NEUKIRCH AN DER THUR
24 Stunden lang zwölf Uhr

Die Turmuhr der evangelischen Kirche funktioniert seit kurzem nicht mehr. Die Einwohner fragen sich, was wohl passiert sein mag. Die Kirchenbehörde lässt den Schaden beheben.

Georg Stelzner
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Die evangelische Kirche von Neukirch an der Thur.

Die evangelische Kirche von Neukirch an der Thur.

Bild: Kevin Roth (Neukirch an der Thur, 23. März 2021)

Ein Blick auf die Turmuhr der evangelischen Kirche verblüfft: Es scheint, als sei die Zeit stehengeblieben. Als Orientierungshilfe dienen Zifferblatt und Zeiger seit Anfang März nur zwei Mal am Tag – dann nämlich, wenn es wirklich gerade zwölf oder vierundzwanzig Uhr ist.

Des Rätsels Lösung: Die an das Uhrwerk angeschlossene Elektronik hat ihren Dienst altersbedingt eingestellt und muss ersetzt werden. Bis dahin ist die Zeit im 470-Seelen-Dorf gewissermassen eingefroren.

Einem ist das Malheur schneller aufgefallen als den meisten anderen Einwohnern: Ruedi Keller. Er wohnt gegenüber dem Gotteshaus und hat freie Sicht auf die Turmuhr. «Sie ist für mich so etwas wie eine grosse Stubenuhr», sagt Keller, der als Mitglied der Kirchenvorsteherschaft immer wieder auf den offensichtlichen Defekt angesprochen wird. «Den Leuten fällt das natürlich auf und sie erwarten zu Recht, dass der Schaden behoben wird», führt Keller, in der Behörde für die Bauten zuständig, weiter aus.

Das Uhrwerk trifft keine Schuld

Experten der Firma Muribaer AG gingen der Ursache dieser Tage auf den Grund und wurden bald fündig. Laut Keller wird nun aber nicht nur die schadhafte Elektronik ersetzt, sondern auch das rund 100 Jahre alte, nach wie vor funktionierende Uhrwerk einer umfassenden Revision unterzogen.

Nach einer so langen Betriebsdauer sei eine solche Massnahme sinnvoll, auch wenn es bisher keinen Grund zu Klagen gegeben habe, sagt Keller. Das Uhrwerk ist inzwischen ausgebaut und nach Büron im Kanton Luzern abtransportiert worden. Im April wird es, gereinigt und geölt, nach Neukirch zurückkehren.

Die neue Elektronik wird künftig dafür sorgen, dass das Pendel mit einer Funkuhr synchronisiert ist, was bis anhin nicht der Fall war. Keller rechnet für die Uhrwerkrevision und die Anschaffung einer neuen Elektronik mit Gesamtkosten in Höhe von rund 20’000 Franken: «Wir hoffen auf eine finanzielle Unterstützung durch die kantonale Denkmalpflege.» Ein entsprechendes Gesuch werde noch diese Woche eingereicht.

Zeit für philosophische Gedanken

Ruedi Keller kommt angesichts der immer auf zwölf Uhr stehenden Zeiger ins Philosophieren. Aus dem Fenster schauend, stellen sich ihm Fragen wie: «Lesen wir die Zeit korrekt? Vergeuden wir jetzt Zeit? Nehmen wir die Zeit ernst genug oder wird sie überbewertet?»

Er kann dem jetzigen Zustand in Gestalt der fehlenden Zeitangabe auch etwas Positives abgewinnen. «Es ist fast wie Ferien – eine Art Auszeit eben, die unserem Dorf beschert wird», sagt er und ertappt sich dabei, wie er einen Blick auf seine Armbanduhr wirft.

Dies- und jenseits der Kantonsgrenze

Die Evangelische Kirchgemeinde Neukirch an der Thur zählt rund 1000 Mitglieder. Sie stellt insofern ein besonderes Gebilde dar, als sie sich auf das Gebiet von drei politischen Gemeinden in zwei Kantonen erstreckt. Ausser Neukirch gehören auch Schweizersholz (Bischofszell) und Buhwil (Kradolf-Schönenberg) sowie Zuckenriet (Niederhelfenschwil SG) dazu. Als Seelsorger wirkt Pfarrer Christoph Blum. Präsidentin der Kirchenvorsteherschaft ist Gabriela Arn. Eine Kirche gibt es im Dorf seit dem 15. Jahrhundert. (st)