Kreuzlingen
139 Kirchenaustritten stehen nur 2 Eintritte gegenüber: Pfarrer Edwin Stier macht dafür unter anderem die Sexualisierung des Alltags verantwortlich

Die Jahresrechnung 2020 der Katholischen Kirchgemeinde Kreuzlingen schliesst mit einem Plus von über 300'000 Franken. Doch der Kirchenpfleger Simon Tober warnte an der Versammlung, dass die regelmässigen Einnahmen gesunken seien.

Inka Grabowsky
Merken
Drucken
Teilen
Elmar Raschle tritt nach über 17 Jahren aus dem Kirchenvorstand zurück. Nora Ahlburg ist seine Nachfolgerin.

Elmar Raschle tritt nach über 17 Jahren aus dem Kirchenvorstand zurück. Nora Ahlburg ist seine Nachfolgerin.

Bild: Inka Grabowsky

Die Katholische Kirchgemeinde Kreuzlingen schliesst das Rechnungsjahr 2020 mit einem überraschenden Plus. Gut 328'000 Franken Gewinn stehen zu Buche. Er wird zum grössten Teil in die geplante Solaranlage auf dem Stefans- und Ulrichshaus fliessen, ein anderer Teil geht in den Liegenschaftsfonds und das Eigenkapital. «Dass wir Gewinn gemacht haben, ist gut, aber es beruht auf ausserordentlichen Erträgen», warnt Kirchenpfleger Simon Tobler.

«Unsere regelmässigen Einnahmen sind gesunken.»

Zu unfreiwilligen Einsparungen führten unter anderem die Einschränkungen durch die Coronapandemie. Anlässe, die ausfallen mussten, brachten 160'000 Franken weniger Kosten. Ausserdem haben Pfarrer Edwin Stier und Kaplan Marco Vonarburg erst im September respektive im November ihre Arbeit aufgenommen. Zuvor waren ihre Stellen einige Zeit vakant.

Optimismus beim neuen Pfarrer

Die 139 Kirchenaustritte in St.Stefan und St.Ulrich, denen nur 2 Eintritte gegenüberstehen, dürften langfristig Sorgen bereiten. «In Afrika und Asien erleben die Religionsgemeinschaften einen grossen Zulauf. Nur Europa scheint sich von seinen christlichen Wurzeln zu entfernen», sagte Pfarrer Stier.

«Die Revitalisierung der Religion ist eine spannende Herausforderung, der wir uns stellen müssen.»
Pfarrer Edwin Stier.

Pfarrer Edwin Stier.

Bild: Inka Grabowsky

Stier macht die digitale Revolution, die Migration, die Erlebnisgesellschaft, die Sexualisierung des Alltags und den um sich greifenden Relativismus, bei dem es keine verbindlichen Werte mehr gibt, als globale Problemfelder aus, die allen religiösen Gemeinschaften – inklusive der einst aktiv missionierenden Freikirchen – zu schaffen machten.

Mut machen Stier in seinem Kampf gegen den chronischen Skeptizismus engagierte Mitarbeitende – und davon bekam er bei der Kirchgemeindeversammlung drei neue. Nach über 17 Jahren in der Kirchenvorsteherschaft gab Elmar Raschle sein Amt ab. Nora Ahlburg wurde mit 55 von 60 abgegebenen Stimmen als seine Nachfolgerin gewählt. In der Revision löst Adrian Lang Marcel Goldinger ab, der seit 1995 die Rechnung der Gemeinde mitgeprüft hat. Ursula Surber wird künftig das Wahlbüro als Urnenoffiziantin verstärken.

Priesterhaus sucht weitere Mieter

Positives hatte Kirchenpfleger Tobler vom Priesterhaus Bernrain zu berichten. Im August startet dort die Montessorischule und zahlt 2700 Franken Miete pro Monat. Sie war bisher einziger Interessent für die Nutzung des Gebäudes, das nach dem Auszug der polnischen Redemptoristen vergangenen Sommer nur noch von Pater Josef Gander und seiner Haushälterin bewohnt wird.

Für den Betrieb der Schule sind Renovationen nötig. «Rund 30'000 Franken könnten da auf uns zukommen», sagte Tobler. Noch immer stehen viele Räume leer. Sobald sich ein Nutzer für die übrigen zwei Stockwerke gefunden hat, wird die Kirchgemeinde den vor zwei Jahren beschlossenen grösseren Umbau angehen. Ebenfalls erst in Zukunft wird die Errichtung von weiteren Grabkammersystemen auf den Friedhöfen Bernrain und St.Ulrich erfolgen. Die Stadt als Eigentümer und deshalb als Investor wird sich 2023 respektive 2025 damit befassen.