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Medikamententest an Patienten: Gemeinde Münsterlingen kann verstorbenem Psychiater Roland Kuhn Ehrenbürgerschaft nicht entziehen

Der einstige Münsterlinger Klinikdirektor Roland Kuhn soll kein Ehrenbürger mehr sein, fordert der «Verein Fremdplatziert». Die Gemeinde sagt, ein Widerruf ist nicht möglich.
Urs Brüschweiler
Roland Kuhn in früheren Jahren. (Bild: Staatsarchiv Thurgau)

Roland Kuhn in früheren Jahren. (Bild: Staatsarchiv Thurgau)

Roland Kuhn wurde 1993 zum Ehrenbürger der damaligen Ortsgemeinde Scherzingen ernannt. So steht es auf Wikipedia. Wie das damals von Statten ging, ist heute, 26 Jahre später, nicht mehr so einfach nachzuvollziehen.

«Wir können das auf Grund der Archivrecherchen bestätigen», erklärt René Walther. Er ist Präsident der politischen Gemeinde Münsterlingen, welche in dieser Form erst seit 1994 existiert. Die Forderung des «Vereins Fremdplatziert», dem ehemaligen Chef der Psychiatrischen Klinik wegen der Medikamentenversuche diese Ehre abzuerkennen, kam für Walther überraschend. Aber:

René WaltherMünsterlinger Gemeindepräsident(Bild: PD)

René Walther
Münsterlinger Gemeindepräsident
(Bild: PD)

«Wir haben Verständnis für die Anfrage des Vereins.»

Doch es stellte sich die Frage, ob eine Aberkennung der Ehrenbürgerschaft rechtlich überhaupt möglich sei. Auf Grund jüngster Abklärungen der Gemeindebehörde – auch mit dem Staatsarchiv in Frauenfeld - ist dies bei verstorbenen Personen rechtlich nicht mehr möglich.

Die Gemeinde bietet Hand für eine Gedenkstätte

Selbstverständlich unterstütze man aber seitens Gemeinde auch den Kanton bei der Aufarbeitung der Geschehnisse von damals. Aus Sicht der Gemeinde erfolgte dies wissenschaftlich fundiert und ausgewogen. Laut Walther wurden dabei die Verdienste von Roland Kuhn gewürdigt, als auch dessen Grenzen aufgezeigt. «Die Geschichte kann leider nicht neu geschrieben werden, aber man kann sich damit auseinandersetzen und daraus Lehren ziehen», meint der Gemeindepräsident.

Deshalb biete die Gemeinde etwa Hand für die geplante Gedenkstätte auf dem Spitalfriedhof. «Dieses Zeichen soll ein Mahnmal für die Zukunft sein. Das thurgauische Zeichen der Erinnerung wird ausdrücklich nicht nur an die Betroffenen von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen und Fremdplatzierungen vor 1981 erinnern, sondern auch an die Betroffenen von Medikamententests in Münsterlingen.»

«Verein Fremdplatziert» ist tiefst betroffen

Der «Verein Fremdplatziert» hatte nach der Veröffentlichung des Forschungsberichts über die Medikamentenversuche in der Psychiatrischen Klinik Münsterlingen, einen Brief an die Gemeinde Münsterlingen geschickt. «Wir sind entsetzt und tiefst betroffen, was nun ans Licht kam», schreibt Präsident Robert Blaser aus Uesslingen. «Der Verein wünscht von der zuständigen Behörde, dass der Ehrenbürger-Titel per sofort und öffentlich aberkannt wird.» Man hoffe darauf, dass die Gemeinde Münsterlingen zustimme, dass Doktor Kuhn seine Integrität verloren habe. Andernfalls werde man nach anderen Wegen suchen, die Ehrenbürgerschaft aberkennen zu lassen. Blaser betont auf Anfrage, dass man sich diese kleine Geste der Genugtuung gegenüber den Opfern wünsche. Die Forderung nach Aberkennung der Ehrenbürgerschaft sei nur ein kleiner Bestandteil zur Wiedergutmachung. Man gehe davon aus, dass Kuhn diese Ehre für seine Arbeit in der Klinik zuteilwurde und sie nicht einfach so erhalten hätte. Und der Regierungsrat habe sich letztlich nun auch dafür entschuldigt.

Der Kantonsrat segnete das Ehrenbürgerrecht ab

Der Möglichkeit eines Widerruf eines Ehrenbürgerrechts steht auch Giacun Valaulta sehr skeptisch gegenüber. Er ist Chef des kantonalen Amts für Handelsregister und Zivilstandswesen. Er weiss, dass die Ernennung Kuhns zum Ehrenbürger damals vom Grossen Rat des Kantons Thurgau bestätigt werden musste, weil dieser Bürger von Bern war und nicht bereits das hiesige Kantonsbürgerrecht besass. Dies geschah an der Sitzung vom 17. November 1993.

Das Ehrenbürgerrecht ist gemäss dem Gesetz gleichbedeutend mit dem normalen Bürgerrecht, sagt Valaulta. Eine Entlassung daraus ist zwar durchaus möglich, zu einer Aberkennung macht das Gesetz jedoch keine Angaben. Da ein Bürgerrecht mit dem Tod einer Person sowieso erlischt, sei die Sache wohl eher eine politische Frage, denn eine rechtliche, meint Valaulta.

Roland Kuhn am 12. Februar 2002. (Bild: Susann Basler)

Roland Kuhn am 12. Februar 2002. (Bild: Susann Basler)

In der psychiatrischen Klinik in Münsterlingen waren zwischen 1946 und 1980 an mindestens 3000 Patienten Medikamente getestet worden. Zentrale Figur war dabei der Arzt und Klinikdirektor Roland Kuhn. Er war bis zu seinem Tod 2005 in Scherzingen wohnhaft. Ein Ende September veröffentlichter Forschungsbericht beleuchtete das dunkle Kapitel der Thurgauer Psychiatriegeschichte.

Konstanz löst das Problem mit symbolischem Akt

Der Gemeinderat der Stadt Konstanz hat ganz aktuell die Ehrenbürgerwürden von Franz Knapp, Conrad Gröber und Paul von Hindenburg aberkannt. Die ersten beiden, weil sie Nazis waren, von Hindenburg, weil er Adolf Hitler zum Reichskanzler ernannt hatte. Die entsprechende Mitteilung versah die Stadt Konstanz mit dem Hinweis, dass es sich dabei um einen deklaratorischen, also symbolischen Akt, handle, weil die Ehrenbürgerwürde mit dem Tod sowieso erlischt.

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