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Martin Walser macht Ermatingen seine Aufwartung

Eine ehrfürchtige Stimmung schwebte im Gewölbekeller im Schlösschen Breitenstein: Martin Walser las dort am Mittwochabend vor gebanntem Publikum aus seinem «Altersalterswerk» Spätdienst.
Judith Schuck
Martin Walser liest im Keller von Schlösschen Breitenstein. (Bild: Judith Schuck)

Martin Walser liest im Keller von Schlösschen Breitenstein. (Bild: Judith Schuck)

Bis ins hinterste Eck füllten die Fans von Martin Walser den Breitensteiner Keller, in dem Margit und Adolf Jens Koemeda seit Jahrzehnten zu Kulturveranstaltungen wie Lesungen und Theater einladen. Der Kulturjournalist Siegmund Kopitzki führte in den Leseabend mit dem bekannten Schriftsteller ein: «Spätdienst» sei kein Roman, sagte er. Es gebe keinen Plot, keinen Helden, nur ein lyrisches Ich, ein Alter Ego. Sein so genanntes «Altersalterswerk» sei Sprache als Selbstgespräch.

Leicht erhöht, hinter Schreibtischlampe und Mikrofon versteckt, führte der in Wasserburg am Bodensee geborene Autor dieses Selbstgespräch. «Das grösste Glück ist, wenn ich jemanden anrufe, und ihn nicht erreiche», liest der 92-Jährige mit einer ruhigen Zufriedenheit aus seinem Buch. Dieses ist oft ein sehr privates Résumé über sein Leben. Lebensmüdigkeit und Bilanz ziehen aus dem Erlebten, seine gewonnenen Weisheiten reihen sich oft prägnant aneinander:

«Die Lüge ist praktizierte Humanität, denn man lügt nur dem anderen zuliebe.»

Mehr als schön ist nichts

Kopitzki fragte anschliessend nach der Aussage des Autors: «Was für ein Lebensaufwand für ein bisschen Buch» – habe es sich denn nicht gelohnt? – «Doch, doch», antwortete Walser und nach einer sehr langen Pause: «Keinesfalls bin ich legitimiert ein Urteil anzugeben, ob es sich gelohnt habe oder nicht.» Aber er habe ein paar Sätze geschrieben, zu denen er sozusagen stehen könne.

Der Wichtigste sei: «Mehr als schön ist nichts», sagte der Schriftsteller. Erträglich sei ihm alles nur dadurch geworden, dass etwas schön gesagt werden konnte. Das sei die Gnade des Schreibens, dass etwas schön gesagt werden konnte.

Ein Abend, der im Gedächtnis bleibt

Eine gewisse Abgeklärtheit und auch Todessehnsucht ist aus dem Buch immer wieder herauszuhören. Doch gibt es neben der Schwere auch selbstironische Passagen, bei denen das Publikum schmunzeln musste:

«Das Alter ist ein Zwergenstaat, regiert von jungen Riesen»

zum Beispiel. Oder: «das Ausräumen von Mausemist aus der Speisekammer, das Waschen von Frauenhaar deiner Art kann Freude machen. Nicht aber das Telefonieren, Zeitunglesen oder Fernsehschauen.»

«Vor 13 und 37 Jahren hast du schon einmal bei uns gelesen», erinnert sich der Gastgeber Adolf Jens Koemeda, der selber Schriftsteller ist, zu Martin Walser. Die Lesung am Mittwoch wird jedoch wohl die letzte von Walser in Breitenstein gewesen sein. Und so deckten sich die zahlreich erschienen Zuhörerinnen und Zuhörer mit signierten Büchern ein, bis keines mehr übrig war. «Es war ein aussergewöhnlicher Abend. Wir werden ihn nicht vergessen», schliesst Koemeda die Lesung.

Infos zum vorgestellten Werk: Martin Walser, Spätdienst, erschienen im Rowohlt Verlag, Hamburg 2018.

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