Pflanzenschutzmittel in Thurgauer Trinkwasser: Verantwortliche sehen keinen Grund zur Panik

Die Meldung, im Trinkwasser im Aach-Thurland sei Chlorothalonil-Sulfonsäure entdeckt worden, hat aufhorchen lassen. Die Verantwortlichen sprechen über Reaktionen und erste Massnahmen.

Manuel Nagel
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Gutes Trinkwasser, das bedenkenlos konsumiert werden kann – ein Privileg, welches in vielen Ländern nicht selbstverständlich ist. (Bild: Keystone)

Gutes Trinkwasser, das bedenkenlos konsumiert werden kann – ein Privileg, welches in vielen Ländern nicht selbstverständlich ist. (Bild: Keystone)

Als Sulgens Gemeindepräsident Andreas Opprecht am Samstag die «Thurgauer Zeitung» im Briefkasten vorfand, las er auf der Titelseite «Krebserregende Stoffe im Trinkwasser». Für Opprecht ist diese Aussage zu sehr zugespitzt. «Bei Chlorothalonil-Sulfonsäure ist nicht nachgewiesen, dass sie kanzerogen, also krebserzeugend ist. Nach dem Vorsichtsprinzip muss jedoch der neu geltende Grenzwert eingehalten werden. Das heisst aber umgekehrt auch nicht, dass die Stoffe krebserregend sind», sagt der Gemeindepräsident.

Andreas Opprecht, Gemeindepräsident von Sulgen. (Bild: Nana do Carmo)

Andreas Opprecht, Gemeindepräsident von Sulgen. (Bild: Nana do Carmo) 

Dennoch nahmen die drei Gemeindepräsidenten im Aach-Thurland, Opprecht sowie die Kollegen Thomas Bosshard (Erlen) und Heinz Keller (Kradolf-Schönenberg), die Sache nicht auf die leichte Schulter und leiteten unmittelbar Massnahmen ein. Das Trinkwasser der «Wasserversorgung AachThurLand» wurde mit Bodenseewasser verdünnt und die Verantwortlichen gehen davon aus, dass bereits am Montag die Vorgaben der Kantonalen Trinkwasserkontrolle wieder eingehalten werden konnten.

Keine Zunahme bei den Mineralwasser-Einkäufen

Andreas Opprecht betont denn auch, dass das Wasser der «Wasserversorgung AachThurLand» nach Einschätzung der Kantonalen Trinkwasserkontrolle insgesamt von sehr guter Qualität sei. Es sei deshalb auch über das Wochenende nicht nötig gewesen, Mineralwasser zu trinken. Auch aus der Bevölkerung seien lediglich einzelne Rückfragen an den Brunnenmeister Hanspeter Roth gelangt.

Eine kleine Umfrage unter den Grossverteilern in der Region hat zudem ergeben, dass weder am Samstag noch am Montag vermehrt Mineralwasserkäufe getätigt wurden.

Grenzwert neu um ein Vielfaches tiefer

Gemäss Brunnenmeister Roth wurden regelmässig Nachprobungen des Trinkwassers vorgenommen, doch die Auswertung dieser würden rund eine Woche Zeit benötigen. Zudem merkt Hanspeter Roth an, dass «in diesem Zusammenhang nicht von einer Verseuchung gesprochen werden kann», weil aufgrund des Vorsorgeprinzipes die Abbauprodukte von Chlorothalonil erst seit Mitte dieses Jahres als relevant eingestuft würden.

Konkret heisst das, dass sich die Werte seit den vergangenen Jahren nicht gross verändert haben dürften. Weil aber der Grenzwert im Trinkwasser neu als reine Vorsichtsmassnahme um ein Vielfaches tiefer angesetzt wurde, war dieser nun überschritten.

Auch bei den Nahrungsmittelherstellern im Raum Sulgen macht sich keine Panik breit. Christoph Hug, Medienverantwortlicher der Hochdorf Swiss Nutrition Ltd, die in Sulgen Babynahrung produziert, schreibt, dass man die Wasserqualität im Rahmen qualitätssichernder Massnahmen selber regelmässig überprüfe. Hug schreibt weiter:

«Wir danken der Gemeinde für die gute Informationspolitik und die getroffenen Massnahmen zur Reduktion der entsprechenden Werte.»

Die internen Berechnungen von Hochdorf hätten ergeben, dass man selbst bei einem hohen Einsatz von Wasser in den Babynahrungs-Rezepturen 20-fach unterhalb des gesetzlichen Höchstwertes für unsere Endprodukte liege. «Die Sicherheit unserer Produkte ist damit gegeben und wir können weiterproduzieren», so Hug.

Rösslibeck und Mohn holen zusätzlich Infos

Auch die beiden Grossbäckereien in Sulgen, Mohn und Rösslibeck, lassen sich durch die jüngsten Entwicklungen nicht aus der Ruhe bringen, sind aber sensibilisiert und haben auch Kontakt mit weiteren Stellen aufgenommen. Edgar Ehrbar, Inhaber des Rösslibeck, rief parallel zu den erhaltenen Informationen der Gemeinde Sulgen auch das Labor der Bäckereifachschule Richemont in Luzern an, ob irgendwelche Massnahmen getroffen werden müssten.

Ehrbar erzählt, dass durch das zugeführte Seewasser der Härtegrad im Wasser abgenommen habe, was nur auf den Herstellungsprozess des Teiges einen kleinen Einfluss habe, nicht jedoch auf dessen Qualität. «Das Labor von Richemont sieht in dieser Sache jedoch absolut keine Problematik», sagt Ehrbar.

Roger Mohn, Bäckerei Mohn. (Bild: Reto Martin)

Roger Mohn, Bäckerei Mohn. (Bild: Reto Martin)

Ähnlich tönt es bei Roger Mohn, dem Geschäftsleiter der gleichnamigen Bäckerei, auch wenn er zugibt, dass bei ihm in einer ersten Reaktion die Alarmglocken schon geschrillt hätten. Mohn kontaktierte daraufhin das kantonale Lebensmittelamt. Die zuständige Person sei jedoch erst wieder ab nächstem Montag erreichbar, was Mohn doch etwas enttäuscht habe. «Wir haben Altersheime und Spitäler, die wir beliefern. Für uns wäre wichtig zu wissen, was wir tun müssen», sagt Mohn.

Eine Massnahme, die beim Beck Mohn diskutiert wurde, ist die Anlieferung von Trinkwasser für Konditoreiprodukte, bei denen das Wasser nicht gekocht wird. «Der Grossteil wird jedoch verbacken oder wird für die Reinigung benutzt», sagt Mohn. Weil er im Thurgau keine Antwort erhielt, will Mohn nun jenseits der Kantonsgrenzen an die gewünschten Informationen gelangen, in Zürich oder St.Gallen.

Hinweis
Auf der Website www.erlen.ch sowie auch auf www.pgks.ch und auf www.sulgen.ch ist ein Informationsblatt mit den wichtigsten Fragen und Antworten zur Trinkwasserqualität der «Wasserversorgung AachThurLand» online.