Reportage

«Mein Freund darf rüber, ich aber nicht»: Unsicherheiten an den Grenzübergängen zwischen Kreuzlingen und Konstanz

Die Kunstgrenze wird geschlossen, der Bus wendet an der Wiesenstrasse, Einkaufstouristen werden zurückgeschickt. Ein Augenschein am historischen Tag der Grenzschliessungen. 

Urs Brüschweiler
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Die Passantin wohnt in der Schweiz und arbeitet in Deutschland. Sie durfte heute am ehemaligen Hauptzoll Kreuzlingen-Konstanz passieren.

Die Passantin wohnt in der Schweiz und arbeitet in Deutschland. Sie durfte heute am ehemaligen Hauptzoll Kreuzlingen-Konstanz passieren.

(Bild: Andrea Stalder)

Es spielt sich Denkwürdiges ab am Montagmorgen. Ab 8 Uhr führt Deutschland an den Grenzübergängen zwischen Kreuzlingen und Konstanz Kontrollen ein. Ein Augenschein um 11 Uhr am ehemaligen Hauptzoll zeigt, die Situation ist entspannt, aber die Unsicherheit bei den Menschen ist gross. 

Rot-Weisse Barken auf der Grenzlinie

Auf dem grünen Boden des ehemaligen Hauptzolls stehen rot-weise Barken. Dahinter postieren sich drei deutsche Zöllner, davor stehen Passanten und Velofahrer, die mit den Beamten diskutieren. Ein Mann fragt, ob er noch einreisen darf.

«Sie sind Deutscher Staatsbürger.
Sie lassen wir immer hinein.»

So lautet die freundliche Antwort. Einer Radfahrerin hilft der Beamte gar noch den Veloanhänger um die Absperrung herumzufahren. 

Permanent kommen und gehen die Menschen - in beide Richtungen. Die meisten dürfen nach kurzem Gespräch und einem Vorzeigen des Ausweises oder einer Arbeitsbestätigung die Grenze passieren. 

Für Schweizer Staatsbürger sieht es aber anders aus: Am Emmishofer Zoll will ein Pärchen zu Fuss nach Deutschland.

«Wenn Sie Schweizer sind,
darf ich Sie nicht hinüber lassen.»

Sie wohnten gleich nebenan und wollten rasch in einen Laden, argumentieren die beiden. Keine Chance. Einkaufen gilt nicht als guter Grund. «Dann gehen wir halt in einen Kreuzlinger Laden. Hoffentlich gibt es noch etwas», meinen sie salopp und ziehen von Dannen. 

Abschiedskuss am Emmishofer Zoll

Ein anderes Pärchen verabschiedet sich derweil mit einem Kuss, mitten auf der Grenzlinie. Er ist Deutscher, sie ist Schweizerin, gemeinsam wohnen sie in Kreuzlingen. Er darf nach Konstanz, sie muss am Grenzübergang warten bis er zurückkehrt. 

Die «Grüne Grenze» ist nicht mehr grün

Ehemalige «Grüne Grenze» an der Wiesenstrasse: Ein Zöllner wechselt einen Hinweis. Auf dem Neuen Zettel steht, für Passanten und Radfahrer sei nur noch der ehemalige Hauptzoll (Kreuzlinger Tor) offen.

Ehemalige «Grüne Grenze» an der Wiesenstrasse: Ein Zöllner wechselt einen Hinweis. Auf dem Neuen Zettel steht, für Passanten und Radfahrer sei nur noch der ehemalige Hauptzoll (Kreuzlinger Tor) offen.

(Bild: Andrea Stalder)

An der Wiesenstrasse, bislang eine «Grüne Grenze» und der direkte Weg zum Einkaufszentrum «Lago», ist gar kein Durchkommen mehr. Zwei Zollbeamte haben Gitter und Barken aufgestellt. Sie schicken alle Leute, egal welcher Nationalität, hinauf zum Hauptzoll. Dieser bleibe vorläufig offen. Es heisst, der Emmishofer Zoll, solle dafür bald komplett schliessen. Dass die Aktualität schnell alles Gesicherte überholen kann, ist auch den beiden Zöllnern sehr bewusst. 

Kolonnen am Autobahnzoll

Am Autobahnzoll bilden sich am Montagvormittag teilweise lange Autokolonnen, vorübergehend bis fast zum Girsbergtunnel. Jedes Fahrzeug muss anhalten, der Fahrer wird nach seiner Nationalität und dem Grund seiner Reise befragt. Gegen Mittag haben sich die Wartezeiten aber bereits deutlich verringert. 

Der grenzüberschreitende Bus ist keiner mehr, oder doch?

Klar ist, der «Rote Arnold», der grenzüberschreitende Konstanzer Stadtbus, überquert seit circa 9 Uhr nicht mehr die Grenze. Das sagt der Zöllner vor Ort an der Wiesenstrasse. Auf der Strasse stehen um 11.30 Uhr Gitter. Um 13.30 Uhr verschicken die Stadtwerke Konstanz allerdings eine Mitteilung, dass die Buslinie 908 in die Schweiz als Pendlerverbindung weiter verkehren könne. 

Grenzzaun von 1938 bis 2006 - und nun wieder ab 2020

Offenbar soll auch die Kunstgrenze auf Klein-Venedig vom Landratsamt Konstanz dichtgemacht werden, heisst es von einem Beamten. Dort wo 1938 ein Grenzzaun errichtet worden war und dieser 2006 in einem historischen Akt von den beiden Stadtoberhäuptern wieder durchschnitten wurde, soll nun also wieder eine Trennung eingerichtet werden.

Zurück am Hauptzoll: Zwei Schweizer Grenzwächter beobachten zurückhaltend die Szenerie ihrer deutschen Kollegen. Viele Menschen sind hier, vor allem um zu schauen, ob sie noch hinüber kommen. Ein Pärchen, wohnhaft in Wäldi – er Holländer, sie Deutsche – muss regelmässig eine betagte Verwandte in Konstanz pflegen. Der Mann zeigt dem Zöllner gar eine Vollmacht von der Schwiegermutter. Doch er darf nicht nach Konstanz, seine Frau darf.

«Vielleicht erhalte ich vom Landratsamt eine Spezialbewilligung,
wurde mir gesagt.» 

Keine Probleme hat eine Kreuzlinger Studenten-WG - alles Deutsche, die an der Uni Konstanz studieren. Sie können unbehelligt nach Vorzeigen ihrer Ausweise passieren. Auch eine Radfahrerin aus Konstanz kommt problemlos in die Schweiz.

«Ich wohne an der Schwedenschanze und wollte sehen, ob ich noch hinüber kann.»
Die Konstanzerin wollte sehen, ob sie noch in die Schweiz darf – Sie darf.

Die Konstanzerin wollte sehen, ob sie noch in die Schweiz darf – Sie darf. 

Andrea Stalder

Umgekehrt ist es ein Problem. Eine Schweizerin wollte eben zum posten nach Konstanz. Sie muss umkehren. 

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Geraldine Bohne