Leitartikel
Es gibt keinen triftigen Grund, auf halbem Weg aufzugeben: Warum die Kreuzlinger Stadthaus-Frage nicht anders beantwortet werden soll als vor vier Jahren

Am 7. März entscheiden die Stimmberechtigten über die «Volksinitiative zur Freihaltung der Festwiese auf dem Bärenplatz». Bei einer Zustimmung zum Volksbegehren würde man die Kreuzlinger künftig in einem Atemzug mit den Bürgern von Seldwyla nennen, meint TZ-Redaktor Urs Brüschweiler.

Urs Brüschweiler
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Immer noch so gut wie damals: eine Visualisierung des Projekts Schlussstein im Kreuzlinger Zentrum aus dem Abstimmungskampf von 2016.

Immer noch so gut wie damals: eine Visualisierung des Projekts Schlussstein im Kreuzlinger Zentrum aus dem Abstimmungskampf von 2016.

(Bild: PD)

Die Stadt steht vor einer historischen Entscheidung. Erneut! Mehr als vier Jahre sind bereits ins Land gezogen seit der letzten Stadthaus-Abstimmung. Ein Zeichen des Aufbruchs sollte es sein, damals im November 2016. Endlich sollte in der Grenzstadt wieder einmal etwas Grosses realisiert werden. Und die Kreuzlinger Stimmberechtigten, wenn auch mit grösstmöglicher Knappheit, setzten dieses Zeichen. Die Argumente, die damals zählten, gelten heute noch genauso.

Die Volksinitiative zur Freihaltung der Festwiese akzeptiert diesen Volksentscheid nicht. Die Gegner feuern seither aus allen Rohren gegen das Projekt, mit juristischen wie mit demokratischen Mitteln. Sie sind weit gekommen mit ihrem beherzten Engagement. Am 7. März fällt die Entscheidung, ob sie ihrem Ziel einen massgebenden Schritt näherkommen. Aber dies darf nicht passieren.

Der Schlussstrich, der gar keiner ist

Über vier Jahre nach dem Volks-Ja zu einem guten, zukunftsweisenden Projekt und nachdem gemäss Stadtrat bereits 1,7 Millionen Franken – genau betrachtet ist es sogar deutlich mehr – ausgegeben wurden, wollen die Initianten einen Schlussstrich unter den «Schlussstein» ziehen. Abgesehen davon, dass dieser Schlussstrich aufgrund des unbedarft formulierten Initiativtextes juristisch gar keiner wäre, stellt sich die Frage:

Urs BrüschweilerKreuzlingen-Redaktor «Thurgauer Zeitung»

Urs Brüschweiler
Kreuzlingen-Redaktor
«Thurgauer Zeitung»

(Bild: Reto Martin)
Was hat sich verändert, dass die Bürger heute zu einem anderen Schluss kommen sollten als damals? Die Kurzantwort: Nichts, was diese Kurskorrektur und die daraus resultierende Steuergeldverschwendung rechtfertigen würde.

Die Festwiese, als in der Vergangenheit kaum genutzter und gar als Schandfleck verschriener Freiraum, wird in ihrer Bedeutung hochstilisiert. Die Diskussion darüber, wie viele Quadratmeter Grünfläche im Zentrum mit dem Stadthaus entstehen oder eben vernichtet werden, ist müssig. Fakt ist:

Mit dem Schlussstein-Projekt kommen die heutigen Parkplätze endlich unter den Boden und an deren Stelle wird vor dem neuen Stadthaus ein grosser Park realisiert.

Die finanzielle Situation der Stadt verschlechtert sich wegen Corona sehr wahrscheinlich. Leisten kann sich Kreuzlingen das Grossprojekt dennoch ohne Zweifel. Zwar hat das Verwaltungsgericht entschieden, ein 111 Meter langes Stadthaus sei zu lang. Dies kann man aber als unglücklichen Betriebsunfall sehen, der sich durch die Anpassung des Baureglements bereinigen lässt.

Pro-Komitee-Vertreter Christian Lohr und Stadträtin Dorena Raggenbass freuen sich über das Ergebnis der ersten Stadthaus-Abstimmung.

Pro-Komitee-Vertreter Christian Lohr und Stadträtin Dorena Raggenbass freuen sich über das Ergebnis der ersten Stadthaus-Abstimmung.

(Bild: Andrea Stalder:
27. November 2016)

Die Alternative ist keine

Was die Initiative den Bürgern anbietet, ist keine Alternative. Ein bisschen Pinselrenovation in den heutigen Gebäuden, mehr Homeoffice, ein kleiner Erweiterungsbau irgendwo: Das ist kein Konzept für eine zeitgemässe Stadtverwaltung, sondern Populismus. Letztlich hätte man also nicht nur die Jahre seit der Abstimmung verloren, sondern doppelt so viel Zeit für die Standortfindung und Planung. Zu viel, um nun wieder auf Feld eins zu beginnen mit der Gewissheit, dass es wieder viele Millionen und Jahre kosten würde, bis man wieder so weit wäre.

Eine Stadt, die seit 30 Jahren ein Stadthaus bauen will, und dann ein bereits bewilligtes Projekt vier Jahre später ohne Not doch wieder bodigt, weil sie in der Zwischenzeit den Mut verloren hat, darf man getrost als neues Seldwyla bezeichnen.

Allerdings bezöge sich das dann auf ihre Bürger, nicht auf ihre Regierung.