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Nie verschickte Liebesbriefe: 80-jähriger Auswanderer sucht seine Jugendliebe im Oberthurgau

Seit 68 Jahren wohnt Marcel Trost in Kanada. Diese Tage ist der gebürtige Oberthurgauer in seiner alten Heimat zu Besuch. Im Gepäck: Briefe an Alice, seine erste Liebe. Abgeschickt hat er sie nie. Die Adresse ging auf der Überfahrt in die USA verloren.
Hana Mauder Wick
Zurück in der alten Heimat: Marcel Trost auf dem Anlegesteg der Schweizerischen Bodensee Schifffahrt in Romanshorn. (Bild: Donato Caspari)

Zurück in der alten Heimat: Marcel Trost auf dem Anlegesteg der Schweizerischen Bodensee Schifffahrt in Romanshorn. (Bild: Donato Caspari)

Es ist eine Geschichte über Liebe, Freundschaft und den Zauber des Augenblicks: Marcel Trost sitzt am Hafen von Romanshorn und schaut auf den See hinaus. Der Kanadier ist mit seiner Familie auf einer Reise der Erinnerungen im Thurgau unterwegs. «Hier hat sich seit meiner Kindheit einiges verändert», stellt er fest. Der heute 80-Jährige verbrachte die ersten 12 Jahre seines Lebens in der Schweiz: in Salmsach, Wittenbach und schliesslich in Egnach.

«Es war eine andere Zeit», beginnt er zu erzählen. Er wuchs als das einzige Kind eines Maschinen Drehers und einer Damenschneiderin auf. «Ich war klein. Protestantisch. Und oft das neue Kind im Dorf.» Aber das Blatt wendete sich, als seine Familie nach Egnach zog. «Ich fand einen neuen Freund. Er hiess Klaus und nahm mich in die Pfadi Romanshorn mit.» Hier begegnete der damals 12-jährige Bub zum ersten Mal seiner Alice.

Begegnung am Holzbänkli

Bei einem Feldspiel ging es darum, nach blauen Bändern zu suchen. Marcel Trost stand bei einem Holzbänkli, als er sie das erste Mal sah. «Da kam dieses Mädchen den Weg hinauf. An der Hand hielt sie ihren kleinen Bruder», erinnert er sich. «Ich blieb wie angewurzelt stehen und wartete auf sie.» Sie war klein und zartgliedrig. Ihr blasses Gesicht mit den roten Wangen strahlte eine Herzlichkeit aus, die den Buben sofort in seinen Bann zog. Ihre erste Begegnung begann mit einem schüchternen «Hallo» und traf den jungen Pfadfinder mitten ins Herz. Es war der Beginn einer Kinderfreundschaft: Von da an trafen sie sich regelmässig an ihren freien Mittwochnachmittagen.

Schulklasse von Marcel Trost in Egnach Anfang der 1950er Jahre. (Bild: PD)

Schulklasse von Marcel Trost in Egnach Anfang der 1950er Jahre. (Bild: PD)

Heute noch lässt Marcel Trost mit einem Hauch von Wehmut in Gedanken jene kostbaren Monate Revue passieren. An all die vielen Gespräche auf dem Holzbänkli, an den ersten gemeinsamen Kinobesuch oder an einen Maskenball im Indianer-Kostüm. «Es war nicht ihr Äusseres, das mich so berührt hat. Sie war für mich schlicht ein Engel», erzählt er und lächelt. Mit diesem Lächeln verwandelt sich der heutige Ehemann, Vater und Grossvater wieder in den Buben von damals; den Kopf voller Träume und mit Schmetterlingen im Bauch.

Glück mit Ablaufdatum

Während Marcel Trost endlich Wurzeln schlug, planten seine Eltern einen Neuanfang in Kanada. Der Vater reiste voraus. Die Mutter organisierte den Verkauf des Hauses. Der einzige Sohn stand vor vollendeten Tatsachen. Kurz vor der Abreise schloss er mit seinem Freund Klaus Blutsbruderschaft und vergrub eine kleine Schachtel mit persönlichen Schätzen als Zeitkapsel am Ufer eines Baches. Den Abschied von Alice schob er bis zuletzt hinaus. «Ich versprach, ihr aus Kanada zu schreiben», sagt er. «Es ging alles viel zu schnell.»

Am letzten Tag sass er auf seinem Koffer und konnte nicht aufhören zu weinen. Die kostbare Adresse verstaute Marcel Trost im Gehäuse seines Velos, das mit auf die Reise ging. Aber am Ziel angekommen, war das Versteck leer. Bis heute weiss er nicht, wieso. «Ich war untröstlich», sagt er. Damit riss der letzte lose Faden an die Heimat.

Schwierige Jahre

An die Reise selbst erinnert sich Marcel Trost nur bruchstückhaft. An das Schwanken des Schiffes, an den ersten Blick auf die Freiheitsstatue. Oder an die erste Nacht in einem «fürchterlich übel riechenden» Hotelzimmer. Das neue Land nahm die Familie Trost nicht mit offenen Armen auf. «Einwanderer mussten sich für zwei Jahre auf einer Farm verpflichten», erklärt er. Sie wohnten in einem Hühnerstall und arbeiteten auf fremden Feldern.

Es war nicht nur Heimweh, das ihn plagte: «Der Gedanke an mein Versprechen an Alice ging mir nicht aus dem Kopf.» Eines Tages setzte er sich an den Tisch und schrieb auf ein Blatt Papier ein paar erste Zeilen. Entstanden sind im Laufe von vier Jahren zehn Briefe an seine Alice. Abgeschickt hat er sie nie. Versuche in späteren Jahren, sie über Bekannte doch noch zu finden, scheiterten. «Ich kannte ja nicht einmal ihren Nachnamen.»

«Mein Leben war erfüllt und sehr glücklich»

Erinnerungen an seine Zeit als Pfader. (Bild: PD)

Erinnerungen an seine Zeit als Pfader. (Bild: PD)

Das Leben nahm seinen Lauf. Nach den schwierigen ersten Jahren wurde Marcel Trost in Kanada heimisch. Er verpflichtete sich als Düsenmechaniker bei der kanadischen Luftwaffe, bildete sich zum Lehrer weiter und führte später ein eigenes Unternehmen. Der junge Mann verliebte sich, heiratete und wurde Vater von zwei Töchtern. Geschichten hat er viele zu erzählen. «Mein Leben war erfüllt und sehr glücklich», sagt er im Rückblick. Aber seine erste Jugendliebe hat er dennoch nie vergessen. «Meine Frau ist nicht eifersüchtig auf Alice», winkt Marcel Trost ab. «Wir sind seit 57 Jahren verheiratet.» Er ist gestern wie heute ein Romantiker, der seiner Lilian morgens den Kaffee ans Bett bringt.

46 Geschichten hat Marcel Trost nebst den Briefen an Alice verfasst. Die Reise in die Schweiz hat ihm seine Familie zum 80. Geburtstag geschenkt. Eine Chance, um einen Punkt unter ein wichtiges Kapitel zu setzen. Seit einigen Wochen ist er im Thurgau auf den Spuren seiner Kindheit unterwegs. Sein Freund Klaus lebt nicht mehr. Wo genau die Zeitkapsel vergraben liegt, weiss Marcel Trost nicht. Aber die Briefe an Alice hat er mit im Gepäck. «Ich wüsste gern, ob das Leben gut zu ihr war. Oder ob ihre Enkel in der Pfadi nach blauen Bändern suchen.» Der ehemalige Pfadfinder möchte sein Versprechen einlösen. Einige Tage bleiben ihm noch in der Schweiz. «Es wäre schön, wenn sie meine Briefe endlich lesen könnte», sagt er. Die Hoffnung gibt er nicht auf. Aber das Holzbänkli am Waldrand, das steht da nicht mehr.

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