Nach abgebrochener Saison: Volley Amriswil winkt die Champions League

Die Thurgauer NLA-Volleyballer können 2020/21 von der Königsklasse träumen. Jedoch verlieren sie im Hinblick auf die nächste Saison gleich zwei Schweizer Nationalspieler.

Matthias Hafen
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Die beiden Amriswiler Thomas Brändli (links am Block) und Jovan Djokic (rechts) wechseln innerhalb der Nationalliga A den Club.

Die beiden Amriswiler Thomas Brändli (links am Block) und Jovan Djokic (rechts) wechseln innerhalb der Nationalliga A den Club.

Mario Gaccioli (24. November 2018)

Den Meistertitel 2020 kann Volley Amriswil vergessen. Zwar waren die Thurgauer mit nur zwei Niederlagen aus 19 Partien auf dem besten Weg dazu, dem grossen Rivalen Lausanne den Pokal wieder abzuluchsen. Doch die Coronapandemie stoppte Amriswils Vorhaben abrupt. Die Meisterschaft wurde im Playoff abgebrochen, ohne einen Meister zu küren. Immerhin werden Trainer Marko Klok und seine Mannschaft nun für den souveränen Qualifikationssieg belohnt. Als NLA-Erster ist Volley Amriswil in der Saison 2020/21 berechtigt, an der Qualifikation zur Champions League teilzunehmen. Und die Oberthurgauer nehmen die Herausforderung an.

Peter Bär, Geschäftsführer und Interimspräsident von Volley Amriswil.

Peter Bär, Geschäftsführer und Interimspräsident von Volley Amriswil.

Donato Caspari

«Wir kamen zum Schluss, dass wir mit unserer Infrastruktur, unserem Know-how und unseren Ambitionen dazu in der Lage sind», sagt Geschäftsführer und Interimspräsident Peter Bär. Die Qualifikationsspiele zur Volleyball-Königsklasse kann Amriswil in der neuen Tellenfeldhalle durchführen. Sollte der NLA-Erste aber die Gruppenphase erreichen, müssten die Champions-League-Heimspiele aufgrund der zu geringen Hallenhöhe in Amriswil und anderen infrastrukturellen Vorgaben wohl anderswo stattfinden.

Werbung in eigener Sache

Realistisch betrachtet ist die Wahrscheinlichkeit ohnehin gering, dass ein Schweizer Team die Champions League erreicht. Doch Volley Amriswil hat nichts zu verlieren. Scheiden die Thurgauer in der Qualifikation aus, können sie auf europäischer Bühne im CEV-Cup weiterspielen, wo sie vergangene Saison an Ajaccio scheiterten. Die Korsen gehörten zu jenen Teams, die in der Champions-League-Qualifikation gescheitert waren und eine Stufe tiefer weiterspielten. Volley Amriswil hätte den anspruchsvollen Weg auf höchster europäischer Ebene auch ablehnen und von Anfang an am CEV-Cup teilnehmen können – so wie es im Vorjahr Schweizer Meister Lausanne getan hat. Doch die Königsklasse soll Amriswil auch als Werbung in eigener Sache dienen. Interimspräsident Bär sagt:

«Es ist ein wichtiges Signal bei der Spielersuche.»

Tatsächlich steht Volley Amriswil vor einer grossen Herausforderung, was das Kader betrifft. Mit Jovan Djokic und Thomas Brändli verlassen gleich zwei Nationalspieler das Team von Trainer Klok. Und erst noch die beiden Schweizer Aushängeschilder. Aussenangreifer Djokic wird künftig wieder in seiner Heimat für das NLA-Team Chênois spielen, wo er auf den früheren Amriswiler Trainer Ratko Pavlicevic trifft. Der Serbe ist drauf und dran, im Grossraum Genf ein hochambitioniertes Team auf die Beine zu stellen. Mitteangreifer Brändli zieht es zum Ligakonkurrenten Jona. Am oberen Zürichsee will der Thurgauer, der im Sommer das Masterstudium zum Sekundarlehrer abschliesst, seine Trainerkarriere lancieren. Dort kann er in der NLA spielen und im regionalen Nachwuchszentrum als Trainer arbeiten.

«Schweizer-Regel» stellt Amriswil vor Herausforderung

Da jeder Club gemäss NLA- Reglement jederzeit mindestens zwei Schweizer Spieler auf dem Feld haben muss, wirkt sich der Doppelabgang für Amriswil besonders schwer aus. Djokic und Brändli waren die zwei Schweizer, die am regelmässigsten zum Einsatz kamen. Mit den Liberos Luca Müller und Ramon Diem sind die Oberthurgauer jedoch auch auf einer dritten Position gut besetzt mit Einheimischen. Gemäss Bär ist das Ziel des Clubs für nächste Saison, zumindest auf zwei Positionen wieder gute Schweizer Qualität zu haben. «Der Schweizer Markt ist trocken, aber es sind Spieler vorhanden, die unseren Ansprüchen genügen», sagt Bär. Er denkt auch an Optionen aus dem eigenen Verein.

Im Mai will Volley Amriswil sein Schweizer Grundgerüst für die NLA präsentieren. Mit den Ausländern lassen sich die Thurgauer Zeit. Auch, weil der Club wegen der Coronakrise sein Budget vorsorglich kürzt. Vom bisherigen Kader besitzen nur die Trainer Marko Klok und Matevz Kamnik sowie Topskorer Thomas Zass einen Vertrag für nächste Saison. Interimspräsident Bär sagt:

«Wir wollen die Positionen hier und dort sowieso neu besetzen.»

Gut möglich also, dass es in Amriswils Kader einmal mehr zu grossen Veränderungen kommen wird. An Attraktivität büsst der NLA-Qualifikationssieger deswegen kaum ein. Schliesslich ist Amriswil der einzige Ort im Schweizer Männer-Volleyball, wo nächste Saison um den Einzug in die Champions League gespielt werden kann.

Volley Amriswil begibt sich auf eine Gratwanderung

Wenn am Samstag die neue NLA-Saison im Volleyball angepfiffen wird, gehören die Thurgauer erneut zu den Topfavoriten auf den Meistertitel. Das Team von Trainer Marko Klok ist gespickt mit ausländischen Topspielern. Sie stehen den Schweizern teils vor der Sonne, machen diese aber auch stärker.
Matthias Hafen