Wie Martina Widmer mit Beeinträchtigung auf der Gemeinde Wigoltingen arbeitet – und da auf Verständnis und Anerkennung stösst

Martina Widmer arbeitet mit einer körperlichen Beeinträchtigung auf der Gemeindeverwaltung in Wigoltingen. Dort macht man sich für soziale Integration stark – auch um reichhaltigere Perspektiven zu gewinnen.

Manuela Olgiati
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Martina Widmer, im Gespräch mit Gemeindepräsidentin Sonja Wiesmann, lebt mit einer Beeinträchtigung und arbeitet auf der Gemeindeverwaltung Wigoltingen.

Martina Widmer, im Gespräch mit Gemeindepräsidentin Sonja Wiesmann, lebt mit einer Beeinträchtigung und arbeitet auf der Gemeindeverwaltung Wigoltingen.

Bild: Reto Martin

«Ich bin glücklich mit meinem Leben und meiner Arbeit», sagt Martina Widmer. Die 33-Jährige arbeitet als kaufmännische Mitarbeiterin auf der Einwohnerkontrolle der Gemeindeverwaltung Wigoltingen. Sie fühlt sich gut ins Team integriert, wie sie sagt.

«Die Arbeit macht mir Freude und verhilft zu einer positiven Lebenseinstellung.»

Zu ihren Aufgaben zählen administrative Arbeiten genauso wie der Kontakt mit Kunden, am Schalter und am Telefon. Martina Widmer braucht für einzelne Aufträge etwas mehr Zeit. «Sie ist sehr selbständig und genau», lobt die Chefin, Gemeindepräsidentin Sonja Wiesmann.

Die Krankheit kam schleichend

Martina Widmers Lebenslauf ist so normal wie andere Biografien und doch brauchte es für diesen Weg viel Kraft. In Wigoltingen ist sie aufgewachsen und hat eine kaufmännische Lehre absolviert. Ihre Andersartigkeit hat die junge Frau mit 13 Jahren bemerkt. Sie kam schleichend. Erst Jahre später ging sie erstmals zum Arzt. Dieser stellt die Diagnose Progressive Myoklonusepilepsie, eine Erbkrankheit, die sich auf die Muskelfunktionen im Körper auswirkt und auch das Sprachzentrum betrifft. Martina Widmer spricht langsam. Ihre Frohnatur lässt aber Dankbarkeit durchblicken. Zum Beispiel für verständnisvolle Kunden und die Anerkennung im Team.

Die KV-Lehre hat sie nach der obligatorischen Schulzeit in der Baubranche abgeschlossen und Berufserfahrung gesammelt.

«Ein paar Jahre später suchte ich dann lange nach einer Arbeitsstelle. Kein Arbeitgeber wollte mir eine Chance geben und mich anstellen.»

Davon hat die Gemeindepräsidentin Wind bekommen. Eine Praktikumsstelle auf der Gemeindeverwaltung wurde frei. Im August 2017 wurde Martina Widmer als Praktikantin erst befristet für ein Jahr angestellt. Die Zusammenarbeit klappte. «Seither bin ich in einem Teilpensum fest angestellt», sagt Widmer.

Gemeinde engagiert sich für die soziale Integration

«Wir engagieren uns seit einigen Jahren für die soziale Integration von Menschen», betont Sonja Wiesmann. Die Gemeindeverwaltung Wigoltingen beschäftigt derzeit zwei Personen, die IV-berechtigt sind. Dafür sind kaum Anpassungen notwendig, sagt Wiesmann.

«Es sind kleine Abläufe, die wir vereinfachen und die uns schliesslich im Team voranbringen.»
Sonja Wiesmann, Gemeindepräsidentin Wigoltingen.

Sonja Wiesmann, Gemeindepräsidentin Wigoltingen.

(Bild: Donato Caspari)

Wenn die Gemeindepräsidentin von Integration spricht, erwähnt sie auch, dass Menschen, die sich in der Gesellschaft oder im Arbeitsalltag bewegen, kaum konfrontiert werden mit Menschen mit Beeinträchtigung. «Im Arbeitsalltag sollten wir uns jedoch für Anliegen und Bedürfnisse dieser Menschen sensibilisieren», sagt Wiesmann. Vielfältigkeit im Team bringe mehr Innovation, reichhaltigere Perspektiven und eine Qualitätssteigerung bei den Ideen.

Letztlich würden Unternehmen wie die öffentliche Hand auch immer im Interesse der Öffentlichkeit stehen. Sie hätten eine soziale Verantwortung, sich Mitarbeitern mit Beeinträchtigung gegenüber fair und respektvoll zu verhalten.

«Wegen Berührungsängsten und mangelndem Wissen der Arbeitgeber würden die Bemühungen nicht oder zu wenig zum Tragen kommen.»

Doch Unternehmen profitierten von diesen ausgeprägten Fähigkeiten. Umgekehrt öffnen sich für die Betroffenen Chancen für Tagesstrukturen und einem Einkommen. Zentral dabei sei, dass eine Beeinträchtigung nicht einschränkt, sondern wie Martina Widmer sagt: «Die Andersartigkeit ist ein Mehrwert.»

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