Kreuzlingen
«Ich musste noch nie in so grosse Fussstapfen treten»: Neue Präsidentin übernimmt beim Verein Agathu

Nach zwölf Jahren übergibt Karl Kohli die Präsidentschaft des Vereins Agathu an Brigitta Hartmann. An seiner letzten Jahresversammlung nahmen ihm zu Ehren Regierungsrätin Cornelia Komposch und Stadtpräsident Thomas Niederberger teil.

Inka Grabowsky
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Brigitta Hartmann übernimmt von Karl Kohli das Präsidium des Agathu.

Brigitta Hartmann übernimmt von Karl Kohli das Präsidium des Agathu.

Bild: Inka Grabowsky
«Ich bin dankbar für das, was gelungen ist. Für das, was nicht gelungen ist, bitte ich um Nachsicht.»

Das sagt Karl Kohli bei der letzten Jahresversammlung der «Arbeitsgruppe für Asylsuchende Thurgau» – kurz Agathu, die er als Präsident moderiert. Seit 2010 hat er die Geschicke des Vereins geleitet und dabei viele Krisen gemeistert.

Im Publikum sitzen deshalb nicht nur die Vereinsmitglieder, sondern auch Politprominenz. Stadtpräsident Thomas Niederberger bedankt sich im Namen Kreuzlingens für das langjährige Engagement: «Du hast mit vielen Helfern das Leben von Geflüchteten einfacher und würdevoller gemacht. Es wäre schön, wenn alle so respektvoll miteinander umgingen wie du mit deinen Gesprächspartnern.» Regierungsrätin Cornelia Komposch kontert die Bescheidenheit des alt Präsidenten:

«Doch, dir ist sehr viel gelungen im Agathu.»
Cornelia Komposch, Regierungsrätin.

Cornelia Komposch, Regierungsrätin.

Bild: Ralph Ribi

Die Arbeit hier sei eine wichtige Ergänzung zu dem, was die kantonale Verwaltung tun könne und müsse. Das habe damit zu tun, dass sich hier so viele Leute engagieren. «Ohne deinen Charme und deine Beharrlichkeit wären wir nicht so weit.»

Migranten und Einheimische machen gemeinsam Ausflüge

Wie viel Integrationsarbeit bei Agathu geleistet wird, zeigen die Berichte aus den einzelnen Projekten. Nebst Sprachcafé, Lernwerkstatt, Nähcafé, Traumagruppe, dem Organisationskomitee für den Flüchtlingstag, den Kontakten zur Bildungsorganisation «Dialog en Route» und der Patenvermittlung gibt es nun das Programm «Entdecke die Region», bei dem Migranten und Einheimische gemeinsam Ausflüge machen. Am 25. Juni wandert die Gruppe beispielsweise nach Triboltingen.

Das Projekt «Integration dank Arbeit» konnte auf vergangene Erfolge bei der Vermittlung von Arbeitsstellen verweisen, will sich jetzt aber neu ausrichten. Die Menschen im Ausreisezentrum dürften schliesslich nicht arbeiten, und das Migrationsamt habe inzwischen eigene Jobcoaches. Als Ansprechpartner zu allen Fragen rund um den Arbeitsplatz wollen die Mitglieder aber weiter zur Verfügung stehen. Neu ist auch die Zusammenarbeit mit Glocalmeets.com. Über die Onlineplattform werden Kontakte zwischen Einheimischen und Migranten vermittelt.

Viel Raum nimmt derzeit die Hilfe für die Geflüchteten aus der Ukraine ein. Trotz der grossen Unterstützung durch die Bevölkerung werden noch immer Menschen gesucht, die beim Deutschunterricht oder bei der Mal- und Spielgruppe für Kinder am Samstagnachmittag mitwirken. Ukrainehilfe-Koordinator Reiner Bodmer sagt:

«Inzwischen sind viele der Ukrainerinnen – zwei Drittel sind ja Frauen – privat untergekommen.»
Reiner Bodmer, Ukrainehilfe-Koordinator beim Agathu.

Reiner Bodmer, Ukrainehilfe-Koordinator beim Agathu.

Bild: Inka Grabowsky

Doch nach einigen Monaten in Wohngemeinschaften mit Gastfamilien bräuchten sie eine eigene Wohnung. «Ausserdem wollen sie arbeiten. Wir werden bei der Suche assistieren.»

Im Herbst war die Welt noch eine andere

Brigitta Hartmann, die nach einem Jahr im Vorstand des Vereins nun das Präsidium von Karl Kohli übernimmt, startet mit Verantwortungsbewusstsein:

«Ich musste noch nie in so grosse Fussstapfen treten.»

Sie werde zwar im Juni pensioniert, aber so viel wie Kohli werde sie nicht schaffen können. Immerhin muss die Weinfelderin sich der Herkulesaufgabe nicht allein stellen. Alle im Verein hätten ihr zugesichert mitzuziehen. Hartmann, die von 2004 bis 2020 für die Grünen im Grossen Rat sass, hatte bereits vergangenen Herbst ihre Bereitschaft erklärt. «Damals war die Welt allerdings noch in einem etwas besseren Zustand. Deshalb bin ich noch einmal über die Bücher. Und ich konnte immer noch sagen: Ja, ich will.»

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