Kreuzlingen
Nach 30 Jahren Konzerten, Party und Theater: Ein letzter Rundgang durch das Kulturzentrum Z88 – und durch alte Zeiten

Wenn diese Mauern sprechen könnten: Das Kulturzentrum Z88 in Kreuzlingen macht Platz für das neue Hallenbad. Wir haben das Kultlokal ein letztes Mal besucht.

Martina Eggenberger Lenz
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30 Jahre hat das Kulturzentrum an der Hauptstrasse 88a überstanden. Jetzt wird es abgerissen.

30 Jahre hat das Kulturzentrum an der Hauptstrasse 88a überstanden. Jetzt wird es abgerissen.

Bilder: Andrea Stalder (19. Februar 2020)

Es gibt wenige Kreuzlinger der mittleren Altersgruppe, die nicht ein persönliches Erlebnis mit dem Z88 verbinden. 30 Jahre hat das Kulturzentrum an der Hauptstrasse 88a überstanden. Könnten die Wände sprechen, würden sie sicherlich Geschichten erzählen. Lustige, peinliche, traurige. So wie es sich für ein von jungen Leuten gegründetes, geführtes und gelebtes Lokal gehört.

In wenigen Tagen werden die Mauern weg sein. Alles, was bleibt, Erinnerung. Markus Reitze steht in der alten Beiz, entdeckt da ein Detail, dort eine Besonderheit. Das Vorstandsmitglied des Kulturvereins hat das «Z» ganz zu Beginn noch als Gast erlebt. Seit 20 Jahren engagiert er sich aktiv mit.

13 Bilder

Bilder: Andrea Stalder

Mit dem Lokal hat sich der Verein entwickelt

Er erinnert sich daran, wie die Stadt 1991 den jungen Erwachsenen die ehemalige Uhrenwerkstatt zur Nutzung freigab. An die vielen Umbauarbeiten, die vom Verein selbst gestemmt wurden. An die Gesuche, die beim Kanton für die Anschaffung der Infrastruktur eingereicht wurden. Reitze sagt:

«Es war lässig, wild und chaotisch. Wir hatten die Chance, langsam zu wachsen.»

Kurt Peter ist schlicht das Z88-Urgestein. Er war bei der Gründung des Vereins 1988 dabei und wirkt auch heute noch mit. Ein Teil der Initianten seien aus der damaligen Jugendhaus-Kultur gekommen. Man habe sich gesagt: «Warum immer nach Konstanz gehen? Wir wollen in Kreuzlingen auch was. Wir haben diese Bude gesehen und gedacht: Die wäre was für uns.» Aktuell wird «die Bude» seziert. Wie in praktisch allen Bauten dieser Zeit gibt es Altlasten, die einer Spezialentsorgung bedürfen. Ist dieser Teil des Rückbaus abgeschlossen, fahren die Bagger auf.

Bierleitung gekappt: Vorstandsmitglied Markus Reitze im Keller.

Bierleitung gekappt: Vorstandsmitglied Markus Reitze im Keller.

Bild: Andrea Stalder

Der Kulturverein hat vergangenen Frühling bekanntlich das neue Lokal an der Löwenstrasse bezogen. «Wir haben damals alles, was wir irgendwie weiter verwenden konnten, mitgenommen», erklärt Markus Reitze. Die Züglete habe die Mitglieder so in Anspruch genommen, dass gar keine Zeit für einen sentimentalen Abschied geblieben sei.

Immer Ärger mit den Nachbarn

Doch jetzt, im leeren Raum, kommen die Bilder. Es gab Abende, an denen Reitze Konzertbesucher abweisen musste, weil drinnen bereits mehr als 200 Menschen feierten. Dann gab es Krisenzeiten, in denen sich der Vorstand fragte, was er anders machen müsse, damit das Volk wiederkommt. Zehn Bundesordner füllen die Lärmklagen aus der Nachbarschaft. Nach dem Einbau der neuen Fenster war nicht mehr die Musik das Problem, sondern die vor die Tür verbannten Raucher. Kurt Peter betont:

«Die Sofas haben wir alle fünf Jahre ausgewechselt. Aus naheliegenden Gründen. Und ich bin froh, dass die Pflanze, die seit der ersten Stunde im Z lebt, nicht reden kann.»

Letztere habe wahrscheinlich mehr Bier und Schnaps geschluckt als Wasser. Immerhin gedeihe sie fröhlich weiter. Ruedi Wolfender, der Leiter des Departements Gesellschaft und Liegenschaften bei der Stadt, begleitet die Abbrucharbeiten. Er sei früher nicht im Z verkehrt, er habe seine Freizeit anders verbracht. Von Amtes wegen habe er dann das Kulturzentrum kennen gelernt und sich später auch die Theater-Eigenproduktionen angesehen.

Blick in den ehemaligen Veranstaltungsraum.

Blick in den ehemaligen Veranstaltungsraum.

Bild: Andrea Stalder

Die Devise der Stadt sei immer gewesen, den Nutzern eine funktionierende Hülle zur Verfügung zu stellen. Der Inhalt müsse von den Kulturschaffenden kommen. Das handhabe man nun beim Schiesser-Areal wieder so. Das Z88 hat sich entschieden, die Komfortzone einer städtischen Liegenschaft zu verlassen, wie Reitze sagt. Der neue Standort sei für den Verein eine grosse Chance, er bringe neue Anreize. Aber es gebe auch den Druck, die Miete zu generieren.

«Als Kulturverein muss man auch einmal bestehende Pfade verlassen.»

Ein neues Daheim hat auch die Klausengesellschaft bekommen, die ebenfalls viele Jahre im Lokal untergebracht war. Neu füllen die Chläuse ihre 1000 Säckli im Schiesser-Areal. «Es ist für uns ein Supertausch», sagt Präsident Thomas Bitschnau. Der neue Vereinsraum sei besser zugänglich und grösser. «Wir sind froh.»

Die Gäste sind weg, jetzt stehen Werkzeugkisten an der Bar.

Die Gäste sind weg, jetzt stehen Werkzeugkisten an der Bar.

Bild: Andrea Stalder