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Meine Jugend in Konstanz: Geliebte Sündenstadt

Für TZ-Redaktorin Martina Eggenberger war früher jeder Ausflug über die Grenze ein kleines Abenteuer. Gerade weil die Stadt zu der Zeit verrufen, dreckig und frei von Einkaufstouristen war.
Martina Eggenberger Lenz
Die Globetrotter-Bar: Hier hat so mancher Jugendlicher aus der Region Kreuzlingen seinen ersten Vollrausch erlebt. (Bild: Donato Caspari)

Die Globetrotter-Bar: Hier hat so mancher Jugendlicher aus der Region Kreuzlingen seinen ersten Vollrausch erlebt. (Bild: Donato Caspari)

Wir schreiben die frühen 90er-Jahre, ich war ein Teenager und ein freier Nachmittag mit zwanzig Mark in der Tasche bedeutete damals das pure Glück. Mit meiner besten Freundin im Schlepptau und der ID im Sack überquerte ich jeweils in Kreuzlingen die Grenze und betrat nicht ein anderes Land, sondern eine andere Welt. Konstanz, das war die Stadt hinter dem Maschendrahtzaun.

Meine Eltern liessen mir zum Glück die Leine lang. Nicht wenige meiner Kollegen hatten zu der Zeit allerdings Konstanz-Verbot. Zu schlecht war das Image der Sündenstadt. In Konstanz gab es schliesslich alles, was das Herz eines Pubertierenden begehrte: Bars, Clubs und Nachtlokale, Imbissstände, Kinos und sogar ein richtiges Warenhaus. Die Fastfood-Kette mit dem goldenen M war hier, Jahre bevor in der Ostschweiz der erste Burger-Laden aufmachte. Gleiches gilt für die Kebapstände oder den Hanfshop.

Die Konstanzer kamen in unsere Migros

In den Gassen der Fussgängerzone unterhielten sich brotlose Musiker mit alkoholisierten Pennern. Und in Konstanz gab es Deutsche, keine Schweizer. Auch keine Einkaufstouristen. Das Angebot, mit dem Konstanz damals aufwarten konnte, war aus Schweizer Sicht maximal zweit-, eher drittklassig: billiges Kaufhaus statt edler Boutiquen, einfache Kneipen statt hipper In-Lokale. Die Lebensmittelgeschäfte waren so unattraktiv, dass die Konstanzer, die es sich leisten konnten, in unserer Migros einkauften, der «Schwaben-Migros» an der Konstanzerstrasse, 50 Meter nach der Grenze.

Die Strassen waren dreckig, dafür die Leute zugänglich. Der Ticket-Kontrolleur im Kino hatte immer einen netten Spruch parat. Der Typ im DJ-Plattenladen half echt bemüht bei der Suche nach dem Wurm, der nicht mehr aus dem Ohr wollte. Und beim Türken bekamen wir schon als Jugendliche Schnaps. Nicht, weil der unbedingt ein Geschäft machen wollte, sondern weil er uns einfach unseren Spass gönnte.

Mutprobe am Zoll

Überhaupt, der Alkohol. An den kam man in Konstanz einfach ran. Der erste Vollrausch vieler Kreuzlinger Jugendlicher ist wohl dem berühmten «Lähmer» in der Südsee-Bar Globetrotter zuzuschreiben, einem extra hochprozentigen Drink. Oder einem Ausflug ins Brauhaus. Oder dem Quiz-Abend im Irish Pub. Sicher nicht dem Oktoberfest. Das gab es nämlich noch lange nicht.

Man konnte tanzen, zu richtig guter Musik und richtig lange. Vielleicht gab es eine Polizeistunde. Aber wenn, dann eine, die ignoriert wurde. Wir feierten auf einem ausgedienten Schiff im Hafen, in einer alten Druckerei oder im Untergrund. Als cool galt unter den Jungs, wer es schaffte, am Zoll einen so schlechten Eindruck zu hinterlassen, um mit zur Leibesvisitation zu müssen. Ich war nicht cool. Mein Puls raste schon, wenn ich zwei Flaschen Malibu Kokoslikör schmuggelte.

Alles für zwanzig Mark

Dann kam 1999 der Euro. Auf dem gammligen Parkplatz zwischen Bahngleis und Grenze entstand das «Lago». Mit der Zeit gab es nicht mehr nur zwei Eisdielen, sondern gefühlte zwanzig. Der schicke Karstadt löste den konkursiten Hertie ab. Der Weihnachtsmarkt wuchs weit über seine ursprüngliche Grösse hinaus. Und irgendwann waren auch Marken wie H&M oder Zara vor Ort. Heute ist Konstanz schön. Und der Kurs gut. Die vielen tausend Schweizer, die täglich einfahren, können nicht irren. Trotzdem denke ich etwas wehmütig an die Zeiten zurück, als die Stadt noch mir gehörte. Und den Konstanzern natürlich...

Ach ja, die zwanzig Mark zum Glück. In meinem Fall, mit dreizehn, ergab das: eine Haartönung, einen Kajalstift, ein Stück Pizza und einen Film in der «Traumfabrik», inklusive Eiskonfekt.

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