Klima der Angst, Teamleiter degradiert, wirtschaftliche Schräglage: Mitarbeiter kritisieren die Geschäftsleitung der Stiftung Mansio

Die Münsterlinger Behinderteninstitution sieht sich mit Vorwürfen konfrontiert. Das Betriebsklima sei schlecht, die Fluktuation im Kader hoch.

Martina Eggenberger Lenz
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Wegweiser zum Areal der Stiftung Mansio neben der psychiatrischen Klinik in Münsterlingen.

Wegweiser zum Areal der Stiftung Mansio neben der psychiatrischen Klinik in Münsterlingen.

(Bild: Reto Martin)

Es muss schon einiges im Argen liegen, dass sich ehemalige oder aktuelle Mitarbeiter eines Betriebs dazu entschliessen, ihr Leid mit dem Arbeitgeber an die Öffentlichkeit zu tragen. Bei der Behinderteninstitution Mansio rumort es seit Monaten, viele Angestellte berichten von einem zunehmend schlechten Arbeitsklima.

Ende Jahr wird unserer Zeitung ein anonymes Schreiben zugespielt. Der Titel: «Stiftung Mansio in wirtschaftlicher und personeller Schräglage». Im Brief werden folgende Vorwürfe geäussert:

  • Es herrscht eine Stimmung der Angst.
  • Rund ein Drittel der Abteilungs- und Teamleiter wurde entlassen oder degradiert oder hat selber gekündigt.
  • Die Geschäftsleitung leistet sich teure Kadertage.
  • Das Defizit für das Jahr 2019 übersteigt das budgetierte Minus um 400'000 Franken.

Autoritäre Kultur statt kollegiale Atmosphäre

Namentlich für die Situation verantwortlich gemacht wird Geschäftsleiter Marcel Heuberger. Er führt seit zwei Jahren die Mansio mit 280 Mitarbeitern und 270 Klienten und hatte Roland Widmer abgelöst, der zwanzig Jahre lang für den Betrieb verantwortlich war. Heuberger, der zuletzt am Kantonsspital St.Gallen als Leiter Hauswirtschaft tätig war, hat mit Stellenantritt Veränderungen in Gang gesetzt. Er hat die drei Betriebsbereiche der Mansio, das Wohnheim für Menschen mit einer psychischen Beeinträchtigung, das Wohnheim für Menschen mit einer geistigen Behinderung sowie die berufliche Integration unter ein Dach gestellt und die Durchlässigkeit zwischen den Bereichen erhöht. Ausserdem setzt er die Devise «begleiten statt betreuen» mit einem erweiterten externen Wohnangebot um. Ein Kadermitarbeiter*, der die Mansio verlässt, betont:

«Das ist alles nicht das Problem. Wir Mitarbeiter tragen diesen Prozess mit. Aber ich kann mich mit der neuen Unternehmenskultur nicht mehr identifizieren.»

Der Teamleiter beschreibt diese als autoritär und unpersönlich. Ganz im Unterschied zu früher, als eine sehr kollegiale Atmosphäre vorgeherrscht habe und die Heimleitung nah am Geschehen dran gewesen sei.

Drei weitere ehemalige Kadermitarbeiter berichten ebenfalls von einem «Klima der Angst». Mitarbeiter aller Ebenen würden sich nicht mehr getrauen, kritische Anmerkungen gegenüber ihren Vorgesetzten abzugeben, schreibt einer von ihnen in seiner eingereichten Kündigung. Ein anderer, der mittlerweile ebenfalls von der Mansio weg ist, sagt:

«Ich habe sofort gemerkt, dass das nicht gut kommt.»

Mittlerweile ist ein Drittel des ehemaligen Kaders weg. Einige sind in einem ersten Schritt mehr oder weniger freiwillig von ihrer Führungsposition zurückgetreten. In Protokollen der Geschäftsleitungssitzungen werden die Abgänge knapp vermerkt.

So war es auch beim Ausscheiden des Heimleiters des «Wellenspiels», der über 25 Jahre für Mansio arbeitete und Mitglied der Geschäftsleitung war. Der 60-Jährige musste nach einer krankheitsbedingten Abwesenheit gehen. Ein ehemaliger Teamleiter berichtet, er sei «ohne Vorwarnung» mit einer Änderungskündigung konfrontiert worden. Marcel Heuberger habe vorgeschlagen, dies als gemeinsame Vereinbarung zu kommunizieren. Bei der Mansio würden Menschen schlicht degradiert, meint eine andere ehemalige Kaderfrau.

Kein Weihnachtsgeld mehr für die Heimbewohner

Ein einschneidendes Erlebnis ist für einige offenbar ein Kaderanlass letzten Winter gewesen. Zuletzt ging die Mansio hierfür ins «Trösch», plötzlich wurde ins Golfpanorama Lipperswil oder ins Hotel auf die Schwägalp geladen. In der Chefetage sei die frühere Bescheidenheit im Umgang mit den Stiftungsgeldern passé. Andernorts werde im Gegenzug gespart. Den Bewohnern wurde dieses Jahr das 25-Franken-Weihnachtsgeld gestrichen. Auch das neue Personalreglement bedeute für die Mitarbeiter in der Summe eine Verschlechterung.

Das Defizit 2019 beläuft sich auf mehr als eine halbe Million Franken, bei bei einem Gesamtaufwand von rund 25 Millionen. Wie es zu Stande kam, ist dem Personal nicht bekannt. Einige vermuten dahinter eine «aufgeblasene» Verwaltung. Andere nennen externe Beratungskosten als möglichen Kostenfaktor. Auch ins Marketing habe man viel investiert. «Dabei wissen unsere Zuweiser, dass wir gute Arbeit leisten.» Nur der gute Ruf der Mansio als Arbeitgeberin, der sei dahin.

Stiftungspräsident stellt sich hinter den Geschäftsleiter

Mansio-Präsident Martin Gisler nimmt Stellung zu den Vorwürfen. Er betont, dass der qualitative Veränderungsprozess vom Stiftungsrat gefordert gewesen sei und man grosses Vertrauen in die Geschäftsleitung habe. «Wir sind uns absolut bewusst und haben dafür Verständnis, dass jede Veränderung bei Mitarbeitern auf allen Stufen Ängste auslösen und Mühe bereiten kann.» Genau deshalb habe man sich ja entschieden, Kadertage unter professioneller Leitung durchzuführen oder neue Instrumente wie den Kaderdialog einzuführen.

Den anspruchsvollen «Totalumbau» der Organisation würden naturgemäss nicht alle Mitarbeiter toll finden. Doch er sei nötig. Es könne sein, dass gewisse Teamleiter mit der neuen Situation überfordert gewesen seien, räumt Gisler ein. Dass bei Mansio aber ein «Klima der Angst» herrsche, bestreitet der Wirtschaftsberater. Es gebe sehr viele zufriedene Mitarbeiter. Die Neuausrichtung und damit auch die neue Führungsstruktur werde vom überwiegenden Teil des Kaders und auch von den meisten Betreuern positiv mitgetragen.

Der Stiftungspräsident vermutet, dass der Frust der Unzufriedenen doch mehr mit dem «Change Prozess» als mit der angeblich schlechten Betriebskultur zu tun hat. «Wenn sie sich hier zu den Veränderungen bekennen, so ist das ein Lippenbekenntnis.»

Zur Fluktuation im Kader sagt der Stiftungspräsident, dass die Stiftung Mansio keine Kündigungen ausgesprochen habe. Ein Arbeitsverhältnis sei im gegenseitigen Einvernehmen aufgelöst worden. Vier Mitarbeiter hätten von sich aus gekündigt. Man könne nicht alle Abgänge dem Change Management zuschreiben, es gebe auch andere Gründe für ein Ausscheiden. Geschäftsleiter Marcel Heuberger präzisiert:

«Mansio hat in den letzten zwei Jahren zwei Personen gekündigt, aus anderen Gründen.»

Über den ganzen Personalbereich sei die Fluktuation nicht höher als in früheren Jahren, das widerlege die Aussage vom schlechten Klima. Mansio habe auch nicht mehr Stelleninserate geschaltet als vergleichbare Institutionen im Thurgau. Heuberger erklärt, im neuen Personalreglement habe man zum Beispiel die Höhe des Dienstaltersgeschenkes reduziert, dafür kämen alle Mitarbeiter in den Genuss von mehr Ferientagen. Primär habe man das Reglement auf einen mit anderen Institutionen vergleichbaren Standard gebracht. Dass man den Klienten das «artfremde Weihnachtsgeld» gestrichen habe, sei genau ein Beweis dafür, wie systematisch und professionell heute bei der Mansio gearbeitet werde, betont Martin Gisler.

Mansio schreibt sich die Kulturbildung auf die Fahne

Die Mehrkosten gegenüber dem Budget seien mit einem hohen Nachholbedarf im Bereich Unterhalt, Reparatur und Ersatz erklärbar. Die Stiftung werde auch heute noch sehr kostenbewusst geführt und habe eine vergleichsweise tiefe Kostenbasis. Der Stiftungspräsident räumt aufgrund der aktuellen Kritik ein, dass es vielleicht zu wenig gelungen sei, alle Mitarbeiter mit ihren Ängsten abzuholen. «Kulturbildung» sei eines der definierten Unternehmensziele, betont der Geschäftsleiter. Im dritten Quartal des Jahres sei zudem eine Mitarbeiterumfrage geplant.

*alle Namen der Redaktion bekannt

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