Kreuzlingen: Zwischen Delirium und Delikatesse

Lara Stoll und Martina Hügi kehren an ihren Ausbildungsort zurück – als gestandene Slam-Poetinnen, nicht als Lehrerinnen. Um Kabarett in Kreuzlingen schön frech zu eröffnen.

Dieter Langhart
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Lara Stoll und Martina Hügi eröffnen gemeinsam Kabarett in Kreuzlingen. (Bild: Dieter Langhart)

Lara Stoll und Martina Hügi eröffnen gemeinsam Kabarett in Kreuzlingen. (Bild: Dieter Langhart)

Auch andere Titel wären möglich gewesen: «Die Schöne und das Biest» (Martina Hügi elegant, Lara Stoll im Schlabberlook) oder «Die PMS-Absolventinnen» (beide haben die Pädagogische Maturitätsschule durchlaufen) oder «Grau in Grau» (das einzig Farbige auf der Aula-Bühne waren Laras Gitarre und der dunkelblaue Vorhang) oder «Stadtrat Kreuzlingen fast vollzählig anwesend» (Micky Altdorf zum Geleit).

Doch ein Wortspiel macht sich immer gut, wenn zwei Slam-Poetinnen aus dem Thurgau den Thurgau rocken, dass das Publikum Tränen lacht und sich die Hände wund klatscht. Wenn das Publikum Bauklötze staunt, wie Martina Hügi aus Klötzchen immer wieder neue Wörter wie «Deli», «Leid» und «Mitleid» baut, bis endlich das Wort «Delirium» als Turm auf dem Tischchen steht. «Etwas Aufbauendes», sagt Hügi. Also nicht so etwas Freches wie der Pfarrer kurz danach, das «einzige kastrierte Tier» im Ort.

Normal ist, wenn es absurd ist

Hügi und Stoll bestreiten den Thurgauer Abend, mit dem Kabarett in Kreuzlingen (KIK) «das erste Frauenkabarettfestival mit garantierter Männerquote» (Ohne Rolf) eröffnet. Klar, dass Micky Altdorf, künstlerischer Leiter des KIK und Mathe-Lehrer an der PMS, seine ehemaligen Schülerinnen auf der Bühne wollte. Klar, dass die rasanten Wortverdreherinnen das Publikum auf ihrer Seite haben, allein für sich und in der Schlussrunde zu zweit wie schon bei Giacobbo/Müller. Ein Publikum, das mehrheitlich im Alter ihrer Eltern ist.

Egal. Es kugelt sich vor Lachen, es schluckt auch mal leer. Es geniesst die oft leisen Pointen Martina Hügis und die absurden Tiraden, die Lara Stoll unter ihrer Strickkappe hervorstösst. Es leidet mit, wenn Lara Stoll ihre Gitarre mit nur zwei Akkorden malträtiert und in «Zehn kleine Pädagogen» Peach Weber parodiert; es verfolgt genau, was Martina Hügi mit ihrem Pritt-Stift tut, der sich wie ein absurder Running Gag durchs Programm zieht.

Der Thurgauer Abend folgt einem einfachen Schema: Anmoderation (Stoll), erstes Set (Hügi), zweites Set (Stoll), Finale (Hügi und Stoll). Er schlägt aber ein irres Tempo an. Martina Hügi hält sich an ihr aktuelles Programm «Delirium». Sie legt dem Publikum erst die Klötzchen, dann liest sie ihrem ersten Date die Leviten und fordert: Kein Sex ohne Feedback danach.

Nicht der Bauch, sondern der Kopf ist die Problemzone

Sie widerspricht in einem Lied dem Gewichtswahn: «Die Problemzone ist nicht der Bauch, sondern der Kopf.» Sie wechselt zwischen den Themen ebenso nahtlos wie zwischen dem Thurgauer und Zürcher Dialekt. Die drei Geschichten von Dorfpolizist Spitzli sind weniger zündend als jene von der Ehe, die bitter wie Rucola ist und nicht zartschmelzend wie Raclette.

Grandios beendet Hügi ihre Stunde: Denn sie verdammt die Laubbläser ja nur, damit wir das Smartphone endlich vom Gesicht nehmen und das Geräusch selber machen und «den andern wieder mal sehen». Und statt der Pause gibt es einen Wortspieltext, der auf «masturbi et orbi» endet.

«Nicht alles war schlecht am Semi»

Dann Lara Stoll: lässig und abgeklärt, wortspielerisch und absurd. Sie ist mitten im «Krisengebiet 2», das sie auszugsweise darbietet, bisweilen umdichtet, die zerknitterten Blätter in der einen Hand, die andere oft zur Faust geballt. Sie gibt das Märchen vom «Kleinen Parmelin» zum Besten und den Abgesang auf die Bakterien in und auf ihrem Körper.

Sie sinniert über ihre fortschrittliche Mutter, die in die Cloud abgewandert ist; sie schreit «ein nettes Lied» zur Gitarre und macht dann endlich die erbarmungslos schnarchenden Männer nach.

«Nicht alles war schlecht am Semi», sagen Lara Stoll und Martina Hügi und grinsen, als sie zum gemeinsamen Finale kommen. Das ehrwürdige Thurgauerlied drehen sie durch die Mangel, denn sie waren ja «dem Dialekt erbarmungslos ausgeliefert». Das Publikum johlt und stampft und klatscht und hat es genossen.

Hinweis Programm und Reservation auf www.kik-kreuzlingen.ch