Offenes Gespräch mit der Weinfelder Bevölkerung, nur das Volk fehlt

Parlamentspräsidentin Elsi Bärlocher hat am Donnerstagabend zum offenen Gespräch eingeladen. Sie will damit der Bevölkerung Raum für deren Anliegen bieten. Es gab jedoch einen Haken: Gekommen ist fast niemand.

Sabrina Bächi
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Elsi Bärlocher, Präsidentin des Weinfelder Gemeindeparlaments, diskutiert mit den Anwesenden an der Gesprächsrunde am Donnerstagabend. (Bild: Reto Martin)

Elsi Bärlocher, Präsidentin des Weinfelder Gemeindeparlaments, diskutiert mit den Anwesenden an der Gesprächsrunde am Donnerstagabend. (Bild: Reto Martin)

Die Vorurteile gegenüber Politikern sind mannigfaltig. Immer wieder geraten Vereinzelte negativ in die Schlagzeilen und die Ansprüche an die hiesigen Volksvertreter und Vertreterinnen wachsen stetig. Wenn dann endlich einmal kreative oder andere Ideen auf dem Parkett landen, um das Versprechen als Volksvertreter auch einzulösen und ein offenes Ohr für die Einwohner zu haben, so wird dieses dann doch nicht genutzt. So auch in Weinfelden am vergangenen Donnerstagabend.

Weinfelden. Brauerei. 19.30 Uhr. Draussen dichter Nebel, drinnen gähnende Leere. Anlass: Offene Gesprächsrunde für die Bevölkerung mit Parlamentspräsidentin Elsi Bärlocher. Anzahl Parlamentarier: fünf. Anzahl Pressevertreter: zwei. Anzahl Besucher: zwei. Zehn Minuten später stirbt die Hoffnung, einen verspäteten Besucher doch noch empfangen zu dürfen. Und jetzt? Resignation, Enttäuschung, Irritation.

Probleme sind anscheinend doch nicht so gross

«Also mich irritiert das jetzt, dass niemand kommt», sagt SVP-Parlamentarier Beat Gremminger. «Oft kommt jemand auf mich zu und motzt wegen irgendetwas», sagt er konsterniert. Genau das sei ja der Grund, weshalb sie diese Treffen einberufen habe, sagt Bärlocher.

«Wenn wir nichts tun, werfen sie uns vor, wir seien obrigkeitshörig. Aber die Probleme können dann doch nicht ganz so gross sein, wenn fast niemand erscheint.»

Während fast zweier Stunden wird dann in der kleinen Runde angeregt diskutiert. Gebi Bärlocher «chnuschtet» in der Küche, bis er den Anwesenden ein Plättli serviert. Wie ein Stammtischgespräch mutet die Diskussion im Schalander, dem Aufenthaltsort der Brauerei, an. Doch Einigkeit herrscht in fast allen Bereichen. Hauptsächlich darüber, dass sich die Gesellschaft stark gewandelt hat.

Motzer sind mühsam

Ein Dorn im Auge sind allen Beteiligten die Motzer, die sich dann aber nicht mal trauen, an die Gesprächsrunde zu kommen und ihre Kritik anzubringen. «Geschweige denn sich für Wahlen aufstellen lassen», fügt Heinz Schadegg hinzu.

«Wenn bei mir wieder mal jemand motzt, dann sage ich ihm, er hätte heute oder bereits im August an das Gespräch kommen können», sagt der SVP-Parlamentarier. Eine einseitige Diskussion, ohne die Argumente der Gegner zu kennen. Wahrlich keine ideale Ausgangslage. Vom Anlass habe die Bevölkerung sicher gewusst, sagt Bärlocher: «Auf Facebook, in der Zeitung und auf der Gemeinde-Website wurde Werbung gemacht. Viele haben mich darauf angesprochen.»

Viele Gründe fürs Desinteresse

Individualgesellschaft, viele Termine, lange Arbeitszeiten und -wege; Die Gründe für das Desinteresse in der Bevölkerung sind vielfältig. Die Stimmbeteiligung sei schwindend klein. Vor allem auch bei Gemeindeversammlungen. Nicht einmal zwei Prozent der Stimmbürger entscheiden etwa über Millionenbeträge. Allgemeines Kopfschütteln. Ratlosigkeit. Eine Lösung ist nicht in Sicht.

Parlamentspräsidentin Elsi Bärlocher weiss eines:

«Ich werde die anderen beiden Terminen durchführen. Ich habe diese angesagt, also mache ich das auch.» Eine Frau, ein Wort.

Aufruf an die Leser

Liebe Leserin, lieber Leser, schütteln sie auch den Kopf? Haben Sie sich auch schon über Motzer aufgeregt? Oder nerven sich über die Politiker, sagen es aber nicht? Wenn ja, weshalb nicht? Oder sind Sie schlicht zufrieden, so wie es in der Thurgauer Politik läuft? Schreiben Sie mir eine Mail und teilen Sie mir mit, was Ihr Hinderungsgrund wäre, an einer Versammlung oder einem öffentlichen Gespräch teilzunehmen.

sabrina.baechi@thurgauerzeitung.ch