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Nach 23 Jahren hört die Romanshorner Gemeindeleiterin Gaby Zimmermann auf: «Ich konnte immer meine Meinung sagen und bekam keinen Maulkorb»

Die Katholische Kirchgemeinde verabschiedet sie am Sonntag im Gottesdienst und heisst ihre Nachfolgerin Anne Zorell Gross willkommen. In Interview spricht Gaby Zimmermann über den richtigen Moment, frustrierende Erlebnisse und Illusionen.
Markus Schoch
Gaby Zimmermann mit ihren Minipigs. (Bild: Reto Martin)

Gaby Zimmermann mit ihren Minipigs. (Bild: Reto Martin)

«Und es begab sich, da die Zeit seines Amtes aus war, ging er heim in sein Haus», heisst es in der Bibel bei Lukas. Ziehen Sie sich jetzt nach 23 Jahren nach Kesswil zurück, schreiben Verse und kümmern sich nur noch um Ihre Schweine?

Nein, natürlich nicht. Ich behalte ein Pensum von 20 Prozent bei der Kirchgemeinde für Stellvertretungen und Sonderaufgaben. Daneben werde ich mein ehrenamtliches Engagement ausbauen. Es ist nicht zu befürchten, dass es mir langweilig wird.

Mit dem ehrenamtlichen Engagement meinen Sie das Präsidium der Kommission Kirche und Umwelt der Katholischen Landeskirche des Kantons Thurgau?

Ja, unter anderem. Ich behalte das Amt, bis sich ein Nachfolger findet. Im Moment ist aber niemand in Aussicht.

Sie sind die treibende Kraft, und auf Ihre Initiative ist die Kommission 2010 eingesetzt worden.

Das ist so. Das Präsidium wollte ich aber nicht übernehmen, weil ich dachte, das sei zu viel neben meinem kräftezehrenden Job. 2012 war aber niemand mehr da, und so kam ich zum Amt.

Sie haben auch den Grünen Güggel im Thurgau zum Krähen gebracht. Diverse Kirchgemeinden im Kanton haben mittlerweile ein Umweltmanagement und sind zertifiziert. Machen Sie weiter?

Ja, ich will künftig sogar mehr machen. Ich habe die Ausbildung als kirchliche Umweltberaterin abgeschlossen und möchte die eine oder andere Gemeinde auf ihrem Weg begleiten.

Bis jetzt war das die Aufgabe von Andreas Frei.

Er ist froh, wenn ich ihn entlaste. Für ihn als Zürcher waren die Wege jeweils relativ lang. Zudem hat er neue Projekte, die er angehen will.

Besteht überhaupt noch Interesse am Grünen Güggel?

Ja, es läuft ganz gut. Aktuell sind drei Gemeinden unterwegs: die Evangelische Kirchgemeinde Märstetten, die Katholische Kirchgemeinde Wil und Katholisch Untersee-Rhein. Im Thurgau haben wir nach wie vor die meisten zertifizierten Gemeinden im Land.

Die Gemeindeleitung geben Sie aber ab. Fällt es Ihnen leicht, loszulassen?

Einerseits fällt es mir schwer, weil ich die Arbeit sehr gerne gemacht habe. Und andererseits freue ich mich.

Warum?

Der Zeitpunkt des Wechsels ist ideal für alle Beteiligten. Für mich kam er zwar früher als gedacht, aber es ist gut so. Inwiefern ideal? Die personellen Wechsel in der Kirchgemeinde verteilen sich auf mehrere Jahre. Zudem steht die Gründung eines grossen Pastoralraums im Oberthurgau vor der Tür.

Was werden Sie vermissen?

Die Arbeit in ihrer ganzen Vielseitigkeit. Ich hatte mit ganz unterschiedlichen Menschen in ganz unterschiedlichem Alter zu tun. Es war ein inspirierendes und weites Feld mit viel Freiraum, das mir offenstand. Ich konnte mich mit anderen Menschen für die gute Sache einsetzen und habe dabei viel gelernt. Diese Möglichkeit bietet sich einem nicht überall.

Doch die Arbeit war auch streng. Ferien zu machen, war schwierig für Sie, da es so viel zu tun gab.

Ich kann sicher sagen, dass ich quantitativ viel gemacht habe, viel mehr war nicht möglich.

Und qualitativ?

Das kann man so oder so sehen. Ich konnte vieles nicht verhindern: die Kirchenaustritte, den Bedeutungsverlust der Kirche und den rückläufigen Besuch der Gottesdienste. Mit anderen Worten: Ich habe den Rückgang der Kirche in den letzten 20 Jahren begleitet und ihn nicht aufhalten können.

Das tönt frustrierend.

Es war tatsächlich zuweilen frustrierend. Ich musste mir die ganze Zeit überlegen, was noch zu retten ist. Doch in diesem Prozess entstand auch Neues, das neue Energie freisetzt.

Beispielsweise?

Ich denke an die ökumenische Prozession am Bettag, das Kräuterstraussbinden, der Fasnachtsgottesdienst, die Friedenslichtfeier, die Martinsfeier oder der erwähnte Grüne Güggel. Einiges gab es schon früher, wir haben die Anlässe belebt und an die heutige Zeit angepasst.

Wohl keine andere Kirchgemeinde im Kanton nimmt den Auftrag zur Bewahrung der Schöpfung so ernst wie Ihre. Wie kommt das?

Warum das Leben von Menschen, Tieren und Pflanzen so wenig wert ist, hat mich schon immer beschäftigt. Wenn wir an Gott glauben, der Leben schenkt, müssen wir uns für die Bewahrung der Schöpfung interessieren. Es ist der Auftrag, den uns das Evangelium gibt. Alle haben ein würdiges Leben verdient, was heute leider nicht der Fall ist. In Romanshorn denken viele gleich wie ich und zeigen sich solidarisch.

Wie?

Bei der ökumenischen Kampagne von Brot für alle und Fastenopfer während der Fastenzeit kommen jeweils zwischen 50'000 und 60'000 Franken zusammen. Kaum eine andere Kirchgemeinde überweist jeweils mehr Geld an die beiden Hilfswerke, wie ich kürzlich zu meiner Überraschung erfahren habe. Es kamen extra zwei ihrer Vertreter nach Romanshorn, um sich zu bedanken.

Woher kommt diese Grosszügigkeit?

Die meisten Menschen sind hilfsbereiter und grosszügiger, als man denkt. Man muss ihnen aber genau erklären, wofür sie ihr Geld geben sollen.

Sie haben sich immer wieder pointiert zu kirchenpolitischen oder gesellschaftlichen Fragen geäussert. Auch gegen BTS und OLS haben Sie Stellung bezogen. Wie sehr sind Sie in all den Jahren zur Reizfigur geworden?

Es gibt immer Menschen, die damit Mühe haben und die es anders sehen als ich. Im Grossen und Ganzen habe ich aber jeweils viel Zustimmung bekommen. Es ging mir auch nie darum, mich zu profilieren oder jemanden zu ärgern, sondern mich zu einem Thema zu äussern, dass mir wichtig war.

Üblich ist es allerdings nicht.

Ich sehe es als eine Aufgabe von uns Kirchenleuten, uns in die öffentliche Diskussion einzumischen. Dass wir uns für die Schwachen einsetzen und nicht für die Starken, ergibt sich aus der Heiligen Schrift auf fast jeder Seite. Es ist eine Illusion zu glauben, man sei neutral, wenn man schweige und sich aus allem heraushalte. Denn so unterstützt man den Status quo. Man muss sich in meiner Position Freiräume nehmen. Die Kirche gewährt sie einem. Ich konnte immer meine Meinung sagen und bekam keinen Maulkorb.

Von Gaby Zimmermann zu Ende gesagt

Papst Franziskus ist... jemand, der mit der Enzyklika Laudato si die Umweltzerstörung ins Zentrum gerückt hat.

Die katholische Kirche müsste... ihre Strukturen überdenken, vor allem im Hinblick auf die Rolle der Frauen, überhaupt dieZulassungsbedingungen zu Ämtern, die Mitsprache des Kirchenvolkes und natürlich auf das unsägliche Missbrauchsthema.

Fasnacht bedeutet für mich... eine fröhliche Zeit, in der man Zusammenhänge von einer ungewohnten Warte betrachten und böse Gewalten, anmassende Autoritäten und natürlich sich selbst entlarven und auslachen kann, auch im Fasnachtsgottesdienst. Es geht aber nicht um Schenkelklopfen-Lachen, sondern um ein befreiendes Lachen.

Romanshorn ist... meine zweite Heimat geworden. Es gefällt mir sehr gut hier.

Köln ist... die Stadt, wo ein Teil meiner Familie und ein paar Freunde leben. Es ist auch die Stadt, wo das Wasser aus dem Bodensee irgendwann durchfliesst.

Luxus ist für mich... die Arbeit, die ich machen durfte. Ich habe einen Beruf, bei dem man nicht viel Schaden anrichten kann. Ich freue mich aber auch über den Garten, die Schweine und Hühner in Kesswil und über das Zusammensein mit Menschen, die mir am Herzen liegen und mit denen ich etwas bewegen kann. Aber auch all die Selbstverständlichkeiten wie fliessendes Wasser sind ein Luxus, den ich schätze. Kein Luxus ist es für mich, möglichst viele Sachen zu kaufen oder Reisen zu machen.

Der Glaube gibt mir... viel. Er ist die Grundlage und gibt mir Orientierung im Leben. Er hilft mir bei schwierigen Entscheiden, mit denen ich bei anderen Menschen vielleicht auf Unverständnis stosse. Ohne ihn hätte ich vieles nicht entdeckt. Er hat mir die Augen geöffnet, Kraft gegeben und zur Erkenntnis verholfen, dass ich nicht alles selber machen muss, sondern Teil einer Gemeinschaft bin. Ich kann darauf vertrauen, dass viele andere ebenfalls Gutes tun.

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