Kunst und Kalorien in Juckers Linde in Tägerwilen: Autor Arno Camenisch liest aus «Herr Anselm»

Das Kulturprogramm in der Linde in Tägerwilen startete mit Arno Camenisch.

Inka Grabowsky
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Autor Arno Camenisch in Tägerwilen.

Autor Arno Camenisch in Tägerwilen. 

(Bild: Inka Grabowsky)

Zum dritten Mal hat Karin Jucker, Gastgeberin in Juckers Hotel, eine Veranstaltungsreihe organisiert, mit der sie Gäste aus der weiteren Region in ihr Haus lockt. Jeweils in der Nebensaison - konkret im Januar, Februar, März, Mai und Oktober - bietet sie ein Dinner oder einen Apéro in Kombination mit Lesung, Theater oder Musik an.

«Das ist mein Baby», sagt Karin Jucker. «Ich finde einfach, das kulturelle Angebot in der Region ist ausbaufähig.» Sie wählt nach ihrem Geschmack Künstler aus und ruft sie einfach an. Viel Gage zahlen kann sie nicht, denn in den Veranstaltungsraum neben der Bar passen gerade mal 50 Leute.

Der Gast ist nah am Künstler

Das hat auch Vorteile: «Bei uns ist der Gast immer nah am Künstler. Und wer auftritt, steht hinterher auch für Gespräche oder Autogramme zur Verfügung.» Normalerweise gibt es im Saisonprogramm nur eine Lesung, die üblicherweise für den Februar eingeplant wird.

Der Auftritt von Arno Camenisch jetzt zum Saisonauftakt kam ausser der Reihe zu Stande, weil der Autor vor zwei Jahren schon mal zu Gast war und von sich aus angefragt hatte, ob er nicht sein neues Buch «Herr Anselm» vorstellen könnte. Natürlich wurde für ihn ein Termin gefunden.

Das traf sich insofern, als dass Arno Camenisch ohnehin keine Lesung im üblichen Sinn bot. Er steht in Jeans und Turnschuhen vorm Publikum und erzählt mit Charme und rauer Stimme seinen Roman. Fast auswendig verkörpert er den Ich-Erzähler, einen 60-jährigen Abwart, der nach 33 Jahren Arbeit erfahren musste, dass seine Schule geschlossen wird. Zur Einleitung fällt er noch einmal aus der Rolle:

«Wir sind irgendwo in Graubünden, in einem kleinen Dorf an einem Nachmittag Ende August. Und eigentlich ist es eine Liebesgeschichte, denn Herr Anselm steht am Grab seiner verstorbenen Frau und spricht mit ihr.»

Nach einigen Szenen unterbricht Camenisch seinen hochdeutschen Vortrag, um in Mundart Anekdoten zum Stoff und aus seinem Leben zu erzählen. Sein Publikum lacht an den richtigen Stellen, kauft den Büchertisch der Buchhandlung Bodan verschwenderisch leer und lässt sich die Bände mit Bleistift signieren. Denn - wie einst ein Archivar dem Autor und später seiner Romanfigur sagte:

«Tinte bleicht aus, nur Grafit ist für die Ewigkeit.»


Am 20. Februar liest Charles Lewinsky aus seinem Roman Der Stotterer in der Linde in Tägerwilen. Auch hier wird ein vorgängiger Apéro geboten.

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