Kreuzlinger Asylzentrum ist nach der Umstellung halb leer

Seit dem 1. März leben im Asylzentrum nur noch abgewiesene Flüchtlinge. Negative Auswirkungen sind bislang trotz anfänglicher Befürchtungen ausgeblieben. Das hat seinen Grund.

Martina Eggenberger Lenz
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Rechts das Asylzentrum an der Döbelistrasse, links ein privates Bauprojekt. (Bild: Martina Eggenberger)

Rechts das Asylzentrum an der Döbelistrasse, links ein privates Bauprojekt. (Bild: Martina Eggenberger)

«Ich habe kein Problem mit denen», sagt eine Seniorin. Sie wohnt seit 60 Jahren im Quartier und hat von ihrem Balkon aus freie Sicht auf das Asylzentrum. An diesem Morgen ist sie unterwegs zum Aldi. Der Weg führt am Bauplatz vis-a-vis des ehemaligen Empfangszentrums vorbei. «Was hier läuft, interessiert mich mehr.»

Asylbewerber hängen nicht mehr rum

Selbstbewusst geht die Frau auf die zwei Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes zu, die scheinbar gelangweilt vor der Absperrung stehen. «Tut uns leid, wir wissen es selber nicht», erklären die beiden. Nun, das Bauprojekt ist privat. Ein Künstler erstellt auf der riesigen Parzelle ein Atelier mit Wohnung. Mit Flüchtlingen hat diese Baustelle nichts zu tun.

Es sei ruhig geworden um das Asylzentrum. «Ich sehe niemanden mehr. Es kommt mir fast ein bisschen komisch vor», sagt eine andere Anwohnerin, die gerade mit dem Hündchen unterwegs ist. Früher, also bevor das Empfangszentrum im März zum Ausreisezentrum umfunktioniert wurde, hätten sich oft Asylbewerber auf dem Parkplatz vor den Kleingärten aufgehalten.

«Ich habe aber nie eine schlechte Erfahrung gemacht. Ab und zu hat mich mal einer nach einer Zigi gefragt. Das ist alles.»

Das Asylzentrum im Döbeli befindet sich in einem Wohngebiet. Es grenzt an Reihenhäuser und Wohnblocks. Hier die mit Geranien geschmückten Balkone, dort die von Kameras bewachten kahlen Betonmauern. Im einen Haus leben Familien, Rentner und junge Paare ihren ganz normalen Alltag. Im anderen warten abgewiesene Asylbewerber auf die Rückreise in ihr Heimatland.

Anwohner fühlen sich sicher im Quartier

«Neuerdings werden sie oft in Kleinbussen weg gefahren», erzählt ein Anwohner, der gerade sein Gepäck für die Reise an ein Musikfestival ins Auto packt. Und wie wenn es abgesprochen gewesen wäre, kurvt wenig später ein solches Fahrzeug um die Ecke. Etwa acht Männer sitzen drin. Sie tragen orange Leuchtwesten. «Wahrscheinlich gehen die jetzt fätzeln», vermutet ein Beobachter.

Eine junge Frau sagt: «Ich sehe die Polizei weniger vorfahren. Auch das Krankenauto war früher häufiger da.» Doch selbst in den Zeiten, in denen die Asylbewerber mehr auf der Strasse unterwegs waren, habe sie sich im Quartier nie unwohl gefühlt.

Ismail Kanbur, Schrebergarten-Besitzer im Döbeli, berichtet von Einbrüchen. (Bild: Martina Eggenberger)

Ismail Kanbur, Schrebergarten-Besitzer im Döbeli, berichtet von Einbrüchen. (Bild: Martina Eggenberger)

Das geht auch Ismail Kanbur so. Er selber habe nie Angst gehabt. Obwohl bei ihm im Schrebergarten schon zwei Mal eingebrochen worden sei. Und obwohl er verdächtige Aktionen mit deponierten Gegenständen auf dem Parkplatz beobachtet habe. «Aber dieses Jahr? Nein, da war noch nichts.»

Stimmung im Asylcafé ist hoffnungsloser

Agathu-Präsident Karl Kohli. (Bild: Andrea Stalder)

Agathu-Präsident Karl Kohli. (Bild: Andrea Stalder)

Karl Kohli weiss, wieso es äusserlich ruhig geworden ist ums Asylzentrum. Statt wie vorher über 300 würden aktuell nur ein paar Dutzend Asylbewerber in Kreuzlingen einquartiert sein. Und diese seien besser betreut. Der Präsident des Asylcafés Agathu nimmt aber einen gravierenden, wenn auch zu erwartenden Unterschied wahr: «Früher waren die Leute hoffnungsvoll. Jetzt sind sie enttäuscht. Zum Teil sehr enttäuscht.» Das Agathu-Team versuche, den Besuchern mehr Gespräche und auch eine intensivere Animation anzubieten. «Wir müssen uns an die neue Situation erst noch gewöhnen.»

Das Bundesasylzentrum

Das Staatssekretariat für Migration SEM bestätigt die Zahlen. In den letzten drei Monaten betrug die Belegung zwischen 65 und 85 Personen. Im Empfangszentrum waren es zuletzt zwischen 145 und 180 Personen. Die eigentliche Kapazität des Zentrums beträgt 290 Personen. Die Zahl der Asysuchenden in der Schweiz sei aktuell tief. Das wirke sich auf die Zentren aus, heisst es beim SEM. In Kreuzlingen habe man weder das Sicherheitskonzept noch die Beschäftigungsprogramme geändert. Auch seien die Ausgangszeiten der Bewohner gleich wie früher.

Stadt und Polizei sprechen von erfolgreichem Start

Der Kreuzlinger Stadtpräsident Thomas Niederberger. (Bild: Donato Caspari)

Der Kreuzlinger Stadtpräsident Thomas Niederberger. (Bild: Donato Caspari)

Beim Bund spricht man von einem reibungslosen Ablauf der Umstellung. Das sieht auch der Kreuzlinger Stadtpräsident Thomas Niederberger so. «Der Betrieb ist sehr gut gestartet.» Besonders positiv wertet er, dass der Austausch aller beteiligten Partner ausgezeichnet funktioniere. «Nein, das Ausreisezentrum macht mir kein Bauchweh.» Die Kantonspolizei Thurgau bestätigt, dass die Situation um das Asylzentrum ruhig ist. «Die Zahl der Einsätze ist praktisch unverändert», sagt deren Mediensprecher auf Anfrage.

Heute Samstag, 17 Uhr, findet im Torggel Rosenegg im Rahmen des Flüchtlingstages eine Podiumsdiskussion zum Thema Ausreisezentrum statt.