Ersatzfreiheitsstrafe
Wegen eines Nachbarschaftsstreits im Gefängnis: Ein Weinfelder sitzt lieber ein statt eine Busse zu bezahlen

Seit Montag befindet sich Giuseppe Grasso im Kantonalgefängnis in Haft. Auslöser war ein jahrelanger Nachbarschaftsstreits und die daraus resultierende Busse, die der Immobilienbesitzer nicht zahlen will.

Mario Testa
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Die häufig feuchte Sandsteinwand in Giuseppe Grassos Haus ist Auslöser des Nachbarschaftsstreits.

Die häufig feuchte Sandsteinwand in Giuseppe Grassos Haus ist Auslöser des Nachbarschaftsstreits.

Bild: Mario Testa (2013)

Ein jahrelanger Nachbarschaftsstreit in Weinfelden führt dazu, dass nun Giuseppe Grasso im Gefängnis sitzt. Seit über 15 Jahren streitet er schon mit seinem Nachbarn. Er unterstellt ihm, für Wasserschäden in seiner Liegenschaft verantwortlich zu sein. Diverse von Grasso lancierte Prozesse gegen den Nachbarn brachten jedoch nicht das für ihn gewünschte Urteil. So blieb er auf den Kosten sitzen, welche er in die Reparatur seiner Sandsteinwand und Kellerräume investieren musste.

Der temperamentvolle Italiener stellte seit Beginn der Wassereinbrüche eigenmächtig Ermittlungen an. Er wollte nachweisen, dass sein Nachbar wegen maroder Leitungen oder gar aus böswilliger Absicht die Schäden verursacht. Dabei scheute Grasso weder Aufwand noch Gesetzesbruch, wie aus einem Strafbefehl der Staatsanwaltschaft Bischofszell vom August 2019 hervorgeht.

Strafbefehl zeigt ausmass der Taten

  • Im Jahr 2013 betrat Grasso unerlaubt das Grundstück seines Nachbarn, versetzte dessen Auto einen Fusstritt und schlug dem Nachbarn wenige Tage später während einer Rangelei mit der Faust auf den Kopf.
  • Vier Jahre später zerstörte Grasso im Zuge seiner Ermittlungen die Wasserzuleitung des Nachbarn, als diese wegen Bauarbeiten auf der Nachbarparzelle frei lag. Nachdem diese wieder repariert war, beauftragte er einen Passanten für 100 Franken den gleichen Sabotageakt durchzuführen, was dieser tat.
  • 2018 drehte Grasso die Wasserzuleitungen seines Nachbarn in einem Schacht ab und befüllte diesen anschliessend mit Zement. Nur einen Monat später wiederholte er dies, doch statt Zement brachte er einen Hammer mit und zertrümmerte mit diesem die Handräder der Schieber, nachdem er den Wasserfluss unterbrochen hatte.
  • Nebst diesen Angriffen auf die nachbarlichen Wasserzuleitungen betrog Grasso auch seine Versicherung, da er für einen Unfall eines Angestellten zu viel Entschädigung einforderte.

Für all diese Taten – einfache Körperverletzung, Betrug, mehrfache Sachbeschädigung, Anstiftung zur Sachbeschädigung und mehrfacher Hausfriedensbruch – forderte die Staatsanwaltschaft eine bedingte Geldstrafe von 55 Tagessätzen, sowie eine Busse von 2450 Franken.

Grassos Anwalt zieht Einsprache zurück und akzeptiert damit das Urteil

Gegen den Strafbefehl erhob Grasso Einsprache und am 9. Januar 2020 hätte der Prozess hiezu vor dem Bezirksgericht Weinfelden stattfinden sollen. Die Einsprache hat der Anwalt zurückgezogen «Sein Anwalt hat die Einsprache gegen den Strafbefehl jedoch zurückgezogen, damit gilt der Strafbefehl als massgebendes Urteil», sagt Bezirksrichterin Claudia Spring auf Anfrage.

Claudia Spring, Bezirksrichterin Weinfelden.

Claudia Spring, Bezirksrichterin Weinfelden.

Bild: PD
«Am 7. Januar hat das Bezirksgericht Weinfelden den Fall abgeschrieben.»

Da Grasso nicht bereit ist, die Busse und die Verfahrenskosten im Gesamtbetrag von 6635 Franken zu bezahlen, sitzt er nun im Kantonalgefängnis Frauenfeld eine Ersatzfreiheitsstrafe von zwölf Tagen ab, wie der «Blick» am Dienstag berichtete. «Der Staat hat mich beraubt, dafür schenke ich ihm sicher kein Geld. Da sitze ich meine Strafe lieber im Gefängnis ab», lässt sich der Weinfelder zitieren.

Nur die Busse kann abgesessen werden

Trotz seines freiwilligen Haftantritts wird Giuseppe Grasso jedoch nicht die ganze Summe absitzen können. «Mit einer Ersatzfreiheitsstrafe kann nur eine Busse abgegolten werden», sagt der Weinfelder Bezirksgerichtspräsident Pascal Schmid auf Anfrage. Weitere Kosten wie die Verfahrensgebühr, Untersuchungskosten und Polizeikosten muss der Verurteilte bezahlen.

Pascal Schmid, Gerichtspräsident Bezirksgericht Weinfelden.

Pascal Schmid, Gerichtspräsident Bezirksgericht Weinfelden.

Bild: Donato Caspari
«Diese werden durch eine Ersatzfreiheitsstrafe nicht einfach getilgt, sondern von der Staatsanwaltschaft auf dem Betreibungsweg eingefordert.»

Mit seinem freiwilligen Haftantritt verringert Grasso also die Gesamtzahlung von 6635 Franken um den Betrag der Busse von 2450 Franken, knapp 4200 Franken sind also noch offen. Zudem bleibt die eigentliche bedingte Geldstrafe von 55 Tagessätzen zu je 220 Franken bestehen, welche er bezahlen muss, wenn er innerhalb der Probezeit von drei Jahren wieder straffällig würde.

Prozess geht weiter

Nächste Anklage vor Gericht

Abgeschlossen ist der Nachbarschaftsstreit mit dieser neuesten Entwicklung noch nicht. Giuseppe Grasso hat im letzten Sommer seinen Nachbarn erneut vor Gericht gezerrt und verlangt Schadenersatz von ihm. Das Gericht hat nun einen Geologen damit beauftragt, die Sachlage mit den Wasserflüssen zwischen den beiden Grundstücken abzuklären. Dieses Verfahren läuft noch.

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