Nachbarschaftshilfe
In Weinfelden gibt es nun eine vierte Säule für das Leben im Alter

Im April beginnt der Verein Zeitgut Region Weinfelden mit seiner Nachbarschaftshilfe mit Zeitgutschriften. Wer hilft, verdient kein Geld, darf aber seinerseits gratis Hilfe in anderen Bereichen Anspruch nehmen.

Mario Testa
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Zwei Gründungsmitglieder des Vereins Zeitgut Region Weinfelden: Präsident Thomas Gerster und Vizepräsident Adi Wirth.

Zwei Gründungsmitglieder des Vereins Zeitgut Region Weinfelden: Präsident Thomas Gerster und Vizepräsident Adi Wirth.

Bild: Mario Testa

Nachbarschaftshilfe ist günstig, schnell und unkompliziert – und hilft älteren Menschen, möglichst lange in ihrem Zuhause leben zu können. Damit aber Hilfesuchende und Helfende zu einander finden, braucht es eine Vermittlung. Diese will nun der Verein Zeitgut Region Weinfelden übernehmen. «Ich bin von der Idee der Nachbarschaftshilfe überzeugt und wollte etwas in Märstetten aufbauen. Märstetten alleine ist dafür aber einfach zu klein, deshalb habe ich meine Fühler nach Weinfelden ausgestreckt», sagt Vereinspräsident Thomas Gerster.

«Da die Nachbarschaftshilfe in der Schweiz leider stetig abnimmt, braucht es neue Anreize und Modelle.»

Es gibt in der Schweiz verschiedene Formen und Organisationen von Nachbarschaftshilfe; die Fondation KISS beispielsweise oder diverse Zeitgut-Vereine. «Ursprünglich wollten wir uns auch KISS anschliessen. Sie ist sehr gut organisiert, zwingt die Teilnehmenden aber in ein relativ enges Korsett. Deshalb haben wir uns für Zeitgut entschieden.»

Zeit erarbeiten und beziehen

Das Funktionsprinzip des Systems Zeitgut ist einfach. Wer beispielsweise jemandem den Rasen mäht, bekommt diese Zeit gutgeschrieben. Diese kann er oder sie dann seinerseits einlösen, um später oder in einem anderen Bereich Hilfe zu erhalten, erklärt Vizepräsident Adrian Wirth:

«Da kann also ein fitter Mensch jemandem körperliche Arbeit abnehmen. Im Gegenzug findet er dann beispielsweise jemand, der ihm bei Administrationsarbeiten hilft.»

Der Verein Zeitgut Region Weinfelden bringt Gebende und Nehmende in sogenannten Tandems zusammen. «Wir sind überzeugt, dass der Bedarf für nicht monetäre Hilfe vor allem bei älteren Menschen vorhanden ist. Jüngere werden wohl eher die Gebenden sein – aber es gibt ja sehr viele frisch Pensionierte, die noch voller Energie stecken und gerne bereit sind, sich sozial zu engagieren.»

Eine Stunde ist auch in zehn Jahren noch eine Stunde

Da der Verein eine sehr langfristige Tätigkeit anstrebt, könnten heutige Gebende ihre angesparten Stunden später auch selber einmal einlösen. Sie verfallen nicht und eine Stunde ist auch in zehn Jahren noch eine Stunde.

Die Hilfe selbst ist für Nehmende gratis, für Gebende unentgeltlich. Einzig die Administration durch den Verein muss abgegolten werden. Deshalb kostet eine Mitgliedschaft im Verein Zeitgut Region Weinfelden einmalig 100 Franken. «Auf einen Jahresbeitrag haben wir bewusst verzichtet», sagt Adrian Wirth. Der Verein sucht auch Förderer wie Stiftungen oder Firmen, die mit ihrem Beitrag die die Vereinsarbeit finanzieren helfen.

Stadt unterstützt das Pilotprojekt

Im Rahmen eines Pilotprojektes wird der Verein Zeitgut Region Weinfelden auch von der Stadt Weinfelden unterstützt. «Ich erachte ein solches privates Engagement als sehr wertvoll. Ich unterstütze es auch, da ich im Vorstand Einsitz nehme als Stadträtin», sagt Ursi Senn-Bieri. Die Stadt werde auch administrativ helfen und die Vermittlung von Nehmenden und Gebenden koordinieren.

«Wir gehen auch nicht schon von Anfang an von einem grossen Ansturm aus, so eine Idee muss sich zuerst etablieren.»
Ursi Senn-Bieri, Stadträtin Weinfelden, Ressort Gesellschaft und Gesundheit.

Ursi Senn-Bieri, Stadträtin Weinfelden, Ressort Gesellschaft und Gesundheit.

Bild: Andrea Stalder

Bedarf für Nachbarschaftshilfe gebe es sicher, auch wenn dieser nicht quantifiziert werden könne. «Die Erfahrung zeigt aber, dass es tendenziell mehr Gebende als Nehmende gibt.» Angst, dass Zeitgut andere Varianten der Nachbarschaftshilfe – beispielsweise von Benevol oder dem Frauenverein – konkurrenziere, hat Ursi Senn-Bieri nicht. «Dank neuen Angeboten ergeben sich auch wieder neue Netze. Sodass der Gedanke vom Freiwilligendienst auch in andere Kreise getragen wird.»

Ob das Angebot des Vereins und die Struktur «verhebet», könne sie nicht sagen. «Aber es funktioniert in anderen Städten ja schon gut, weshalb nicht auch bei uns? Aber ob es auch über die Generationengrenzen hinweg klappt, ist offen.»

www.zeitgut-weinfelden.ch