Interview

Kreuzlinger Arbeitgeber-Präsident: «Wir müssen grösser denken»

Sie haben die letzten Jahre den Arbeitgeberverband Kreuzlingen und Umgebung geprägt. Jetzt treten sie beide zurück. Jürg Kocherhans und Sekretär Fabian Kapfhamer über mutlose Unternehmer, Anfeindungen und Rezepte gegen die Krise.

Martina Eggenberger Lenz
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Jürg Kocherhans, Präsident des Arbeitgeberverbandes Kreuzlingen und Umgebung, und Sekretär Fabian Kapfhamer hören auf. (Bild: Reto Martin)

Jürg Kocherhans, Präsident des Arbeitgeberverbandes Kreuzlingen und Umgebung, und Sekretär Fabian Kapfhamer hören auf. (Bild: Reto Martin)

Herr Kocherhans, als Sie vor acht Jahren das Präsidium des Arbeitgeberverbandes übernommen haben, bezeichneten Sie sich als Optimist. Sind Sie das immer noch?

Jürg Kocherhans: Absolut. Das ist mein Naturell. Ich betrachte Dinge zwar bewusst auch kritisch, aber immer mit optimistischem Ausblick.

Obwohl die letzten acht Jahre wirtschaftlich nicht gerade einfach waren?

Jürg Kocherhans: Moment, je nach Branche waren es sogar ganz gute Jahre! Denken wir an den Immobilienbereich. Der Eurokurs war für viele Betriebe die grösste Herausforderung, ja. Aber auch hier sieht man: Viele haben ihre Hausaufgaben gut gemacht und sind heute fast besser aufgestellt als vor acht Jahren. Als der Euro noch bei 1.60 war, ging es halt relativ einfach. Wir mussten dann unsere Komfortzonen verlassen. Bis auf die Detaillisten konnten sich viele gut neu positionieren. Bei den Detaillisten liegt ein Teil der Probleme auch im Onlinehandel begründet.

In Kreuzlingen wurde in den letzten Jahren oft gejammert. Das schwierige Umfeld wurde oft thematisiert. Und trotzdem sind die meisten Firmen immer noch da.

Fabian Kapfhamer: Wir haben jahrelang von der Grenzlage profitiert. Nirgends sonst im Thurgau gab es beispielsweise sechs Bijouterien. Es ist ein Nehmen und Geben, ein Kommen und Gehen. Die Etablierten und Engagierten, die bleiben. Die Statistik zeigt, dass es letztes Jahr mehr Konkurse gab, aber auch mehr Firmengründungen.

Jürg Kocherhans: Wir waren als Grenzstadt vielleicht früher betroffen als andere. Detailhandel und Gastronomie leiden schon.

Oder auch Ihre Branche, der Küchenbau, oder? Was war Ihr persönliches Rezept gegen die Konkurrenz aus Konstanz?

Jürg Kocherhans: In unserem Unternehmen sind wir der Überzeugung, dass wir mit unserer Dienstleistung und qualitativ gut ausgebildeten Fachleuten dem Kunden einen Mehrwert bieten können – gegenüber den Mitbewerbern auf der deutschen Seite. Wir haben unsere Ausstellung vergrössert. Unsere Mitarbeiter sind Berater, keine Verkäufer. Wir können dank der eigenen Produktion gut auf Kundenwünsche eingehen.

Herr Kapfhamer, als Anwalt sind Sie kein klassischer Arbeitgebervertreter. Wieso sind Sie damals Sekretär geworden?

Fabian Kapfhamer: Vor allem aus Interesse. Das unternehmerische Wissen bringt eher der Präsident ein, aber die Unterstützung in formellen Fragen geht oft auf irgendein Gesetz zurück. Ein Anwalt bringt für diese Funktion das beste Rüstzeug mit. So weit ich mich zurückerinnern kann, waren die Sekretäre unseres AGV Juristen. Im Vorstand sind alle grossen Unternehmen vertreten. Ich sehe mich als Support für den Vorstand und den Verband. Im Gegensatz zum Präsidenten habe ich ja auch ein Mandat und arbeite nicht ehrenamtlich.

Wie nah ist man als AGV-Vertreter eigentlich der Basis?

Fabian Kapfhamer: Es wird vieles an uns herangetragen, fast täglich. Wir sind in engem Austausch mit unseren Mitgliedern. Es kommen Anfragen zu Lohnempfehlungen, zu Vorlagen für Arbeitsverträge, kreuz und quer. Wenn wir der Meinung sind, etwas geht über ein Einzelinteresse hinaus, dann können wir als AGV an die Behörden und Verwaltungen herantreten, als Vertreter von knapp 200 Firmen, beziehungsweise über 7000 Angestellten.

Und ab und zu bringt sich der Verband auch politisch ein.

Jürg Kocherhans: Ja, bei der Wahl des Stadtpräsidenten, wo wir Hearings durchgeführt und dann zusammen mit dem Gewerbe eine Wahlempfehlung ausgesprochen haben.

Aber Tradition hat das nicht, dass der AGV bei der Stadtpräsidentenwahl mitredet, oder?

Fabian Kapfhamer: Nein! Das war eine Ausnahme. Die Situation der Arbeitgeber war gefährdet. Deshalb haben wir uns engagiert, ausnahmsweise. Politisch halten wir uns eigentlich zurück. Uns geht es um gute Rahmenbedingungen für die Wirtschaft.

Jürg Kocherhans: Ich habe mir ab und zu auch erlaubt, mich politisch einzubringen.

Beim Stadthaus, das Sie befürworteten, und bei der Schwimmhalle, die Sie in der ersten Runde ablehnten.

Jürg Kocherhans: Ich habe damals viele Reaktionen erhalten. Wegen meines Engagements gegen die Schwimmhalle wurde ich massiv angefeindet. Das bekamen sogar meine Kinder zu spüren. Oder es gab Geschäftspartner, die nicht mehr mit mir zusammenarbeiten wollten. Gleichzeitig gab es auch viele, die mich unterstützt haben, mir für mein Engagement gedankt haben. Unter dem Strich war es wohl ein Nullsummenspiel.

Sie bereuen es also nicht?

Jürg Kocherhans: Nein. Das ist Teil unserer Demokratie, dass man seine Meinung sagen darf. Unternehmer haben immer Angst, es schade ihrem Geschäft, wenn sie sich politisch exponieren. Viele Unternehmer haben leider den Mut verloren.

Wie beurteilen Sie denn die Rahmenbedingungen in Kreuzlingen?

Fabian Kapfhamer: Der Einfluss der Gemeinden vor Ort ist relativ klein, die Rahmenbedingungen der Arbeitgeber werden primär von Bund und Kanton festgelegt. Beim Bau gibt es noch etwas Spielraum. Maximale Gebäudelängen, das interessiert zum Beispiel auch eine Amcor, Mowag oder Chocolat Bernrain. Bei solchen Themen werden wir aktiv. Generell ist unsere Region unternehmerfreundlich, der Austausch mit den Behörden ist sehr gut.

Was vom Gewerbe immer wieder kritisiert wird, ist, dass es in Kreuzlingen keine Expansionsmöglichkeiten gibt.

Jürg Kocherhans: Ja, mit der Mowag war das ein riesiges Thema. Für uns ist wichtig, dass das Unternehmen in der Region bleiben konnte.

Fabian Kapfhamer: Der Verband heisst ja AGV Kreuzlingen und Umgebung. Regional ist das doch überhaupt kein Verlust, wenn die Mowag in Tägerwilen baut. Und die Arbeitsplätze bleiben vor Ort. Man darf hier nicht so kleinkariert denken.

Wo sehen Sie denn den Wirtschaftsstandort Kreuzlingen in zwanzig Jahren?

Jürg Kocherhans: Wir müssen grösser denken, über Gemeindegrenzen weg, um die Arbeitsplätze zu erhalten. Unsere Region hat ja auch viele Vorteile. Die Menschen leben gerne hier. Unsere Betriebe haben Zukunftschancen und im Bereich Bildung sind wir sowieso stark. Ich habe keine Angst um unsere Zukunft.

Fabian Kapfhamer: Wir müssen uns als Gesamteuropa im globalen Wettbewerb durchsetzen. Wir dürfen uns nicht im Formularkrieg verlieren. Sonst gehen wir kaputt.

Herr Kocherhans, Sie als politisch interessierter Mensch: Werden Sie sich in Zukunft in einem anderen Gremium einbringen?

(lacht) Es gab Anfragen, die habe ich aber abgelehnt. Ich engagiere mich jetzt seit dreissig Jahren irgendwie, jetzt will ich einfach mal schauen, was die Zukunft bringt.

Neue Führungscrew

An der heutigen Generalversammlung des AGV Kreuzlingen und Umgebung werden Jürg Kocherhans und Fabian Kapfhamer verabschiedet. Kocherhans war seit 2011 Präsident des Verbandes, Kapfhamer seit 2004 Sekretär. Als neuer Präsident stellt sich Attila Wohlrab, Geschäftsleiter der Immokanzlei AG, zur Verfügung. Der Jurist Rolf Bickel wird Sekretär. (meg)

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