Atomkraftwerke bauen oder Solarzellen auf dem Dach installieren? An einer Podiumsdiskussion in Romanshorn gingen die Meinungen über Massnahmen gegen den Klimawandel weit auseinander

CVP-Kantonsrat Josef Gemperle sieht jeden einzelnen in der Pflicht. Roland Bilang von der «Avenergy» (ehemalige Erdöl-Vereinigung) ortet vor allem in China und Indien Handlungsbedarf, wo über zwei Milliarden Menschen Energie aus Kohlekraftwerken beziehen. Die Thurgauer Energieförderungsprogramme seien lobenswert, aber nicht mehr als ein Tropfen auf den heissen Stein.

Christof Lampart
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Josef Gemperele und Kurt Egger stellen sich den Fragen von Lea Tobler und Florian Schönenberger.

Josef Gemperele und Kurt Egger stellen sich den Fragen von Lea Tobler und Florian Schönenberger. 

(Bild: Christof Lampart)

Nur im Grundsatz waren sich alle einig. Niemand stritt ab, dass der Klimawandel zum grossen Teil von Menschen verursacht ist. Unterschiedlicher Ansicht waren die vier Männer auf dem Podium, wie man eine Energieversorgung ohne das Treibhausgas CObewerkstelligen sollte.

Am Freitagnachmittag diskutierten in der Aula der Kantonsschule Romanshorn Nationalrat Kurt Egger von den Grünen, CVP-Kantonsrat Josef Gemperle (Landwirt und Solarförderer), Roland Bilang, Geschäftsführer der «Avenergy» (ehemalige Erdöl-Vereinigung) sowie Robert Näf, langjähriger Leiter des Liberalen Instituts, über den «Klimawandel im Spannungsfeld zwischen Politik, Wirtschaft und Wissenschaft». Das Gespräch moderierten die beiden Kantischüler Lea Tobler und Florian Schönenberger.

Gute Voraussetzungen, schlechte Bilanz

Für Landwirt Josef Gemperle ist klar, dass jede und jeder sofort lokal handeln kann und muss, um etwas zu ändern. Es sei zwar gut, wenn man in alle Richtungen nach effizienteren Energielösungen forsche, aber es führe kein Weg an den erneuerbaren Energien wie Sonne oder Wasser vorbei, seien diese doch heute schon profitabel, was sein eigenes Beispiel zeige:

«Ich produziere auf meinem Hof acht Mal mehr Strom als ich selbst brauche; mit dieser Menge könnte man 100 Einfamilienhäuser versorgen.»

Die Schweiz könne sich zum grössten Teil auf die Wasserkraft stützen und erfülle somit die besten Voraussetzungen, um selbst möglichst rasch klimaneutral zu werden.

Aktuell sei die Schweiz jedoch noch weit davon entfernt, ein Klima-Musterknabe zu sein, denn jeder Schweizer erzeuge jährlich 14 Tonnen CO2; der weltweite Durchschnitt liege bei sechs Tonnen, sagte Gemperle. Doch damit der Turnaround geschafft werde, sei es vonnöten, dass die Jungen nicht nur fürs Klima streikten, sondern auch selbst ihre Forderungen erfüllten. Also keine Ferienflüge mehr oder Studienauslandsemester in Übersee. «Ich mache seit 20 Jahren Ferien in der Schweiz – und das vor allem mit dem Velo», sagte Gemperle.

Schweiz allein kann Klimawandel nicht beeinflussen

Roland Bilang pflichtete bei, dass man möglichst viel machen müsse, um das Weltklima zu retten, doch könne die Schweiz allein global wenig erreichen. Die Thurgauer Energieförderungsprogramme seien lobenswert, aber nicht mehr als ein Tropfen auf den heissen Stein. Allein der Umstand, dass über zwei Milliarden Menschen in China und Indien mit Strom aus vorwiegend modernen Kohlekraftwerken versorgt werden, mache es schwierig, weltweit rasch griffige Klimalösungen zu finden.

Roland Bilang und Robert Näf vertraten die Standpunkte der Wirtschaft beziehungsweise der Wissenschaft.

Roland Bilang und Robert Näf vertraten die Standpunkte der Wirtschaft beziehungsweise der Wissenschaft. 

(Bild: Christof Lampart)

Umso wichtiger sei es, dass man keine technologische Lösung ausschliesse, die zum einen das Klima retten und zum anderen die nationale und internationale Versorgungssicherheit mit Energie gewährleisten könne. Und dazu zähle nun auch einmal die Möglichkeit, irgendwann auf den Bau neuer Atomkraftwerke zu setzen, meinte Bilang.

Von der Politikern ist nicht viel zu erwarten

Bei Kurt Egger kam dies nicht gut an. Zwar sei auch er der Meinung, dass man sich dem technologischen Fortschritt nicht verschliessen dürfe. Doch müsse dieser dazu führen, dass alternative Energien gefördert und nicht fossile Energieträger weiter genutzt werden. «Sie sehen in den neuen Technologien vor allem die Risiken, ich jedoch die Chancen, die darin liegen», sagte Egger an die Adresse Bilangs.

Für Robert Näf liegt die internationale Uneinigkeit, wie der Klimawandel bekämpft werden könnte, darin begründet, dass viele Menschen den dazu nötigen Mentalitätswandel noch nicht vollzogen hätten. Von den Politikern sei diesbezüglich keine Hilfe zu erwarten, denn diese versprächen in der Regel immer alles, um wiedergewählt zu werden. Es komme vielmehr auf das Handeln eines jeden einzelnen an.