Kranke Bischofszellerin wirbt für die Lungenliga: «Ich lasse mich nicht fallen»

Sauerstoff ist für Margrit Stettler ein kostbares Gut. Die Thurgauerin lebt mit der chronischen Lungenkrankheit COPD. Atemnot gehört zu ihrem Alltag. Und doch beweist die 74-Jährige einen langen Schnauf, sei es beim Fitness oder bei Dreharbeiten.

Ursula Ammann
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Mit regelmässigem Training hält sich die 74-jährige Margrit Stettler aus Bischofszell fit. (Bild: PD)

Mit regelmässigem Training hält sich die 74-jährige Margrit Stettler aus Bischofszell fit. (Bild: PD)

Keine Woche vergeht, ohne dass Margrit Stettler auf dem Laufband rennt und an Geräten Kraftübungen ausführt. Die 74-Jährige macht jeden Dienstag und Freitag Fitness. Und das – ausnahmslos – seit drei Jahren. Das Training ist für sie keine Last. Im Gegenteil: «Es hat mir eine Last genommen», sagt Margrit Stettler. Denn sie fühle sich dadurch deutlich energievoller. Man sieht der Bischofszellerin ihren Fleiss an. Sie sitzt aufrecht am Tisch, wirkt ausgesprochen athletisch.

Was hingegen keineswegs ins Auge sticht, ist ihre chronische Lungenkrankheit. Margrit Stettler hat COPD (siehe Kasten). Sie ist eine von rund 400 000 Betroffenen in der Schweiz. Jeden Abend vor dem Zubettgehen schaltet sie ihr Sauerstoffgerät ein, setzt sich die Schläuche an die Nase und tankt so über Nacht ihren Körper mit dem lebensnotwendigen Element auf.

Inhalationsspray im Handgepäck

Wenn sie tagsüber aus dem Haus geht, führt sie stets ein Inhalationsspray mit sich. «Es gibt Situationen, in denen ich Atemnot bekomme, begleitet von der Angst, zu ersticken», sagt sie. Zum Beispiel, wenn sie am Bahnhof innert kurzer Zeit auf einen anderen Zug umsteigen muss. Dann ist Margrit Stettler jeweils besonders froh um ihre Partnerin, die ihr zur Seite steht. Die beiden sind seit 35 Jahren zusammen und unternehmen regelmässig Reisen. Heute aber nur noch in der Schweiz. «Von der Welt haben wir zum Glück früher schon viel gesehen, als ich noch ganz gesund war», sagt die Bischofszellerin zufrieden. Zuhause spielt sie gerne Handorgel. «Die Musik tut mir gut», sagt sie. «Sie hilft mir dabei, die Krankheit für einen Moment zu vergessen.»

Mit der Diagnose COPD lebt Margrit Stettler seit 2011. Die Ärzte bemerkten die Krankheit, als sie mit einer akuten Lungenentzündung auf der Intensivstation lag. Das, obwohl sie Jahre zuvor mit dem Rauchen aufgehört hatte. Im Spitalbett schwebte sie zwischen Leben und Tod. Doch die Thurgauerin ist eine Kämpfernatur: «Ich lasse mich nicht fallen.» Auch den Brustkrebs hat sie bereits zweimal besiegt. Und, als Margrit Stettler vor gut zwei Jahren einen Schlaganfall erlitt, bewies sie einmal mehr einen langen Atem. In der Reha in Zihlschlacht habe sie wie wild trainiert, erzählt sie. «Ich wollte so schnell wie möglich den Geschicklichkeitstest bestehen, um wieder Auto fahren zu dürfen», sagt die Pensionärin, die früher aktiv an Rallyes teilgenommen hat.

Margrit Stettler mag es, in Gesellschaft zu sein

Nicht ständig daheim sitzen und Däumchen drehen, sondern raus unter die Leute gehen: Das ist eine Devise von Margrit Stettler. Sie mag es, in Gesellschaft zu sein, mit anderen zu lachen. «Wenn es mir mal nicht gut geht, habe ich kein Problem, das zu sagen», betont sie. Überhaupt pflegt die ehemalige Speditionsleiterin einen offenen Umgang mit ihrer Krankheit. Deshalb hat die Lungenliga Thurgau sie auch um Unterstützung gebeten.

Margrit Stettler ist das Gesicht einer neuen Kampagne, die für COPD sensibilisieren soll. Die Bischofszellerin ist nun auf Flyern und Info-Broschüren zu sehen. Und sie berichtet in einem Kurzfilm, wie sie mit ihrer Krankheit lebt. Acht Stunden hätten die Dreharbeiten gedauert – für drei Minuten Video, erzählt Margrit Stettler nicht ohne Stolz.

Die 74-Jährige hatte aber schon vorher einen guten Einfluss auf andere Betroffene. So hat sie es geschafft, zwei befreundete COPD-Patienten zum gemeinsamen Besuch des betreuten Trainings der Lungenliga zu motivieren. Für Ärzte und andere Fachleute gilt dies als schwierige Aufgabe, tendieren wegen der Krankheit doch viele dazu, sich zurückzuziehen. Margrit Stettler hingegen braucht die Bewegung wie die Luft zum Atmen. Einen Preis für ihre Beharrlichkeit beim Training hat sie zwar noch nicht erhalten. «Für mich ist es aber Auszeichnung genug, wenn ich vom jährlichen Lungenfunktionstest mit guten Werten zurückkomme», sagt sie. «Jeder Tag, an dem ich ohne Sauerstoffgerät das Haus verlassen kann, ist ein Geschenk.»

Chronische Krankheit

COPD, englisch für Chronic Obstructive Pulmonary Disease, ist eine chronische Lungenkrankheit. Sie macht sich in der Regel im Alter zwischen 40 und 55 Jahren bemerkbar. Typische Symptome sind Auswurf in Form von zähflüssigem Schleim, Husten sowie Atemnot bei Anstrengung. Die Ursache von COPD ist fast immer das Einatmen von Schadstoffen über einen längeren Zeitraum. Besonders gefährdet sind Raucher und Passivraucher sowie Menschen, die bei der Arbeit Staub oder Schadstoffen ausgesetzt sind. Ein Rauchstopp sowie Ausdauertraining bringen für Betroffene meist schon grosse Verbesserungen. Die Lungenliga Thurgau bietet nächstens Lungenfunktionstests zum vergünstigten Preis von 5 Franken an: am 20. November in Weinfelden, am 21. November in Frauenfeld und am 22. November in Amriswil (jeweils von 15 bis 18 Uhr, ohne Voranmeldung).

www.lungenliga-tg.ch