Mit Volldampf voraus

Der Verein Eurovapor Sulgen hat rund 30 aktive Mitglieder. In Fronarbeit renovieren sie nostalgische Schienenfahrzeuge.

Yvonne Aldrovandi-Schläpfer
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Riccardo Keller vor dem SBB-Gepäckwagen, den der Verein Eurovapor zu einem Bar-Wagen umbaut.

Riccardo Keller vor dem SBB-Gepäckwagen, den der Verein Eurovapor zu einem Bar-Wagen umbaut.

Schon früh wurde er mit dem Bähnlervirus infiziert. Denn aufgewachsen ist er in einer Bähnlerfamilie. «Meine Mutter, mein Vater, mein Götti, zwei meiner Onkel sowie mein Grossvater haben einen Bähnlerberuf ausgeübt oder arbeiten noch immer bei der Bahn», sagt Riccardo Keller schmunzelnd.

Der 23-Jährige arbeitet als Projektingenieur beim Schienenfahrzeughersteller Stadler Rail AG und ist Aktuar im Verein Eurovapor in Sulgen. Die Vereinsmitglieder von Eurovapor sind Eisenbahnfreunde, die sich für Dampflokomotiven und andere historische Schienenfahrzeuge interessieren und diese auch in jahrelanger Arbeit restaurieren. Zudem organisieren sie Nostalgiefahrten mit den von ihnen fertig restaurierten Schienenfahrzeugen.

400 Mitglieder
 aus dem In- und Ausland

Der Verein Eurovapor wurde 1962 in Basel gegründet – damals, als das Zeitalter der Dampflokomotive langsam zu Ende ging. In Deutschland gab es zwar noch zahlreiche fahrplanmässige Dampffahrten, in der Schweiz jedoch wurden schon früher die meisten Strecken elektrifiziert. «Strom war vorhanden, Kohle aber nicht», erläutert Riccardo Keller diese Epoche. Unter dem Namen «Europäische Vereinigung von Eisenbahnfreunden zur Erhaltung und für den Betrieb von Dampflokomotiven» besteht seither eine Vereinigung, die sich zum Ziel setzt, abbruchbedrohte Schienenfahrzeuge zu erhalten. Eurovapor Sulgen wurde Mitte der 1970er-Jahre gegründet und ist inzwischen der einzige noch verbliebene Eurovapor-Verein mit Fahrbetrieb hierzulande. Etwa 400 Mitglieder aus der ganzen Schweiz und dem Ausland zählt er. Rund 30 dieser Mitglieder – aus verschiedenen Berufen – arbeiten aktiv mit. Unter anderem sind es Lokführer, Zugbegleiter, Schlosser und Elektriker. Sie sind für die Restauration alter Schienenfahrzeuge zuständig und helfen auch bei Publikumsfahrten mit.

Schnuppern am Samstag und eine Jubiläumsfahrt

Alle Interessierten, die Freude am Restaurieren von historischen Schienenfahrzeugen haben, sind zu einem Schnupper-Samstag in der Werkstatt Lokremise Sulgen herzlich willkommen. Ebenso werden weitere Begleitpersonen bei den Publikumsfahrten in der Gastronomie gesucht. Kontaktaufnahme: riccardo.keller@eurovapor.ch. Am Sonntag, dem 18. August 2019, organisiert die Nachwuchs-Jungmannschaft (alle Mitglieder unter 30 Jahren) des Vereins Eurovapor Sulgen eine Nostalgie-Schienenfahrt mit Besuch beim Dampfbahn-Verein Zürcher Oberland zum 50-jährigen Jubiläum. Eine Anmeldung ist erforderlich. (yal)

Weitere Informationen
www.eurovapor.ch

Jeden Samstag und Mittwochabend trifft sich das Werkstattteam in der Lokremise Sulgen, um diese Schienenfahrzeuge in unzähligen Stunden Fronarbeit zu restaurieren.

«Es braucht viel Engagement und Durchhaltewillen. Wir arbeiten auch im Winter in der unbeheizten Werkstatt den ganzen Samstag»

erzählt Riccardo Keller, der jährlich selber ungefähr 600 Stunden Fronarbeit für den Verein leistet.

Jede Asbestfaser
musste weg

Die letzte Dampflokomotive der SBB war am 30. November 1968 im Einsatz – die Gotthard-
Dampflokomotive C5/6 2969, genannt «Elefant», Baujahr 1916. Während rund dreier Jahrzehnte fristete diese nach deren Ausrangierung als Denkmallok in Winterthur, bevor sie vom Verein Eurovapor Sulgen übernommen wurde. Nach 20-jähriger Revisionsarbeit steht die Lokomotive seit 2017 wieder für Dampffahrten zur Verfügung.

Vor drei Jahren konnten zwei Eisenbahnwagen der Rorschach-Heiden-Bergbahn von Eurovapor Sulgen übernommen werden. Nach deren Übernahme gelangten die Wagen zuerst zur Asbestsanierung. Das Isolationsmaterial aus den 1950er-Jahren enthielt gesundheitsschädigende Asbestfasern.

Bis auf das Grundgerippe mussten die Wagen ausgeräumt werden – jede Faser musste weg. Seit diesem Frühjahr ist einer der beiden Eisenbahnwagen wieder in Betrieb. Für die Restaurierung dieses einen Wagens wurden rund 1000 Stunden Fronarbeit geleistet. Seit 2001 ist auch ein SBB-Gepäckwagen mit Baujahr 1917 im Besitz von Eurovapor, der nun zu einem Barwagen umgebaut wird.

Acht Stunden vor
der Abfahrt wird eingeheizt

Riccardo Keller, der in Sargans wohnt, stellt nicht nur sein handwerkliches Geschick bei den Restaurationsarbeiten in der Sulger Lokremise unter Beweis. Auf den Nostalgiefahrten steht der Ingenieur im Lokführerstand. Etwa acht Stunden vor der Abfahrt beginnt er mit dem Einheizen der Dampflokomotive. Für die Strecke Sulgen–
Weinfelden beispielsweise muss er neun Kilogramm Kohle pro Minute in den Kessel schippen, um einen durchschnittlichen Nostalgiezug zu befördern. Fahre die Lokomotive bergwärts oder seien mehrere Bahnwagen angehängt, steige der Kohleverbrauch.

Die Restaurationsarbeiten finanziert der Verein Eurovapor Sulgen durch Spenden, Sponsoring, Mitgliederbeiträge und Nostalgiefahrten. Immer häufiger werde auch Material gesponsert. «Wir sind für jede Unterstützung dankbar, damit der Betrieb in der bisherigen Form aufrechterhalten werden kann», sagt Riccardo Keller.