Marcel Wittwer sieht Sulgen am liebsten von oben

Vor 25 Jahren hat Marcel Wittwer als jüngster Schweizer die Lizenz zum Ballonfahren erhalten. Mittlerweile steht mit Tochter Andrea bereits die zweite Generation in den Startlöchern.

Monika Wick
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Ballonfahrer Marcel Wittwer schwebt hoch in der Luft über der Ostschweiz. (Bild: PD)

Ballonfahrer Marcel Wittwer schwebt hoch in der Luft über der Ostschweiz. (Bild: PD)

Wahrscheinlich gibt es kaum jemanden, der den gelben Heissluftballon mit dem freundlichen, lachenden Gesicht noch nie gesehen hat. Oftmals schwebt er frühmorgens oder abends über dem AachThurLand und ermöglicht seinen Passagieren einen einmaligen Blick über die heimatlichen Gefilde.

Finanzierung durch Lehrlingslohn

Gefahren wird der Ballon seit einem Vierteljahrhundert vom Sulger Marcel Wittwer. Das Erstaunliche dabei ist, dass der dreifache Vater erst 43 Jahre alt ist und die Lizenz zum Ballonfahren bereits als 18-Jähriger erhalten hat. «Damals war ich der Jüngste in der Schweiz», erinnert sich Marcel Wittwer.

Zu seiner Ausbildung, die der eines Privatpiloten gleicht, gehörte ein theoretischer und ein praktischer Teil sowie eine Flugfunkausbildung. «Das Geld für den Pilotenschein habe ich mir von meinem Lehrlingslohn abgespart», erzählt er.

Keine Teilnahme an Wettfahrten mehr

Mittlerweile hat Wittwer 1600 Fahrten mit rund 3000 Stunden absolviert, die ihn und seine Passagiere in verschiedene Gegenden in der Schweiz und im Ausland gebracht haben. Zu seinen Favoriten gehört aber die Ostschweiz. «Wir haben Berge, Seen und eine grüne Landschaft. Hier ist es einfach schön», schwärmt er.

Früher nahm Marcel Wittwer oft an Wettbewerben teil. Heute fehlt ihm aus beruflichen Gründen die Zeit dazu. Er führt in zweiter Generation die Wittwer Heizungen AG, die in diesem Jahr ihr 50-jähriges Bestehen feiert. «Nun bietet mir das Ballonfahren einen willkommenen Ausgleich zum Berufsleben», sagt er.

Faszination an Tochter vererbt

Im Jahr 2008 legte Marcel Wittwer die Prüfung zum Fahrlehrer ab. «Hauptsächlich habe ich das gemacht, um meine Kinder selber ausbilden zu können», führt er als Begründung an.

So, wie es momentan aussieht, hat er Faszination für das Ballonfahren an seine Tochter Andrea vererbt. «Sie macht das bereits sehr gut, was mich als Vater natürlich mit Stolz erfüllt.» Da Andrea erst 14 Jahre alt ist, könnte sie ihrem Vater durchaus den Titel als jüngster Ballonpilot der Schweiz streitig machen.

Einschränkungen haben zugenommen

In den vergangenen 25 Jahren hat sich laut Marcel Wittwer vieles geändert. «Alles ist reglementierter geworden. Zudem sind die Lufträume komplexer geworden, was zu Einschränkungen beim Ballonfahren führt», erklärt er. Ausserdem seien heute mehr Instrumente und Technik sowie europäische Lizenzen erforderlich.

«Im Gegensatz zu heute hatten wir früher fast Narrenfreiheit. Das hat auch dazu geführt, dass etliche Piloten nicht mehr fahren», sagt er. Wittwer möchte das Ballonfahren nicht missen. «Ich habe in der Zeit viele Leute kennen gelernt und Freundschaften geschlossen», sagt er.

Vorsicht kommt vor Wagemut

Wittwer windet dem Team ein Kränzchen, dass ihn bei seiner Leidenschaft unterstützt, indem es ihm mit dem Auto hinterherfährt oder den Rücken freihält.

Dass es in der Luft auch schwierige Situationen zu bewältigen gibt, verhehlt Wittwer nicht. «Umso wichtiger ist es, die Natur zu akzeptieren und nichts zu erzwingen. Gestartet wird nur bei stabiler Wetterlage, nichtsdestotrotz gibt es immer eine gewisse Unbekannte», erklärt er. Im Zweifelsfall lässt Wittwer die Prognosen vom Wetterdienst in Zürich bestätigen.

Ballonfahrer pflegen Brauchtum

Obwohl Marcel Wittwer jede Fahrt als speziell und einmalig bezeichnet, gibt es dennoch besondere Highlights.«Es gab schon einige Heiratsanträge. Zudem durfte ich für verschiedene Fernsehsendungen oder prominente Personen fahren», verrät Wittwer. Ebenfalls speziell ist das Brauchtum, Erstfahrer nach der Landung in den Adelsstand zu erheben und somit in die Gilde der Ballonfahrer aufzunehmen.

«Woher der Brauch kommt, kann ich nicht sagen», sagt Marcel Wittwer. Landen darf er grundsätzlich überall, wo er möchte. «Das erfordert aber eine grosse Rücksichtnahme gegenüber den Landbesitzern. Wenn immer möglich, landen wir auf gemähten Wiesen oder auf Strassen», sagt er.

Endgültig am Boden bleiben möchte Marcel Wittwer noch lange nicht: «Ich hoffe, dass ich noch ganz lange Ballonfahren kann, denn ich habe immer noch grosse Freude daran.»

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