Nicht nur WC-Papier, auch Hefe ist gefragt: Thurgauer backen gegen den Coronablues

Psychologie des Einkaufsverhaltens in der Krise: Wer in die Regale von Migros, Coop und Lidl schaut, stellt fest, dass Backen einen Aufschwung erlebt.

Ida Sandl
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Corona-Abwehr: Desinfektionsspray im Einsatz bei der Migros.

Corona-Abwehr: Desinfektionsspray im Einsatz bei der Migros. 

Ralph Ribi

Die Coronakrise lässt uns kreativ werden: Hefe, Mehl und Zucker gehörten in den letzten Tagen zu den Topsellern bei Migros und Coop. Andreas Bühler, Sprecher Migros Ostschweiz, hat dafür eine Erklärung: «Das braucht man zum Backen.»

Überlebensinstinkt trifft auf Intelligenz

Erlebt Backen in der Zeit von Homeschooling und Kurzarbeit einen Aufschwung? Psychiater Thomas Knecht, leitender Arzt im Psychiatrischen Zentrum Appenzell Ausserrhoden, kann es sich gut vorstellen. Wenn die Unsicherheit gross ist, besinne sich der Mensch auf die Urbedürfnisse. An erster Stelle steht dabei Essen und Trinken. Und Brot sei ein Grundnahrungsmittel. Beim Backen, sagt Knecht, spannen Überlebensinstinkt und Intelligenz zusammen:

«Wer backt, produziert etwas Brauchbares»
Psychiater Thomas Knecht.

Psychiater Thomas Knecht.

Bild: pd

Das tut der Psyche gut. Kreativität sei auch ein gutes Mittel gegen die soziale Isolation. Das stellt Knecht bei seiner Arbeit mit Strafgefangenen fest, die soziale Isolation und eingeschränkte Freiheit erleben. Knecht sagt: «Wer es schafft, diese Zeiten für sich sinnvoll auszufüllen, der steht sie psychisch viel besser durch.»

Sybille Roth ist beim Berufsbildungszentrum Arenenberg für die Weiterbildung Ernährung und Hauswirtschaft zuständig. Sie findet, wenn so vieles fremdbestimmt ist, könne es wohltuend sein, etwas wie Brot selber zu machen. Backen spreche alle Sinne an. Der Teig wird mit den Händen geformt, man kann ihn nach eigenen Ideen variieren, es duftet in der Wohnung und dann wird gemeinsam gegessen. Für Kinder sei Backen eine willkommene Abwechslung. Wer einen Garten mit Grillstelle hat, dem rät Sybille Roth zum Grillieren mit Schlangenbrot.

Hygiene ist ein menschliches Urbedürfnis

Nach zwei «sehr verkaufsstarken Wochen» bewege sich der Trend zurück zur Normalität, beobachtet Migros-Sprecher Bühler. Haltbare Lebensmittel seien aber weiter gefragt. Zu den Topsellern gehörten auch Hygieneartikel allgemein, nicht nur das WC-Papier.

Auch dafür hat Psychiater Knecht eine Erklärung. Hygiene sei ein absolutes Urbedürfnis des Menschen: «Sich selber und das eigene Refugium will man sauber halten.» Das hat einen ganz praktischen Grund: Je dreckiger eine Umgebung, umso leichter können sich Krankheitserreger wie Viren einnisten. Erst, wenn der Mensch depressiv und gleichgültig werde, vernachlässige er seinen Körper und sein Zuhause.

Die Solidarität ist gross


Die Grossverteiler haben in den eigenen Unternehmen eine Welle der Solidarität erlebt. Temporär-Mitarbeiter und Büro-Angestellte hätten in den Filialen von Lidl beim Auffüllen geholfen. Migros und Coop haben Mitarbeiter der Non-Food-Bereiche im Lebensmittelsektor eingesetzt. Das Zusammengehörigkeitsgefühl sei gestärkt worden. Sprecher Andreas Bühler sagt: «Man spürt einen gewissen Stolz, dass wir etwas Wichtiges für die Versorgung der Bevölkerung leisten.» (san)

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