Pfarrer Jürgen Neidhart blickt auf seine elf Jahre in Sitterdorf zurück

Nach elf Jahren als Pfarrer in der Evangelischen Kirchgemeinde Sitterdorf-Zihlschlacht hat sich Jürgen Neidhart pensionieren lassen. Er vollzog diesen Schritt mit einem weinenden und einem lachenden Auge.

Georg Stelzner
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Jürgen Neidhart beim Eingang zum Friedhof der evangelischen Kirche von Sitterdorf. (Bild: Georg Stelzner)

Jürgen Neidhart beim Eingang zum Friedhof der evangelischen Kirche von Sitterdorf. (Bild: Georg Stelzner)

«Jetzt stehe ich wohl zum letzten Mal auf dieser Kanzel. Der heutige Tag markiert für mich einen Übergang.» Mit diesen Worten wandte sich Jürgen Neidhart am 28. April in seiner Abschiedspredigt an die Gemeindeglieder.

Nach vier Jahrzehnten im vollzeitlichen Dienst für Gott und elf Jahren im Dienst der Evangelischen Kirchgemeinde Sitterdorf-Zihlschlacht werfe er nicht einfach das Handtuch, sondern werde ordentlich pensioniert. Es sei eine gute und intensive Zeit gewesen, sagte Neidhart damals.

Berufswunsch war auch Berufung

Der Wunsch, Pfarrer zu werden, hatte ihn schon in jungen Jahren erfasst. Neidhart engagierte sich in der Jugendarbeit und in der Leitung einer Jugendband. So kam es, dass er sich noch vor Erreichen des 20. Lebensjahrs für den Pfarrerberuf, der für ihn zeitlebens eine Berufung sein sollte, entschied.

Dabei seien seine Vorjahren väterlicherseits Katholiken gewesen, verrät Neidhart. Seine Mutter habe ihn aber evangelisch taufen lassen und so – wohl nichts ahnend – die erste wichtige Weiche im Leben ihres Sohnes gestellt. «Katholischer Priester zu werden und auf eine Familie zu verzichten, wäre für mich nicht in Frage gekommen», betont Neidhart, der verheiratet und Vater von drei Kindern ist.

Aufbau einer familiären Gemeinschaft

Als «grösstenteils ermutigend und sehr erfreulich» beschreibt Neidhart seine Zeit in Sitterdorf. Besonders dankbar ist er seiner Ehefrau Mirjam, die ihm bei seinen Aufgaben zur Seite gestanden sei und dafür auf ihren eigenen Beruf verzichtet habe.

«In der Kirchgemeinde entstand über die Jahre hinweg eine wachsende, familiäre und Anteil nehmende Gemeinschaft», stellt Neidhart rückblickend mit stiller Genugtuung fest. Sehr gefreut habe ihn auch die grosse Zahl von Leuten, die sich für eine lebendige Gemeinde engagiert hätten.

Ihm würden vor allem die persönlichen Kontakte mit Kirchbürgern und Dorfbewohnern –zum Beispiel bei gemeinsam erlebten Festen – in guter Erinnerung bleiben, sagt Neidhart. Wichtig sei für ihn auch gewesen, durch seine Funktion als Seelsorger Menschen helfen und zur Förderung ihres Glaubens beitragen zu können.

Lichtblicke und Enttäuschungen

Berührende Momente seien immer wieder die Taufen, Konfirmationen, Trauungen und Abdankungen gewesen. Die Wertschätzung und Unterstützung seitens der Kirchenbehörde habe ihm die Arbeit erleichtert.

Neidhart verschweigt nicht, dass auch es bittere Erfahrungen gab: «Wenn wir uns in persönlichen Beziehungen engagieren, kommt es vor, dass wir enttäuscht werden. Auch mir ist das so passiert.»

Zu seinem Wirken als Pfarrer in der Kirchgemeinde stellte er in der Abschiedspredigt selbstkritisch fest: «Der grosse Durchbruch hat nicht stattgefunden. Vielleicht hat Gott es so gewollt, dass ich einfach sein Wort weitergebe und nicht aufhöre zu säen, so dass später einmal die Frucht aufgehen kann.»

Mit Freude in den neuen Lebensabschnitt

Auch wenn er nun pensioniert ist, der Berufung, mit seinen Gaben Gott zu dienen, wird Neidhart treu bleiben. «Für den Rest des Jahres werde ich aber eine Pause einlegen, um mich im Ruhestand neu orientieren zu können», sagt der 65-Jährige. Nachher werde er bereit für Vertretungen sein.

Vorerst freut sich Neidhart darauf, mit seiner Gattin Reisen zu unternehmen sowie Konzerte, Sportveranstaltungen und andere Anlässe zu besuchen. Auch an Hobbys mangelt es ihm nicht. Lesen, Kochen, Fotografieren und Musik gehören dazu und nicht zuletzt die Pflege von Freundschaften und der vermehrte Kontakt mit den Kindern und Enkelkindern.

Zur Person

Jürgen Neidhart erblickte am 3. Januar 1954 das Licht der Welt. Er wuchs unweit der Schweizer Grenze, in Singen am Hohentwiel, auf. Schon bald prägte ihn die evangelische Landeskirche. Neidhart studierte in Basel Theologie. Später folgte ein weiteres Studium in Chicago (USA), das ihm neuen Schwung und neue Ideen verlieh. Bevor Neidhart die Pfarrstelle in der Evangelischen Kirchgemeinde Sitterdorf-Zihlschlacht antrat, war er 14 Jahre Dozent für theologische Ausbildung an einem Seminar im Kanton Bern. Heute wohnt er in Amriswil. (st)

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