfeuchtung, sprich leistungsfähigere Geräte, mit der man die Feuchtigkeit regulieren kann. Denn zu trocken ist auch nicht gut. Gemäss erster Schätzung kommen Kosten von mindestens 150'000 Franken auf das Museum zu. Joos hofft, dass die Arbeiten bis Ende 2023 abgeschlossen sein werden.

Aktuelle Nachrichten