«Pestizidhölle der Schweiz»: Wäldi nimmt Quelle vom Wassernetz

In der Gemeinde sollen massiv zu hohe Chlorothalonil-Rückstände im Trinkwasser gemessen worden sein.

Martina Eggenberger Lenz
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Trinken oder nicht? Im Thurgauer Trinkwasser wurde Chlorothalonil festgestellt.

Trinken oder nicht? Im Thurgauer Trinkwasser wurde Chlorothalonil festgestellt.

Reto Martin

Gemeindepräsident Adrian König hat erst letzte Woche vom Verantwortlichen des kantonalen Amtes für Umwelt erfahren, dass möglicherweise mit dem Trinkwasser in Wäldi etwas nicht in Ordnung ist. Es geht um zwei Messungen, die das Bundesamt für Umwelt im Jahr 2017 durchgeführt hat und deren Ergebnisse am Sonntag von der «Sonntagszeitung» publik gemacht wurden.

Im Artikel wird Wäldi als eine der «Pestizidhöllen der Schweiz» geoutet. Der zulässige Wert für Rückstände des Pflanzenschutzmittels Chlorothalonil soll um ein Neunfaches überschritten worden sein. «Uns hat das völlig überrascht», sagt der Gemeindepräsident. Schliesslich lässt Wäldi sein Wasser viermal jährlich von einem spezialisierten Ingenieurbüro testen.

«Und es gab nie Grund zur Beanstandung.»
Adrian König, Gemeindepräsident von Wäldi.

Adrian König, Gemeindepräsident von Wäldi.

Nana Do Carmo

Haushalte werden seit Montag mit Seewasser versorgt

Dass das Bundesamt für Umwelt in Wäldi Messungen im Grundwasser durchführt, war den Gemeindeverantwortlichen bekannt. Auf welche Sub­stanzen und mit welchem Ergebnis – darüber wurde hingegen nie informiert. «Natürlich frage ich mich jetzt, wieso», sagt Adrian König.

Gemäss «Sonntagszeitung» wurden in Wäldi 0,93 Mikrogramm Chlorothalonil-Rückstände gemessen. Erlaubt wäre 0,1 Mikrogramm pro Liter. Das Thurgauer Dorf liegt damit auf dem sechst schlechtesten Platz schweizweit von 31 Messstationen. Das Pestizid steht in Verdacht, krebserregend zu wirken.

Der Gemeindepräsident erklärt: 

«Wir nehmen die Sache ernst und haben als Sofortmassnahme beschlossen, die betroffene Quelle Eglimoos von der Trinkwasserversorgung abzuhängen. Das ist am Montagvormittag passiert.»

Von der Quelle Eglimoos wurden ein Teil des Dorfes Wäldi und der Weiler Schmidholz gespiesen. Die betroffenen Haushalte werden nun wie der grosse Rest der Gemeinde mit Seewasser versorgt. Das sei ohne grösseren Aufwand möglich.

Das Quellwasser, das vorerst nicht als Trinkwasser verwendet wird, leitet die Gemeinde in einen Bach ab. Durch die Verdünnung bestehe für die Umwelt sicherlich keine Gefahr, meint König. Der Gemeindepräsident will die Situation weder dramatisieren noch verharmlosen.

«Wir handeln schlicht nach dem Vorsorgeprinzip.»

Der Gemeinderat wolle weitere Abklärungen durch Fachleute in die Wege leiten. Insbesondere interessieren sich die Verantwortlichen für neuere Daten aus den Jahren 2018 und 2019.

«Und natürlich hätten wir auch gerne eine ganz aktuelle Messung. Wir wollen wissen, was Sache ist.»

Noch keine Reaktionen aus der Bevölkerung

Solange nicht klar sei, wie die Situation einzuschätzen sei, werde man die Quelle Eglimoos nicht mehr an die Trinkwasserversorgung anhängen, verspricht Adrian König. Bislang hat er aus der Bevölkerung keinen einzigen besorgten Telefonanruf erhalten.

«Vielleicht liegt das auch daran, dass bei uns aufgrund der verbreiteten Landwirtschaft das Verständnis für den Einsatz von Pestiziden noch relativ hoch ist.»

Trinkwasser in Frauenfeld ist sauber

Die Werte in der «Sonntagszeitung» betreffen, wie dort zu lesen ist, den Chlorothalonil-Abbaustoff R 47 18 11, zu dem es gemäss Ulrich Berger von den Frauenfelder Werkbetrieben neu einen Grenzwert gibt. Dieser liegt bei 0,1 Mikrogramm pro Liter. Der derzeit viel diskutierte Abbaustoff dieses Pestizids dagegen trägt die Kennzeichnung R 41 78 88 und kennt schon länger einen Grenzwert, seit diesem Jahr eben 0,1 Mikrogramm/Liter. Für R 47 18 11 beträgt der aktuelle Frauenfelder Wert nach der Aufbereitung 0,11 Mikrogramm/Liter, für R 41 78 88 liegt der Wert bei 0,02 Mikrogramm/Liter nach der Aufbereitung. Aktuell werde das Trinkwasser halbjährlich auf 31 Pestizide untersucht. «In Zukunft werden wir auf noch mehr Pestizide beproben», sagt Berger. (ma)

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